"Was wirklich wichtig ist im Leben..."
Francois Ozon ebenso wie seinen Krimi "Swimming Pool" in Cannes präsentieren, die Theaterverfilmung nach Fassbinder "Tropfen auf heiße Steine" lief wie sein Lustspiel "8 Frauen" auf der Berlinale und dein Beziehungsdrama "5x2" ging in Venedig an den Start. In seinem neuen Drama erzählt der Franzose die Geschichte eines erfolgreichen Modefotografen, der nur noch wenige Wochen zu leben. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald. Jeanne Moreau für Ihren Film überredet?
Dieter Oßwald
Interview mit Francois Ozon zu "Die Zeit, die bleibt"
Er ist der Kino-Liebling der Grande Nation. Sein Kinodebüt "Sitcom" durfte
Gibt es persönliche Bezüge zu dieser Geschichte?
Es gab einen persönlichen Anlass für den Film. Vor zwei Jahren war ich bei einer Vorsorgeuntersuchung und wartete danach sehr nervös auf die Ergebnisse. Die Resultate waren in Ordnung, aber in meiner Besorgnis hatte ich während der Wartezeit alle möglichen Szenarios durchgespielt. Das brachte mich auf die Idee zu einem Film über einen Helden, der erfährt, dass er bald sterben muss. Ist es möglich, den eigenen Tod zu akzeptieren, wenn du erst 30 Jahre alt bist?
Vom coolen Gewinner-Typen bleibt nach der tödlichen Diagnose nicht mehr viel übrig...
Ganz bewusst sollte die Figur kein Held sein, sondern jemand, der so häufig scheitert wie wir alle in unserem Leben. Etwa wenn er vergeblich versucht, seinen Eltern von seinem Tod zu erzählen und das sogar noch im Treppenhaus probt. Es ist ein Coming-Out, das nicht von seiner Sexualität handelt, sondern von seinem baldigen Tod - anscheinend fällt ihm das noch viel schwerer.
Schwule sterben im Kino gemeinhin an den Folgen von Aids, bei Ihnen sorgt ein Hirntumor für die Tragik...
Dass Schwule nur an Aids sterben können ist ein Klischee, das ich bekämpfen möchte. Ich wollte auch gar keinen Film über eine Krankheit machen, sondern über eine Person, die mit ihrem baldigen Tod fertig werden muss.
Wie haben Sie
Ich habe Sie einfach angerufen. Als erstes sagte sie zum mir: 'Ich hoffe, es ist keine Großmutter-Rolle.' Und ich antwortete: "Leider doch!". Jeanne ist zum Glück sehr humorvoll und großzügig. Sie mochte die Geschichte und war sehr bewegt vom Verhältnis von Enkel zu Oma - was relativ auch meinem Verhältnis zu Jeanne Moreau entsprach.
Wer hatte die Idee, dass Sie nachts im Bett nichts als ihren Schmuck trägt?
Das war die Idee von Jeanne. Wir hatten uns mit der Kostümabteilung überlegt, was sie in dieser Bettszene wohl am besten tragen könnte. Jeanne meinte dazu nur, dass sie zuhause nie einen Pyjama tragen, sondern immer nackt schlafen würde. Als ich sie fragte, ob sie dazu auf im Film bereit wäre, sagte sie sofort: 'Warum auch nicht? Ohne Kostüme wird der Film doch gleich billiger'.
Wie gibt man als junger Regisseur eine Schauspiel-Ikone Anweisungen?
Wir haben uns lange vor den Dreharbeiten sehr intensiv auseinandergesetzt. Bereits beim Schreiben des Drehbuchs half mir Moreau mit Ratschlägen bei bestimmten Szenen weiter. Die Sequenz mit den Vitamintabletten etwa war ihre ganz eigenen Idee. Jeanne war eine echte Inspiration für mich.
Haben Sie die Leinwand-Legende wie eine ganz normale Schauspielerin behandelt?
Natürlich! Sie war zwar etwas überrascht, als ich sie bat, bestimmte Szenen auf eine andere Weise zu versuchen. Aber das ist meine Methode: Ich versuche so oft wie möglich, verschiedene Varianten einer Sequenz zu probieren. Jeanne war zunächst etwas verblüfft, aber bald schon mochte sie diese Arbeitsweise - sie ist eine Schauspielerin, die sich gerne in den Dienst eines Regisseurs stellt.
Ihre Inszenierung eines flotten Dreies überrascht durch Freizügigkeit - erregt die Darstellung erigierter Gliedmaßen nicht die Pornografie-Paragrafen-Begierde der Staatsanwälte?
Dafür sind die Szenen doch wohl zu dunkel. In Frankreich hatten wir damit jedenfalls überhaupt kein Problem - Franzosen wissen, wie ein Penis aussieht. Vielleicht ist es in Amerika etwas anders...
Wie findet man die Grenze zwischen Gefühl und Kitsch?
Das ist ein schwieriger Balance-Akt, den man erst am Schneidetisch vollenden kann. Das wichtigste Ziel für mich ist es, die größtmögliche Einfachheit zu erreichen. Dazu muss man bestimmte Szenen opfern, den richtigen Rhythmus finden und alles Sentimentale vermeiden. Entscheidend dabei ist es, dass die Zuschauer den Helden auch am Ende des Filmes noch mögen ? am Anfang ist er ja nicht besonders sympathisch. Aber wenn man seine Reise verstanden hat, hat mein Plan funktioniert.
Man bekommt schon eine andere Sichtweise darauf, was wirklich wichtig im Leben und worauf man ebenso gut verzichten könnte. Auch ich werde schließlich älter, man macht sich also schon Gedanken darüber, was man noch erleben und erreichen sollte, bevor es zu spät ist. Vielleicht ist das ein Anlass, manchen Menschen endlich offen zu sagen, dass man sie liebt...

