Selber spielen macht viel mehr Spaß!

Nach dem Sieg seiner damaligen Band, Sils Maria, beim OXMOX-Bandcontest startet das Hamburger Multitalent Ian O'Brien-Docker mit seinem Album "I Wish I Had A Terrible Childhood - So That At Least I'd Have An Excuse" solo durch. Kurz vor der Veröffentlichung des von ihm in Eigenregie aufgenommenen Longplayers, schaute Ian gutgelaunt in der OXMOX-Redaktion vorbei...

OXMOX: Der Auftritt und Sieg von Sils Maria beim OXMOX-Bandcontest war die erste große Bühne, oder?

Ian: Ja, es waren die ersten Gehversuche im Business. In der Zeit habe ich vieles gelernt: Wie man sich auf Bühnen verhält, sei es vor 2.000 oder 20 Leuten, wie man  performt, dass man viel live spielen muss und wie man sich selbst motiviert. Wir haben diverse Szenarien erlebt z.B. haben wir damals häufig in einem Club auf dem Kiez gespielt und trafen dort eines Tages Dieter-Thomas Kuhn. Er war ein Fan unserer Band und stand kurz vor einer Open Air-Tour. Er fragte uns, ob wir auf seiner Tour spielen wollen. Wir dachten: "Das passt ja überhaupt nicht zu unserem Stil", aber letztendlich haben wir die Möglichkeit genutzt, da wir es geliebt haben, aufzutreten. Die Möglichkeiten für kleine, neue Bands zu spielen sind nicht so üppig, damals wie heute. Die Chance mussten wir ergreifen. Also haben wir auf einmal jeden Abend vor 10.000 bis 20.000 Leuten gespielt. Das war eine tolle Zeit. Wir haben viel gelernt, vor allem, was das Live-Business angeht.

OXMOX: Was hast du danach gemacht?

Ian: Wir haben Sils Maria irgendwann aufgelöst. Jeder von uns hatte noch seinen Job. Wir waren irgendwann mit der Schule fertig und dann ging es los, dass sich jeder gefragt hat, ob man professionell weiter machen sollte oder nicht. Dann steht die Frage des Geldes schon irgendwann mal auf dem Programm. Bis dahin haben wir ja noch nicht viel mit der Musik verdient. Manchen von uns war dieser Schritt einfach zu riskant. Für mich war es schon immer klar weiter zu machen, unter welchen Umständen auch immer. Ich habe mich zurückgezogen, angefangen mehr zu schreiben und zu produzieren und bin dann im Studio von Franz Plasa gelandet. Das war mehrere Jahre meines Lebens mein zweites Zuhause. Da habe ich geschrieben und auf vielen Platten gespielt, da ich die ganzen  Instrumente beherrsche. Ich habe viel mit Franz produziert und vor allem viel von ihm gelernt. Es war eine sehr schöne Zeit! Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass man auch da nur zu einem gewissen Grad heranwächst. An solchen Punkten muss man weiterziehen und das habe ich getan. Ich begann meine eigenen Songs zu schreiben, aber immer nur für andere. Ich habe angefangen mich mit den Jungs von Kid Alex zu connecten. Mit denen sitze ich jetzt auch in einem Studio. Ich habe bei denen in der Band mitgespielt. Das hat tierisch Spaß gemacht. Und dann war ich eine lange Zeit im Ausland, New York und Kanada.

OXMOX: Zurück zu den anderen Jobs damals. Was war das?

Ian: Ich habe eine Zeit lang bei der Tagesschau in der Grafik gearbeitet. Immer wenn es einen Bericht gibt, wird der so genannte Innensatz eingeblendet. Das ist der Text, der den Bericht ankündigt: Wer ist der berichtende Reporter usw., oder das ist Gerhard Schröder von der SPD, so was eben. Ich musste immer eine Stunde vor der Sendung mit einem Block durch die Redaktion latschen und zu jedem Themenpunkt den dazu gehörenden Redakteur fragen, was er gern für ein Bild hinter dem Sprecher hätte.

OXMOX: Auf welche Schule bist du gegangen?

Ian: Ich war auf mehreren Schulen. In meiner Jugend war es zu Hause nicht einfach. Es ging zwischen mir und meiner Familie ein bisschen auseinander und da war ich viel allein.

OXMOX: Wie alt warst du da?

