Finkenauer: ...ich habe mir das Rauchen nach über zehn Jahren abgewöhnt ? abgesehen davon, dass es meiner Stimme nicht gerade zuträglich war ? kennst du das, wenn du abends weg gehst, `ne Zigarette rauchst und dann sofort merkst, wie du müde wirst?
OXMOX: Mittlerweile hast du es ja nicht mehr so weit nach Hause...
Finkenauer: Stimmt! Ich bin vor einigen Jahren von Lüneburg nach Hamburg gezogen. Zur Zeit lebe ich auf sämtlichen Sofas der Stadt! (lacht) Ich hatte zum ersten Januar meine Wohnung gekündigt und noch keine Zeit, mich um eine neue Bleibe zu kümmern. Hamburg ist für mich die sehnsuchtsvollste Stadt Deutschlands. Ich bin gern am Hafen - vor allem bei schlechtem Wetter.
OXMOX: Im Rahmen deiner Schulzeit hast du ein Praktikum in einer psychiatrischen Anstalt in Erwägung gezogen...
Finkenauer: Als ich sechzehn war, hatten wir Projektwochen, im Rahmen derer wir zur Orientierung eine Woche in einem Job arbeiten sollten - da fand ich das ziemlich interessant... Mein Lehrer hat mir die Sache allerdings ausgeredet, weil er mich da nicht besuchen wollte. Also habe ich mein Praktikum in einem Musikstudio absolviert. So bin ich zur Musik gekommen. Mein erstes Album ist so entstanden, dass ich Peter, den Besitzer des Studios, nachts um zwei aus dem Bett geklingelt habe, nach dem Motto: "Lass mich bitte rein, ich muss Musik machen!" Woraufhin er antwortete: "Bist du wahnsinnig geworden? Du kannst doch um die Uhrzeit nicht so einen Wind machen!" Letztendlich hat er mir aufgeschlossen und morgens um sechs bin ich stolz wie Oskar mit dem ersten Song nach Hause gefahren! Ich spiele Gitarre, Klavier und produziere selbst. Mein erstes Album ist quasi am Computer entstanden. Mir hat aber immer der Live-Charakter gefehlt, darum habe ich für dieses Album eine eigene Band (Harry Bum Tschak - Dr., Fabian Schubert - Piano und Ben Schadow - B.). Marco Fabian Bunk hat das Album coproduziert und Swen Meyer (Kettcar, Tomte) hat die Platte gemischt.
OXMOX: Und wo ist die Psychiatrie geblieben?
Finkenauer: Ich habe nach wie vor sehr viel Respekt davor. Das wäre - wenn ich nicht Musik gemacht hätte - ein Thema, mit dem ich mich gern weiter beschäftigt hätte.
OXMOX: Kennst du das Buch "Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein"? Es vertritt im Grunde die These, dass du, um als Künstler zu Weltruhm zu gelangen, psychisch krank sein musst...
Finkenauer: Mir reicht es erst mal, nur in Deutschland bekannt zu sein... Da hab ich ja richtig Glück gehabt ? Gott sei Dank! (lacht) Aber es gibt tatsächlich Menschen, die körperlich stark eingeschränkt sind und gerade dadurch in einigen Bereichen besonders erfolgreich sind. Gerade was Sinneseindrücke angeht, scheinen diejenigen ein extrem feinfühliges Gespür zu haben.
OXMOX: Was kommt nach dem Komma von "Beste Welt,"?
Finkenauer: Es geht darum, dass du als Zuhörer den Moment nach dem Komma zulässt... Die Diskussion um die beste Welt ist ein sehr altes philosophisches Thema. Es ist eine Frage, die uns Menschen immer beschäftigen wird, und wenn es einmal aufhören sollte, dann wird es die schönsten Geschichten nicht mehr geben, die uns dazu bringen, Songs zu schreiben, Bilder zu malen oder Filme zu drehen. Das Lustige ist, dass viele das Komma hinter "Beste Welt," übersehen - das wäre dann allerdings ein sehr plumper Albumtitel...
OXMOX: Wenn du jetzt an deine Songs denkst, welcher kommt dir als erster in den Kopf?
Finkenauer: Nun, man kann nicht wirklich Fan seiner eigenen Musik sein. (lacht) Aber jetzt grade habe ich "Ratata" im Kopf - das liegt wahrscheinlich daran, dass alles im Moment ganz locker ist... Ich möchte auch nicht, dass die Leute sich einen zu großen Kopf über meine Musik machen. Ich wünsche mir, dass etwas entsteht, wenn jemand meine Songs hört, und dass man mit den Menschen zusammen dann diesen Moment spürt. Musik ist eine meiner größten Leidenschaften und eine der am wenigsten gesundheitsgefährdenen Süchte! (lacht)
OXMOX: Dann kannst du es sicher kaum erwarten, die neuen Songs live zu spielen...
Finkenauer: Vor Weihnachten bin ich in einer Unplugged-Besetzung bei Pohlmann mitgefahren, das war so etwas wie ein Vorweihnachts-Special. Für April ist eine eigene Tour geplant - genaueres steht allerdings noch nicht fest...
OXMOX: Du bist vor wenigen Tagen 30 geworden. Hast du schon ein Haus gebaut, einen Baum gepflanzt und ein Kind gezeugt?
Finkenauer: (lacht) Ihr wollt mich jetzt nicht zum Rathausplatz kehren schicken, oder? Ihr hättet mich wirklich beinahe gehabt. Ich dachte, ihr zieht jetzt einen Zylinder und einen Besen raus und schickt mich nach draußen... Ich finde, der 30. Geburtstag ist kein großer Unterschied zum 25ten. Der 18. war der Geburtstag, an dem ich das Gefühl hatte, dass gleich etwas neben mir explodieren müsste. Aber irgendwann geht dieses Gefühl verloren.... Doch wir leben ja glücklicherweise in einer Zeit, die dir bis ins hohe Alter alle Chancen lässt, so bekloppt zu sein, wie du möchtest. Das ist toll!

