"Ich glaube an das Prinzip von Yin und Yang"
Interview mit Ang Lee zu "Brokeback Mountain"


Der Mann aus Taiwan ist eine wahrer Preis-Magnet: Für seine Schwulenkomödie "Hochzeitsbankett" und die Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit" räumte Ang Lee auf der Berlinale gleich doppelt den Goldenen Bären ab, sein "Tiger & Dragon" wurde zehnfach für den Oscar nominiert und bekam vier der Trophäen, für sein geniales Familiendrama "Der Eissturm" gab es die Drehbuch-Palme in Cannes. Und für sein jüngstes Werk "Brokeback Mountain" folgten nach dem Goldenen Löwen von Venedig vier Golden Globes und acht Oscar-Nominierungen. John Wayne würde bei diesem schwulen Western wohl glatt vom Pferd fallen ? handelt es sich doch um eine der schönsten Lovestorys des Jahres (Kinostart: 9.März). Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
Nach "Ride with the Devil"  ist dies Ihr zweiter Cowboy-Film, nach "Hochzeitsbankett" die zweite schwule Story - Zufall oder Absicht?
Ich bin einfach über diese Genres gestolpert und habe sie lieben gelernt. "Ride with the Devil" hat einen unmittelbaren Bezug zur Natur, ist eine Art Vorstufe zum Western. "Brokeback Mountain" erzählt eine einzigartige Liebesgeschichte, deren zentrale Themen Sexualität und Romantik sind. Das sind für mich zwei völlig verschiedene Geschichten.
Worin unterscheidet sich eine amerikanische Geschichte über Schwule von einer asiatischen?
Das "Hochzeitsbankett" handelte in einer asiatischen Familie, spielte in der Stadt und hatte viele Dialoge. In "Brokeback Mountain" bleibt vieles weitgehend unausgesprochen, ist sehr privater Natur. So unterschiedlich die Genres, liegt die große Gemeinsamkeit im Tabu. Wir Nicht-Amerikaner haben unser Bild über die USA hauptsächlich aus Hollywood. Diesem Image wollte ich ein hartes, konservatives Amerika gegenüberstellen. Nur weil die Iren das Western-Genre erfunden haben, heißt das nicht, dass das der wahre wilde Westen ist.
Harte Männer hatten in Marlboro-County bislang wenig Zeit für Gefühle, erst recht nicht für Gefühle zueinander...
Ich glaube an das Prinzip von Yin und Yang, die zwei Seiten einer Klinge. Die eine sehr maskuline und kämpferische Seite ist uns bekannt. Die andere Seite aber ist die feminine und sorgende Seite, sie ist uns weniger bekannt und zeigt sich beispielsweise wenn Cowboys mit ihren Tieren allein sind, wenn sie beginnen mit ihnen zu sprechen. Vielleicht muss ab und zu ein Ausländer wie ich kommen, um von dieser einseitigen Darstellung abzukommen.
Hängt mit Ihrem Ausländerstatus das Interesse für Außenseiter zusammen?
Ich war mein Leben lang Ausländer, meine Eltern flüchteten vor dem Bürgerkriegs in China. In Taiwan sah man mich als Außenseiter, zurück in China war ich plötzlich wieder ein Ausländer. Und in Amerika bin ich gleichfalls keine Amerikaner. Das macht es leicht, mich mit Charakteren zu identifizieren, die gegen den Strom oder auf der anderen Seite des Ufers schwimmen.
Wie schwierig war es, die Hollywood-Stars Jake Gyllenhaal und Heath Ledger für diese Rollen zu gewinnen?
Viele Stars hätten sicher Schwierigkeiten mit solchen Figuren gehabt, aber ein guter Schauspieler erkennt eine gute Rolle. Jake und Heath haben ganz einfach ausgeblendet, dass solche Parts kontrovers oder gar gefährlich für ihre Karriere sein könnten. Ich musste jedenfalls niemanden dazu zwingen, die Liebesszenen zu spielen - ich war ja hinter der Kamera.
So schön Ihre Lovestory sich entwickelt, hat sie doch ein tragisches Ende...