Ian: Da war ich 13. Zu der Zeit hatte meine Mutter einen schweren Unfall mit einem Linienbus. Sie wurde umgefahren, als sie bei grün über die Ampel gegangen ist und ab diesem Zeitpunkt fing es  bei uns zu Hause an zu kriseln. Sie hat es schwer verletzt überlebt, zum Glück. Dann war ich auf einem Gymnasium in Blankenese, Gymnasium Willhöden und da musste ich runter. Die haben gesagt, dass ich da nicht klar kommen würde. Darauf hatte ich das Sozialamt bei mir zu Hause sitzen. Und mein Vater meinte: "Hey, da sitzen zwei Frauen und die wollen dir ein paar Fragen stellen." Die beiden meinten zu mir: "Willst du nicht ins Kinderheim, da sind auch nette Typen!" Auch in dem Alter wusste ich schon genug über Kinderheime, um mir sicher zu sein, dass ich da auf keinen Fall hin will! Dann bin ich aufs Internat gekommen, das war Louisenlund an der Schlei. Da hatte ich auch irgendwann keine Lust mehr. Jemand wie ich ist da nicht sehr gut aufgehoben. Ich bin viel zu sensibel. Es ist eine ziemlich roughe Zeit, die man hat, wenn man mit 14 oder 15 Jahren dahin kommt. Da sind nur Typen und es gilt das Recht des Stärkeren. Ich habe auf körperliche Stärke nie viel Wert gelegt und hatte dadurch eine harte Zeit.

OXMOX: Hast du in der Schule schon Gitarre gespielt?

Ian: Nein, noch nicht. Ich habe Klavier gespielt und das konnte ich auf dem Internat nicht ausleben. Das hat mich dazu veranlasst, dort weg zu gehen. Ich konnte meine künstlerische Ader nicht ausleben. Dann kam ich zurück und habe angefangen Rockmusik zu hören und mir das Gitarrespielen selbst beizubringen. Mein Dad hatte bei uns zu Hause im Keller ein Musikstudio. Er war zwar schon ausgezogen, aber das Zeug stand bei uns  noch rum. Die ganzen Gitarren, die Instrumente. Irgendwann habe ich mir eins nach dem anderen geschnappt. Ich hatte ein kleines Aufnahmegerät und habe angefangen Songs komplett selbst aufzunehmen. Ich habe also Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier gespielt. Anfangs habe ich nur Songs gecovert, z.B. "Paradise City" von Guns N' Roses oder "Mr. Capture" von Lenny Kravitz. Ich habe mir genau angesehn wie die das gemacht haben und saß stundenlang vor dem Fernseher und habe MTV geguckt. Die Sounds so nachzumachen war am Anfang echt frustrierend, aber irgendwann lernt man die Tricks. Dann habe ich das Mikro woanders hingestellt oder den Kompressor und habe erkannt: "So haben die's gemacht - alles klar!  Das ist halt keine Strat, die er da im Video spielt, sondern er hat das mit 'ner Les Paul gespielt." Das kann ja auch gar nicht anders sein, so wie das Ding klingt. So habe ich dann ziemlich früh schon angefangen zu produzieren bzw. mir antrainiert, wie man produziert. Dann habe ich mit meinem, seit 22 Jahren, besten Freund Basti meine erste Schülerband gegründet.

OXMOX: Dann hast du auch dein neues Album selbst produziert?

Ian: Ja, das habe ich alleine gemacht. David ist, wie Basti auch, ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtprozesses gewesen. Die beiden bekamen nachts immer meine Demos und gaben dann ihren Senf dazu ab. Das sind auch die einzigen beiden Meinungen, die ich komplett ernst nehme. Sie haben auch textlich ein bisschen dazu beigesteuert. Aber der Grossteil kommt von mir. Im Studio sitze ich wirklich alleine, ohne Engineer oder so. Die Schlagzeugaufnahmen hab ich in Berlin in so 'nem großen, super Studio im ehemaligen Rundfunkgebäude der DDR gemacht. Selber spielen bringt einfach am meisten Spaß!

OXMOX: Was war der Hintergrund für deine Reise nach New York?

Ian: Irgendwann sind wir zum Songschreiben mit einem engen Freund, David Jost, nach L.A. geflogen, um abzuschalten. Dort habe ich ein Mädchen kennen gelernt, die in New York lebte aber auch aus Hamburg kommt. Sie ist Model und fliegt von N.Y. aus quer durch die Welt. Wir haben uns immer besser verstanden, sind tagelang auf dem Mount Allen Drive rumgefahren und haben uns unterhalten. Am Ende dieser drei Tage musste sie wieder weiter, aber wir wollten zusammen sein. Das war dann halt meine Freundin und da sie in N.Y. wohnte, bin ich da irgendwann hin und wir haben zusammengelebt.

OXMOX: Konntest du dort auch musikalisch etwas tun?

Ian: Ja, ich habe dort viel geschrieben und mich mit einigen Leuten von Plattenfirmen und Verlagen getroffen. Alleine schon, wenn du dort auf die Straße gehst, ist es extrem inspirierend.

OXMOX: Du bist sprachlich im Englischen sehr fit, oder?

Ian: Ja, meine Mutter ist Kanadierin und mein Vater Engländer. Ich habe gar keinen deutschen Pass, nur einen kanadischen und einen englischen. Ich habe dort viel gemacht, hatte hier aber auch einiges zu tun und bin dann immer mal wieder nach Hamburg, um hier zu arbeiten. Es war eine extrem tolle Zeit, ein bisschen wie in einem Film, da wir immer viel gereist sind. Meine Freundin musste arbeiten und ich bin häufig mitgefahren. Wir waren in Afrika, Asien, Paris... Das war schon cool!

