LACRIMOSA - Sehnsucht ist eine umweltfreundliche Energie

 

Das deutsche Publikum haushaltet sparsam mit seinen Gefühlen. In Lateinamerika oder Russ­land ist das anders - da können wir nicht mehr ohne Schutz auf die Strasse gehen, so sehr flippen die Leute aus, erklärt Tilo Wolff (36) sein multikulturelles Metal-Phäno­­men Lacrimosa (lat.: lacrimosus = tränenreich). In gewissen Kul­tur­en geht man anders mit dem Gefühl der Schwermütigkeit um, das wir in unseren Songs reflektieren. Ich denke, dass Lacri­mosa in diesen Ländern so gut ankommt, weil wir die Volksseele wider­spiegeln. Hierzu­lan­de neigen die Men­schen häufig dazu, ihr Inners­tes unter den Teppich zu kehren.

 

Seit 1990 lassen uns der Wahl-Schweizer und seine weibliche Hälfte, die vier Jahre später hin­zu­gekommene fin­nische Sängerin Anne Nurmi, an ihrer Gefühlswelt teilhaben - und sind international eine der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt: Wir waren nach den Rolling Stones und den Black Eyed Peas die dritte westliche Band, die in China aufgetreten ist. Ursprünglich im Dark-Wave und Gothic angesiedelt, lässt das Düster-Pärchen die Grenzen zwischen Klassik und Metal verschwimmen, und widmet sich aktuell dem alles umfassenden Gefühl der Sehnsucht: Auf dem zehnten Studioalbum werden in zehn Kompositionen zehn Facetten der Sehnsucht vertont und besungen. Getragen von peitschenden Drums und voluminösen Orchesterklängen haucht Anne Kraft ihres gewaltigen Stimmvolumens von über vier Oktaven den deutsch-, eng­lisch- und finnischsprachigen Epen Leben ein, während Tilos Stimme zwischen ankla­gend-verzweifelnd und fanatisch-schrei­end schwankt. Von der Sehnsucht nach Fern­weh und Aufbruch (Mandira Nabla), über das Sehnen nach Beachtung und Aner­ken­n­ung (A.u.S.), bis hin zur Sehnsucht nach der Liebe (Call Me With The Voice Of Love) und dem Leben selbst (Der Tote Winkel), bleibt kein Gefühlstürchen verschlossen. Die Sehnsucht ist, was mich betrifft, nie gestillt. Ich habe bemerkt, dass aus einer erfüllten Sehnsucht weitere kleine Sehnsüchte empor­wachsen - wie Äste bei einem Baum. Sehn­sucht ist eine um­welt­freundliche, ständig er­neuerbare Ener­gie, lacht Wolff, der sei­nen Sehnsüchten mit dem Label Hall Of Sermon ein eigenes Zuhause geschaffen hat, um Lacrimosa die uneingeschränkte künst­ler­ische Freiheit zu gewährleisten.

 

Neben Fans aus dem Metal-Lager sprechen wir Mainstreamhörer an, die auf der Suche nach mehr Tiefgang sind. Unser Publikum ist zwischen 17 und 70 Jahre alt. Jede Gesellschaftsschicht ist vertreten - wir machen eben keine Szenemusik, sondern vertonte Lyrik, erklärt der - auf den ersten Blick - unnahbar wirkende Frontmann. Eine Einstellung, mit der Lacrimosa nicht nur für Toleranz zwischen den verschiedenen Hörer­n werben, und Geburtshelfer für Stil­richtungen wie dem Gothic- und Sym­phonic-Metal sind, sondern mit der sie gleichzeitig ihren Teil zur Völker­verständi­gung beitragen. In Mittel- und Süd-Amerika haben wir mit Abstand unser größtes Publikum. Die Fans dort sind sehr loyal. Das ist inzwischen so extrem, dass die Mexikaner Lacrimosa fast schon als ihre eigene Band betrachten! Wir erhalten Mails von Amerikanischen Fans, die unser Land kennen lernen wollen und sich über unsere Texte mit der deutschen Sprache auseinander setzen. Es gibt sogar Fanclubs, die Statistiken darüber erstellen, welche Wörter ich am häufigsten benutze. So fanden wir über einen argentinischen Fanclub her­aus, dass Sehn­sucht das meistge­brauch­te Wort in Lacri­mo­sas` Texten ist, lacht der in Frankfurt am Main geborene Musiker.

 

Bei allen Erfolgen im Ausland haben die Macher hinter dem Bandmas­kott­chen in Form eines Harlekins seit über zehn Jahren einen festen Bezug zu Hamburg. Wenn man die gesamte Zeit die ich hier verbracht habe addiert, habe ich bestimmt 3-4 Jahre hier gelebt, freut sich der schwarz-blond ge­strähn­te Charismatiker. Wir haben zahl­reiche Alben in Hamburg aufgenommen und die Barmbeker Symphoniker haben auf einer unserer Platten (Inferno) mitge­wirkt. Neben diesen hervorragenden Musikern hat der Stadtteil übrigens den besten Italiener der Welt zu bieten! Auf unserer Tour im Herbst werde ich auf jeden Fall im Il Tegamé in der Jarrestraße 27 vorbeischauen...

               

                Anlässlich des aktuellen Albums hat es eine weitere Stadt dem Lacrimosa-Kopf ganz besonders angetan. Tilo Wolffs` Lieblingssong I Lost My Star In Krasnodar bezieht sich auf eine Begeben­heit, die sich während des Tour-Aufent­hal­ts im vergangen­en Jahr in der gleichnamigen russischen Stadt zugetragen hat. Die trei­ben­de und dicht produ­zierte Nummer lässt beim ersten Hören kaum vermuten, dass sie eine Textpassage enthält, in der Wolff ungewöhn­lich eindeutig eine Selbstcharakterisierung vornimmt. So etwas habe ich bisher noch nie getan, erklärt der introvertierte Sänger. Lacrimosa ist lediglich eine Facette meiner Persönlichkeit, umfasst mich aber nicht komplett! Nach Krasnodar kam ich in eine Situation in der ich das Gefühl hatte, mich rechtfertigen zu müssen. (Anm. der Red.: Um was genau es dabei ging, verschweigt der Gentleman galant) Wir waren bereits weitergezogen, und so fand ich mich in einem Hotelzimmer in Sankt Petersburg wieder, und brachte meine Gefühle zu Papier. Dieser Song ist mein persönliches Tour-Souvenir, lächelt Wolff verschmitzt. Außerdem hat sich der Bürger­meister von Krasnodar wahnsinnig darüber gefreut, dass es einen Titel über seine Stadt gibt. Er hat uns angerufen und nach Russland eingeladen. Ich bin gespannt, ob am Flug­hafen zur Begrüßung ein Blasorches­ter den Song zum Besten gibt. Das wär geil!, lacht der bleich geschminkte Goth-Rocker.

      

 

Lacrimosa-Latein

 

ù Der Name Lacrimosa leitet sich von der christlich-liturgischen Sequenz Dies Irae aus dem 12. Jahrhundert ab.

ù Seit 2007 ist Tilo Manager der Manga-Rockband Cinema Bizarre.

ù Seit über fünf Jahren betreibt Wolff sein musikalisches Nebenprojekt Snakeskin.

ù Elodia gehört zu den erfolgreichsten Alben und wurde mit dem Lon­don Sym­pho­ny Orchestra aufgenom­men.

ù Mit Stelio Diamantopoulos, der die Albumcover zeichnet, verbindet Wolff seit Jahren eine tiefe Freund­schaft. 

 

 

www.lacrimosa.com

Stefanie Ohl

 
 
 






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