Motörhead gehören zu den einfluss­reichsten Heavyrockbands überhaupt. So war Metallica-Boss Lars Ulrich zu­­erst Leiter des US-Motörhead-Fan­clubs, und Dave Grohl von den Foo Fighters schlägt Motörhead für die Rockn Roll Hall Of Fame vor. Olaf Neumann traf Frontmann Ian Lem­my Kilmister (62) in Berlin.

Motörizer ist Dein 20. Studioalbum in 31 Jahren. Entdeckst Du nach all der Zeit noch neue Seiten an Motör­he­ad?

Selbstverständlich passiert das immer wieder. Bei manchen Songs den­kt man als Außenstehender wahrschein­lich: Das klingt ja wie gehabt. Erst bei näherer Betrachtung wird man fest­stel­len, dass wir jedes Mal neue Seite von Motörhead zu präsentieren. Diesmal haben wir die Gitarren- und Schlagzeug­spuren zuerst aufgenommen. Anschließ­end fing ich an, mit Gesang und Bass zu experimentieren. Bei zwei Stücken ha­ben wir nach einiger Zeit alle Spuren bis auf das Schlagzeug wieder gelöscht, um mit völlig anderen Akkorden von vorn anzufangen. Unser Drummer Mikkey hat davon gar nichts bemerkt. Solche Sachen machen uns gewaltig Spaß. Da­bei sind diesmal großartige Songs wie das schleppende Heroes herausge­kom­men. (Er dreht den Lautstärkeregler seines CD-Players mit dem Titel voll auf)

Was ist das Geheimnis des Motör­he­ad-Sounds?

Das Geheimnis von Motörhead ist so geheim, dass selbst ich es nicht kenne. Ich bin einfach viel zu nahe an der Materie dran, um solch eine Frage beantworten zu können. Ich glaube nicht, dass es Magie ist. Wir sind einfach drei Typen, die mit Spaß und Leidenschaft Rockn Roll spielen. Ich schreibe gern zuhause, aber aus­schließlich die Texte. Keiner von uns kann Noten lesen. Phil kann noch nicht mal eine englische Zeitung lesen (lacht). Wir kommen zusammen und machen es. So einfach ist das. Von Mikkey und Phil stammen die meisten Riff-Ideen; wenn ich dazu stoße, setzt ein kreativer Wettbewerb ein. Das Resultat wird von uns am Ende in kleine wieder erkenn­bare Stücke gehackt.

Schon mal eine Schreibblockade ge­habt?

Ja. Und zwar zu Beginn der neuen Pro­duktion. Aber sie hat nur zwei Tage gedauert. Eine richtige Blockade muss schrecklich sein.

Mitspieler Phil Campbell und Mikkey Dee kennst Du mittlerweile seit 25 bzw. 15 Jahren. Welche Rolle spielt Vertrauen?

Beide haben kein Problem damit, mir zu sagen, dass ich Scheiße gebaut habe. Ich aber auch nicht. Bei uns wird immer viel argumentiert. Das kostet Zeit. Die sich am Ende aber auszahlt. Die aktuelle Besetzung von Motörhead ist definitiv die beste. Eddie Clarke und Phil Tay­lor waren brillante Techniker und hatten zudem ein gutes Gefühl für diese Art von Musik. Aber das Trio, wie es seit 1995 existiert, ist unschlagbar. Vor ei­niger Zeit haben wir mit Würzel, un­serem ehemaligen zweiten Gitar­ris­ten, eine Show in London gespielt. Das hat vielleicht Spaß gemacht.

Mit den letzten beiden Alben haben Motörhead jeweils die deutschen Top Ten geknackt. Glaubst Du an einen ähnlichen Erfolg mit Motörizer?

Vielleicht werden wir ja diesmal die Nummer eins. Die deutschen Fans haben buchstäblich unser Leben gerettet. Deswegen komme ich immer wieder gern zu euch. Es gab auch mal eine Zeit, in der wir mit Motörhead in England und Amerika überhaupt keine Auftritte mehr kriegen konnten. Bis auf die Deutschen wollten alle plötzlich nur noch HipHop hören. Es gibt keine schrecklichere Musik. Und dennoch ha­ben einige von diesen Rappern ziemlich gute Stimmen.

In One Short Life zitierst Du Rat­schläge Deiner Mutter, die in England lebt und inzwischen 90 Jahre alt ist. Hörst Du noch immer auf sie?

Meine Mutter hat mir schon sehr früh geraten, ich solle mich stets gut be­nehmen und integer bleiben, damit sie stolz auf mich sein kann. Immer wenn ich in England bin, besuche ich sie in ihrem Apartment. Im Oktober wird sie 91. Leider geht es ihr nicht besonders gut; sie hatte bereits fünf Schlaganfälle und vergisst viele Dinge. Aber die Nach­barn von unten kümmern sich um sie. Anfangs hatte sie noch gehofft, ich würde einen vernünftigen Beruf ergrei­fen. Aber wie ohne Schulabschluss? Mein Vater besorgte mir schließlich einen Job in der Fabrik, in der er arbeitete. Nach neun Monaten baute ich absichtlich Mist, um gefeuert zu werden. Das Leben als Malocher war schreck­lich. Seitdem habe ich großen Respekt vor der Arbeiterklasse.

Im Internet kursiert eine Petition, Dich zum Ritter zu schlagen. Schmeichelt  das?

Ich besitze keinen Computer und habe es nicht gesehen. Ehrlich gesagt: Ich fin­de das lächerlich. So was macht in meinem Fall überhaupt keinen Sinn. Auf solchen Publicity-Bullshit kann ich ge­trost verzichten.

Du wohnst seit 1990 in Los Angeles. Wie lebt es sich dort?

Ich bin nach Los Angeles gegangen, weil es eine Rockn Roll-Stadt ist, wie es London in der 60ern und 70ern war. Meine Lieblingsbar ist das Rainbow am Sunset Strip. Um nach Zapfenstreich nach Hause zu kommen, muss ich nur einen Block abwärts laufen. Das schaffe ich gerade noch (lacht). Gleich nachdem in den USA das generelle Rauchverbot eingeführt wurde, hat das Rainbow ei­nen Raucherpavillon installiert. Dafür liebe ich es.

When The Eagles Screams ist Dein  Kommentar zum Irakkrieg. Glaubst Du an ein baldiges Ende?

So lange man mit diesem Krieg Geld ver­dienen kann, glaube ich an kein Ende. Bisher sind im Irak 4000 ame­rikanische Jungs gestorben. Vielen 20jährigen hat man Arme oder Beine weggeschossen. Der Krieg ist ein Schlachthaus. Ich hoffe, Barack Oba­ma gewinnt die Präsidentschaftswahlen und wird dem Grauen ein Ende machen. Aber vielleicht wird er ja vorher selbst er­schossen, von einem weißen oder einem schwarzen Fanatiker. Ich bin mir sicher, dass es solche Pläne gibt. Ich drücke ihm die Daumen, dass er es unbeschadet ins Weiße Haus schafft. Barack Obama würde einen sehr guten Präsidenten abgeben.

Bedauerst Du, dass Du ihn als Nicht-Amerikaner nicht wählen kannst?

Irgendwie schon. Die Amerikaner wer­den mir niemals eine Greencard geben. Weißt Du, warum? 1971 hat man mich für den Besitz von zwei Schlaftabletten verurteilt. Hahaha











 






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