OXMOX: Also, das ist die junge Dame für die du all die Songs geschrieben hast?

Ian: Ja, genau. Es ging mit uns von einem Tag auf den anderen zu Ende. Das war wie kalt auf Entzug gesetzt zu werden. Das kennen ja viele, wenn es auf einmal aufhört und man sich das einfach nicht erklären kann. Das war wirklich die bitterste Zeit, die ich je erlebt habe. Es war aber gleichzeitig der Motor dafür, diese ganzen Songs zu schreiben. Das ist wirklich ein Klischee und ich habe es auch komplett bedient. Viele Leute sagen: "Es ging mir so schlecht und dann hab ich dieses Album gemacht." Das war bei mir genauso. Ich hab? richtig gemerkt, wenn der Schmerz durch die Arbeit nachgelassen hat. Dann hab' ich einen Freund von mir angerufen, der sie auch kennt, und der mich mit Details füttern sollte, die wirklich bitter und verletzend für mich waren. Ein paar Tage später kam ein guter Track dabei rum. Da lach' ich jetzt drüber. Das war damals aber echt nicht witzig. Im Nachhinein sind dabei nur gute Sachen rausgekommen und mittlerweile bin ich wirklich froh, weil wir letztendlich keine Zukunft gehabt hätten. Dieses Album hatte ich eigentlich nicht geplant. Ich war glücklich damit, für andere zu arbeiten und meine Freiheit zu genießen, zu schreiben, wo und wann ich möchte. David will schon seit Jahren, dass ich eine eigene Platte mache und dann hab ich das halt irgendwann umgesetzt.

OXMOX: Da hatte er wohl die richtige Vision! Gibt's weitere Planungen für die nächste Zeit? (Neben dem Support der Babyshambles)

Ian: Dadurch, dass die letzte Tour ausgefallen ist und nun nachgeholt wird, rückt das jetzt wieder ins Rampenlicht. Danach steht ein Videodreh für die nächste Single an, die zusammen mit dem Album Ende Januar erscheinen wird. Wir werden noch bei mehreren, Radiofestivals spielen.

OXMOX: Wie bist du an deine klasse Band  gekommen? Die waren doch schon zum Teil zusammen. Z.B. Justin Balk und Heiko Franz (ehem. Cucumbermen).

Ian: Der Schlagzeuger Heiko und der Bassist Phillip sind Leute mit denen ich schon seit Jahren spiele. Ich habe  mehrfach Bands aufgebaut und da nehme ich die Jungs immer mit. Ich hatte zwischenzeitlich z.B. eine Electro-Band, Flash & Gordon,  in der die auch gespielt haben. Justin (Git.)  kenne ich auch schon lange. Martin, der Keyborder, war der einzige den ich noch nicht kannte. Den hat Justin mitgebracht und der ist auch ein extrem guter Typ. Wir hatten nicht viel Zeit zu proben. Es steckt extrem viel Potential in dieser Band. Was wir da geleistet haben war schon gut.

OXMOX: Es war eine Ecke härter als die Platte. Das ist ja auch angemessen für Liveauftritte...

Ian: Ja, das seh' ich auch so. Live geht's halt ein bisschen mehr zur Sache.

OXMOX: Soll diese Formation bleiben?

Ian: Definitiv! Wir sind eine wirklich gute Konstellation und verstehen uns alle prima. Es ist die beste Band, in der ich je gespielt habe.

OXMOX: Eine Band muss ja auch beschäftigt werden, sonst bröckelt sie wieder auseinander...

Ian: Natürlich, aber die machen nebenbei auch noch alle etwas anderes. In ca. einem halben Jahr wird sich zeigen, wo es mit uns hingeht oder auch nicht.

OXMOX: Du bist schon ein Mädchentyp, ist dir das bewusst?

Ian: Ja, das ist mir schon bewusst. Aber das ist für mich nicht so einfach. Jetzt merkt langsam auch die Plattenfirma, was ich mache und wer ich bin. Ich habe bei The Dome gespielt und war in der Bravo. Das ist ja alles schön und gut, aber es muss zwischen allem ein Gleichgewicht bestehen. Meine Musik ist nicht nur ein Teenie-Produkt. Ich habe teilweise Angst, in die falsche Ecke zu geraten. Ich will keinen Ex-Boyband-Status. Daher ist es so wichtig, dass ich das alles selbst gemacht habe. Ich habe es auch abgelehnt, auf dem Cover des Albums zu sein. Zum Einen, weil das Artwork gut geworden ist und mir super gefällt, zum Anderen, weil ich dem entgegenwirken möchte, dass Leute es missverstehen und sagen: "Das ist nur ein Typ, der gut aussieht." Ich bewundere Leute wie Damon Albarn von Blur. Die haben's geschafft vom Image her ein ewiger Geheimtipp zu bleiben. Obwohl sie extrem kommerziell vermarktet wurden. Das ist wirklich schwierig. Grad wenn große Plattenfirmen dahinter sitzen. Aber das, was cool ist, dauert meistens etwas.
 

 
 
 






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