Liebe ist eine Illusion, das ist das Thema von "Brokeback Mountain". Wenn Liebe dauerhaft wäre, hätten wir vor 2000 Jahren aufhören können Geschichten darüber zu schreiben. Da wir dieses Gefühl aber nie wirklich ergründen können, ist die Liebe ein ewiges Thema. Unser Film zeigt die Liebe als Möglichkeit: Wir müssen an etwas glauben, wir brauchen Beziehungen. Wie der Wind im amerikanischen Westen jagen wir etwas nach, zu dem wir gehören wollen und es doch nicht kennen. Als Heath seine große Liebe endlich erkennt, ist es bereits zu spät für ihn.
Sie haben in völlig verschiedenen Genres gearbeitet - woher rührt dieser häufige Wechsel?
Ein Stoff muss mich ansprechen oder wichtig für mich ist. Meine ersten beiden Drehbücher hatten einen sehr persönlichen Hintergrund. Heute widme ich mich fremderen Themen, versuche auf meine Umwelt zu reagieren. Das Genre ist eine Art Brücke zwischen dem Material, mit dem ich mich befasse und dem Publikum, das einen vertrauten Kontext verlangt. Ich habe aber Angst davor, Genre-Filme zu machen. Ich möchte mich nicht festlegen lassen, darum gehe ich sehr freizügig mit den Genre-Regeln um.
Wann haben Sie Ihre Liebe zum Kino entdeckt?
Ich habe bereits in Taiwan mit einer Super-8 experimentiert, damals wurde mir klar, dass ich Filme machen will. Der Blick durch die Linse lässt für mich alles klarer erscheinen als im wirklichen Leben. In Taiwan gab es allerdings kein Geld für Filme, deshalb konzentrierte ich mich auf das Theater. Wobei eine gewisse Bühnenerfahrung sich allerdings als sehr hilfreich für das Kino erweist.
Warum sind Sie damals nach Amerika gegangen?
Für ihre Ausbildung gehen viele Taiwanesen nach Amerika oder Europa. Anfangs wollte ich nach Frankreich, aber die Sprache war zu viel für mich, also habe ich mich für die USA entschieden. Nach dem Abschluss der Filmschule, wurde eine Agentur auf mich aufmerksam, die mich unter Vertrag nahm. In den späten 80ern kam mein erstes Kind und so blieb ich in Amerika. Sechs Jahre später drehte ich mit "Pushing Hands" meinen ersten Film in New York, allerdings auf chinesisch.
Ab wann wissen Sie, ob Ihnen ein Film gelingt?
Natürlich gibt es Szenen, von denen man direkt beim Dreh überzeugt ist. Einen wirklichen Eindruck bekomme ich aber erst, wenn ich meine Rohfassung im kleinen Kreis zeige. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass man die erste Version verändern kann wie man will, die Richtung des Films und die Fragen, die er aufwirft, bleiben die gleichen: Wenn bemängelt wird, dass der Film zu lang ist, kann ich ihn um 40 Minuten kürzen und er wird immer noch für zu lang gehalten.
Hatten Sie je Angst vor einem Projekt?
Den meisten meiner Filme liegt ein solches Unbehagen zugrunde. Es ist eine Art Hulk in mir, der Herausforderungen sucht. Angst ist das Nachbargefühl von Begeisterung und Spannung, sie kann das Letzte aus einem herauskitzeln. Wobei es für mich beim Filmemachen weniger darum geht, jemanden zu beeindrucken, sondern Spannung zu erzeugen. Mich interessiert, was unter dem gesetzten, wohlgeordneten Leben rumort. Die gesellschaftliche Ordnung ist für das Zusammenleben unverzichtbar, doch jenseits des verstandesgemäßen Erlebens der Dinge gibt es eine Form von Aggression ? den Hulk in jedem von uns.
Wird es eine Fortsetzung von "Tiger & Dragon" geben?
Ich bin noch nicht sicher, es gibt viele Entwürfe, aber bisher war nichts Neuartiges dabei. Ich habe noch genügend andere Projekte. Außerdem werde ich älter und bin weniger darauf bedacht, sofort den nächsten Film drehen zu müssen. Ich war bis 30 auf der Filmschule, später war ich sechs Jahre arbeitslos ? mit dieser Erfahrung im Nacken, stand ich unter enormem Druck einen Film nach dem anderen zu drehen. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass das mein Leben ist und keine Hetzjagd.

 
 
 






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