OXMOX: Herr Corbijn, wir kennen Sie als Albumcover-Fotograf und Macher von Videoclips für Depeche Mode, U2, Metallica, Nirvana u.a. Wie kamen Sie nun zum Film?

Corbijn: Als Künstler will man sich immer weiterentwickeln. Einen Spielfilm zu drehen ist für mich die logische Evolution. Fotografieren ist und bleibt meine erste Liebe. Ich trete allerdings etwas kürzer, weil ich schon den nächsten Film, ein komplett fiktives Charakter-Drama, in Vorbereitung habe.

OXMOX: Sie drehten den Film in Schwarzweiß.

Corbijn: Das Gros des mit fünf Millionen Dollar vergleichsweise schmalen Budgets brachten mein amerikanischer Produzent Orian Williams und ich aus unserem Privatvermögen auf. Den Rest lieh ich mir von Leuten wie Depeche-Mode-Chef Martin L. Gore und dem in London lebenden Herbert Grönemeyer, mit denen ich eng befreundet bin. Herbert hat übrigens in einer kleinen Rolle als Hausarzt seinen ersten Leinwand-Auftritt seit über 20 Jahren. Da ich also außerhalb des Studio-Systems arbeitete, brauchte ich mich nicht deren kommerziellen Ansprüchen zu beugen und genoss entsprechend künstlerische Freiheiten. Es ist heutzutage sogar billiger, in Farbe zu drehen. Filmmaterial für Schwarzweiß-Arbeiten wird in so viel geringerer Menge hergestellt, dass es deutlich teurer ist als das für bunte Streifen. Und durch die Entscheidung, schwarzweiß zu drehen, bekam die Story für mich von Anfang an einen sehr realistischen Anstrich. Orian besaß die Filmrechte an der von Ians Witwe Deborah verfassten Biografie ?Aus der Ferne?, und eine erste Drehbuchfassung existierte bereits. Der Film wäre also früher oder später auf jeden Fall gemacht worden. Orian hatte gehört, dass ich mit dem Gedanken spielte, meinen ersten Spielfilm zu machen und fragte spontan bei mir an. Nachdem ich zunächst sehr schnell abgesagt hatte, auch weil ich dachte, dass mir das Thema persönlich zu nahe sei, ließ er aber nicht locker. Den Ausschlag gaben die verbliebenen Joy-Division-Mitglieder selbst. Peter Hook sagte: ,Wenn nicht du, wer sonst? Du warst dabei. Du kanntest Ian persönlich. Du hast alles miterlebt und weißt exakt, wie wir uns damals gefühlt haben.'

OXMOX: Haben Sie starken Einfluss auf das Drehbuch gehabt?

Corbijn: Mir war vor allem wichtig, dass die Darstellung der Beziehungen zwischen Curtis und Debbie sowie mit seiner belgischen Geliebten Annik Honoré nicht ins Seifenoper-Metier abdriftet. Ich wollte keine Stellung beziehen, keine der beiden Frauen, schon gar nicht Ian und seine Gefühle sowie seine Entscheidungen verurteilen. Deshalb bat ich Autor Matt Greenhalgh dem Script nicht nur Debbies Buch zugrunde zu legen. Wir führten gemeinsam viele persönliche Gespräche mit den Band-Mitgliedern und ihrem Manager. Wir trafen die sehr öffentlichkeitsscheue Annik und weitere Zeitzeugen der Manchester-Szene wie den damals immens einflussreichen Fernsehmoderator und Boss von Joy Divisions Plattenfirma Tony Wilson.

OXMOX: 1979 kamen Sie nach London und arbeiteten für den New Musical Express. Sie schossen u. a. das berühmte Foto von der Band mit dem Rücken zur Kamera in einem Londoner U-Bahntunnel.

Corbijn: Ich war damals unglaublich schüchtern und sprach auch nur sehr schlechtes Englisch. Als ich zur Session erschien, wollten die Jungs mir zunächst nicht einmal die Hand schüttelten. Als wir nur 15 Minuten später fertig waren, verabschiedeten sie sich aber sehr freundlich von mir. Ein paar Monate später luden sie mich nach Manchester ein, um Bilder für ein Single-Cover zu machen. Seitdem habe ich Joy Division und auch später New Order immer wieder fotografiert und auch Videos produziert. Dazu verbindet uns eine lange Freundschaft.

OXMOX: Wann immer im Film die Band spielt, sind es Sam Riley (Curtis), Joe Anderson (Bassist Peter Hook), James Anthony Pearson (Gitarrist Bernard Sumner) und Harry Treadaway (Schlagzeuger Stephen Morris) selbst, die da zu hören sind.

Corbijn: Zunächst war geplant, die Schauspieler zu Playbacks mimen zu lassen. Im Resultat sind sie nun allerdings selbst zu hören. Dabei ist keiner von ihnen mehr als ein Freizeit-Musiker. Um ein besseres Gefühl für ihre Instrumente zu bekommen, übten sie mit angeschlossenen Verstärkern. Die Vier hatten dabei so viel Spaß und entwickelten einen solchen Ehrgeiz, dass sie in jeder freien Minute probten. Schließlich klangen sie so authentisch, dass ich den verbliebenen Original-Interpreten einige Takes vorspielte. New Order waren begeistert und hatten überhaupt kein Problem mit der Verwendung dieser Neueinspielungen. Bernard sagte mir, die Jungs würden durch ihre eigenen Interpretationen noch viel mehr wie eine reale Band wirken. Ich gebe ihm da vollkommen Recht. OK

 
 
 






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