Rocken in Röcken - Die Rückkehr der Rockladies
Im Rockgeschäft herrscht eine traditionelle Rollenverteilung: Männer stehen auf der Bühne, Frauen dürfen anhimmeln. Dass es auch andersrum geht, beweist seit 30 Jahren eine aufregende Riege an Rock`n`Roll singenden Damen. OXMOX prägte hierfür den Begriff Rockladies.
1977 titelte der Stern: Sie sind wild, hungrig und begabt - Die deutschen Rockladies!. Der sogenannte Fem-Rock fand seinen Ursprung Ende der 60er, als Sängerinnen wie Janis Joplin und Joni Mitchell begannen, ihre Liedtexte selbst zu schreiben. Joplin gab für viele Frauen einen neuen Weg in der damals noch jungen Ära der Rockmusik vor. Bis zu ihrem Tod 1970 bewies Janis mit vehementem Durchhaltevermögen, dass auch eine weiße Frau den Blues singen kann, bis die Seele blutet. Mit leidenschaftlichen Hymnen wie Piece Of My Heart oder Cry Baby, bereitete die Hippie-Ikone den Boden, dessen Früchte aktuell Soul-Skandalnudel Amy Winehouse (Back To Black) und das walisische Stimmwunder Duffy (Rockferry) ernten.
Im Dunstkreis der Hippie-Bewegung eröffnete die Chicagoer Punk- und Rock-Poetin Patti Smith wenige Jahre nach der Joplin ein neues Kapitel in der Geschichte des Frauenrock. Mit dem 1975 veröffentlichten Horses wurde die Patti Smith Group zum Vorläufer der englischen und amerikanischen Punk- und New-Wave-Bewegung Smith etablierte sich zudem als Ikone der Frauenbewegung. Ein selbstbewusstes Aufbäumen gegen jegliche Konventionen, das im neuen Jahrtausend sowohl Rock-Rotzlöffel Pink (So What), als auch Funk-Früchtchen Lily Allen propagieren. Mit Madonna erweiterte sich der Fem-Rock zu Beginn der Achtziger um eine weitere Komponente: Die Provokation. Dass man, um als Frau in der Musikwelt ernstgenommen zu werden, sein Äußeres nicht zwangsläufig in Jeans und T-Shirt verstecken muss, beweisen die Queen of Pop und ihre jungen Prinzessinen Lady Gaga oder Christina Aguilera mit sowohl stimmlicher, als auch optischer Präsenz.
Mit Temperament, Stimmvolumen und Sex-Appeal legten die Rockmütter die Grundsteine späterer Karrieren von internationalen Künstlerinnen wie Tina Turner (aktuell wieder auf Tournee!), Joan Jett, Kim Wilde, Debbie Harry, Melissa Etheridge, Amy MacDonald (This Is The Life), Alanis Morissette oder Katy Perry (I Kissed A Girl), bis hin zu nationalen Rockladies wie Doro Pesch, Susi Quattro, Julia Neigel, Nena, Nina Hagen, Sandra Nasic, Zascha Moktan, Stefanie Kloß (Silbermond) und Eva Briegel (Juli). In Deutschland zählen die Stern-Titelgirls Inga Rumpf (The City Preachers, Frumpy, Atlantis), Jutta Weinhold (Jutta Weinhold Band, Zed Yago), Ingeborg Thomsen (Rudolf Rock), Ulla Meinecke und Caro zu den Rockladies der ersten Stunde. Während Jutta Weinhold 1985 das Genre des Dramatic Metals mitbegründete, ist die sympathische Wahl-Hamburgerin heute eine gefragte Session- und Studiomusikerin, deren ausdrucksstarke und kräftige Stimme sich neben Rock auch für Blues und Gospel eignet. Ulla Meinecke, die als Vertreterin des deutschen Chansons von sich reden machte, stand 2008 mit Ben Becker als Theater-Schauspielerin auf der Bühne und veröffentlichte unter dem Titel Willkommen in der Höhle der Löwin eine Retrospektive ihrer bisherigen Karriere. Zu den farbenfrohsten Rockladies der Republik gehört zweifelsohne Nina Hagen. Mit einer Stimme, die zwischen klassischer Oper und kratzbürstigem Rock pendelt, beeindruckt die spleenige Berlinerin seit über drei Jahrzehnten. Im gleichen Fahrwasser startete Neue-Deutsche-Welle-Nena, die im Laufe der Achtziger mit 99 Luftballons in die Popwelt abhob. Nachdem Guano Apes-Frontfrau Sandra Nasic und Die Happys` Marta Jandova die lokale Rockwelt aus den Angeln hoben, trat mit dem neuen Jahrtausend eine weitere Generation deutscher Rockladies ins Rampenlicht: Stefanie Kloß und Eva Briegel bringen es - neben Silbermond und Juli - aktuell auf erfolgreiche Kollaborationen mit alten Hasen wie Udo Lindenberg und Curse.
Während Vorreiterinnen wie Aretha Franklin (Respect) den Kampf gegen die Vorurteile aufnahmen, können sich ihre kleinen Schwestern Pink und Katy Perry heute auf der schier unendlichen Spielwiese des Stiletto-Sound austoben. Was vor 30 Jahren seinen Anfang nahm, nähert sich aktuell einem neuen Höhepunkt: Noch nie waren so viele Frauen so erfolgreich im Rockzirkus, wie heute. Viva Rock Divas!

