Ansichten eines Clowns von Bernhard Paul, Direktor Circus Roncalli
Der Circus Roncalli hat schon in Moskau, in Kopenhagen, in Zürich, in Luxemburg, in Wien, in Sevilla und in Hamburg gastiert. Nun, was lernte ich daraus: In Zürich ist alles erlaubt, bis auf das, was verboten ist. In Moskau ist alles verboten, bis auf das, was erlaubt ist. In Wien ist alles erlaubt, auch das was verboten ist, in Hamburg ist alles verboten, auch das was erlaubt ist!
Nun möchte ich ja nicht über Hamburg herziehen, nichts liegt mir ferner. Ich liebe diese Stadt, ich bin gerne hier und ganz besonders mag ich: "die Hamburger". Wien ist Walzer, Hamburg jedoch ist Rock'n Roll. Als ich Hamburg noch nicht kannte, war mir schon der STAR-CLUB ein Begriff. Dort sind die Beatles geboren bevor sie die Welt wach küssten. Hamburg ist Erotik, Hamburg ist eine angenehme Balance zwischen gediegen und verrucht. Hamburg ist weltoffen und authentisch. Kurzum, man könnte sich wirklich wohl fühlen hier, solange man nicht mit Behörden zu tun hat. Man lernt, dass es Bezirksämter gibt, dass jeder Bezirk regiert wird wie eine eigene Stadt. Als für Zirkus und Kultur das Plakatieren noch erlaubt war, musste man bei jedem Bezirksamt um die Plakatierungserlaubnis schriftlich ansuchen und natürlich bezahlen und es gab noch gezählte 367 Amtvorgänge, die wir abarbeiten mussten und noch müssen, bis der erste Wagen auf den Platz rollt.
Aber es gab auch immer wieder schöne Momente in Hamburg. Einmal gaben wir eine Benefizvorstellung für ein Hamburger Kinderspital. Am Schluss wurde ein Scheck übergeben, wir hatten 50.000,00 ? eingespielt, den Scheck übergab ich in der Manege dem Primar des Kinderspitals vor 1.500 Zuschauern. Da spürte ich eine warme, gütige Hand auf meiner Schulter. Sie gehörte Ole von Beust, der sich mit dem Scheck fotografieren ließ. Er hielt auch noch eine Dankesrede, in der er mich hochleben ließ und sogar als ein Stück Hamburg bezeichnete. Ich war ergriffen und ergriff die Chance und somit das Mikrofon, um ihm wiederum mitzuteilen, dass ich Hamburg sehr schön empfinde, außer dem Umstand, dass Circusse hier nicht plakatieren dürfen. Er versprach Linderung und Termin im Rathaus, um die Probleme zu lösen. Mein Instinkt sagte mir, traue nie einem Politiker, der einem Circusclown etwas verspricht. Aber, am nächsten Tag bereits bekam ich einen Termin im Rathaus: "Nächster Freitag, 11 h, Rathaus". Ich war beeindruckt. Freitag war ich um 9 h schon fertig und parfümiert, bereit, im Gespräch alle Probleme dieser Welt zu lösen. 10 h Anruf: Herr Ole von Beust kann heute leider nicht, sie kriegen einen neuen Termin! OK, so ein Bürgermeister hat natürlich viel zu tun, das versteht man ja, aber, dass er nach 3 Jahren immer noch nicht angerufen hat, macht mich doch nachdenklich.
Ich höre jetzt wieder verstärkt auf das, was mir mein Instinkt sagt. Eigentlich wollte ich ja beleidigt sein und nie wieder Hamburger Boden betreten. Lieber auf Mallorca gastieren, denn dort scheint viel mehr Sonne, als in Hamburg. Aber dann kam mir die Einsicht. Wenn's schon fast immer hier regnet, und dann kommt auch noch Roncalli nicht mehr hierher, das ist ungerecht. Ich dachte an mein Publikum, dass uns seit mehr als 30 Jahren die Treue hält, ich dachte an die Kinder, die sich freuen und setzte mich an den Schreibtisch und arbeitete alle 367 Amtvorgänge ab, ließ mir die ein oder andere List einfallen, um doch noch das ein oder andere Plakat zu platzieren. Außerdem hat ja der Bürgermeister gesagt, dass ich nach 30 Jahren Gastspiel ein Stück Hamburg bin. Also, jetzt bin ich wieder da in HH und bringe jede Menge Ha Ha und OH-HO mit. Ein vollständig neues Programm mit Phantasie, Poesie, schönen Frauen und starken Männern, preisgekrönten Akrobaten und einer Dame, die sich in der Manege so schnell umziehen kann, dass es an Zauberei grenzt. Aber wir benutzen keinen doppelten Boden, er kam uns in Hamburg abhanden, wir brauchen ihn auch nicht mehr, wir haben ihn nicht mehr nötig, denn wir benutzen ausschließlich die Kraft der Phantasie, der Kreativität und der Vision. Doppelter Boden ist nicht mehr. Ich habe aber gehört, er wurde in der Nähe der Politik gesichtet; auch bei Banken bedient man sich jetzt seiner. Na ja, die werden sich noch wundern...

