Von Friedrich dem Großen zum mordenden Gärtner.

Zehn Uhr morgens in der OXMOX-Redaktion: Rolf Becker (73) hat sich zum Interview angekündigt. Der Hamburger Schauspieler ist bekannt aus unzähligen Fernsehfilmen wie Gloomy Sunday, Heinrich der Säger, Derrick, Tatort und Großstadtrevier. Durch sein politisches Engagement im Fall Christian Klar hat Becker sich nicht nur Freunde gemacht. Ein Grund mehr für OXMOX, den Mann kennen zu lernen, der seinen ganz eigenen Weg geht.

 

OXMOX: Sie sind früh auf den Beinen, was haben Sie heute Morgen gemacht?

Becker: Unser jüngster Adoptiv-Sohn Anton ist sieben und geht in die Schule. Ich habe ihn eben gebracht. Er kam uns einfach ins Haus geschneit (lacht). Wir hatten uns ab 2001 für SterniPark bereit erklärt, ein Baby für ein paar Wochen zwischen zu parken, bis es adoptiert wird.

OXMOX: Aber wie der Zufall so will...

Becker: Richtig. Ich war in der Türkei, als wir eine Anfrage von SterniPark bekamen und als ich abends nach Hause kam, verkündete meine Frau: Wir bekommen heute Nacht ein Baby.

OXMOX: Sie haben Anton später adoptiert. Hat es Probleme mit dem Jugendamt gegeben?

Becker: Wir bekamen ein Kind, dass eigentlich kein SterniPark-Kind war, da die falsche Mutter ihr Kind zurückgelassen hatte. Zuerst fühlte sich keiner zuständig und wir wollten abwarten, bis die Mutter sich meldet. Eine Auseinandersetzung mit dem Hamburger Jugendamt jagte die nächste, weil wir Anton adoptieren wollten. Erst als der Verdacht auf "Minderwüchsigkeit" aufkam- der Arzt hat diese fürchterliche Nazi-Formulierung gebraucht- bekamen wir vier Tage später die schriftliche Aufforderung zur Adoption. Eine ungeheure Geschichte, Kleinwüchsige gelten als behindert, Behinderte sind nicht vermittelbar, also weg wie saurer Joghurt, sonst liegen sie dem Staat auf der Tasche.

OXMOX: Damit ist die Familie aber noch nicht komplett.

Becker: Aus meiner ersten Ehe mit Monika Hansen (64) sind Ben (43) und Merit (38) (Anm. d. Red.: beide erfolgreiche Schauspieler) hervorgegangen. Meine zweite Frau Sylvia Wempner und ich haben noch Max, Emil und Anton. Im Traum hätte ich nicht dran gedacht, mit 65 noch mal Vater zu werden (lacht).

OXMOX: Bei Ihrer beruflichen Vergangenheit denkt man sofort an Tatort und Ärzte-Rollen.

Becker: Von Friedrich dem Großen bis zum mordenden Gärtner hab ich alles gespielt. Serien hab ich abgelehnt, das hat zwar meinen Bekanntheitsgrad gemindert, aber ich wollte mein Leben nicht auf eine Rolle ausrichten. Die Sachsenklinik ist meine erste Serie, ich spiele einen Kantinenhelfer und bin froh darüber, dass ich noch Geld verdienen kann, um meine Familie durchzubringen. Ich gehöre zu den Schauspielern, die mal sehr gut verdient haben, aber mit der Rente schlecht gestellt sind, weil die Lücken nicht aufgefüllt sind, in denen ich nicht gedreht habe. Ich habe mich immer geweigert, beim Arbeitsamt zu stempeln, das wirkt sich verheerend auf die Rente aus.

OXMOX: Sie haben sich nie einseitig auf ein Medium festgelegt.

Becker: Dann und wann bin ich in kleineren Fernsehproduktionen aufgetaucht, im Theater hab ich gelegentlich mitgewirkt.

OXMOX: Was waren Ihre persönlichen Highlights? Haben Sie eine Lieblingsrolle?

Becker: Wenn der Stoff gut ist, kann man die schrägste Rolle spielen. Ich sehne mich nach guten Stoffen, an denen es mangelt. Solange der Stoff spannend ist, macht man aus der Figur schon sein Ding, aber wenn der Zusammenhang nicht stimmt, dann nützt die beste Rolle nichts. Es gibt z.B. konservativ-orientierte Produktionen, die aber in der Problematik in sich genau sind, weil der Zuschauer zum Nachdenken angeregt wird.

OXMOX: Gab es für Sie einen besonders anregenden Stoff?

Becker: Früher dauernd und heute ganz selten, aber wenn Christian Görlitz und Rolf Schübel ihre Filme drehen, macht es richtig Spaß zu arbeiten. Das sind Regisseure, die noch Themen aufgreifen.

OXMOX: Wie sind Sie zum Schauspielern gekommen? Haben Sie einen Tipp für Newcomer?

Becker: Ich spiele schon seit über 50 Jahren. Der damalige Einstieg ist mit dem heutigen nicht zu vergleichen. Wir hatten die Illusion, mit einem Theater zur Veränderung der Welt beizutragen. Heute wollen Schauspieler nur Geld und Karriere machen.

OXMOX: Wie hat Ihre Karriere begonnen?

Becker: Wie bei einem Handwerker, der Tischler werden will. Es war ein Lehrberuf, erst Schauspielschule, dann drei Anfängerjahre. Schließlich Gesellenjahre, man durfte sich Schauspieler nennen und bekam eine Fachbezeichnung in der Ordnung eines ganz stabilen Handwerksberufes.

OXMOX: Haben Sie mal einem bekannten Schauspieler ihre Stimme geliehen?

Becker: Jeremy Irons hab ich in einer Reihe von Filmen synchronisiert und Clint Eastwood. Das waren zwei Figuren, die hätte ich auch gern weiter gesprochen.

OXMOX: Haben Sie auch mit Ihren Kindern gedreht?

Becker: Meret und ich haben in Heinrich, der Säger gemeinsam vor der Kamera gestanden und mit Ben in Gloomy Sunday. Ich sollte den alten Ben spielen gegen seinen höllischen Widerstand, er wollte ihn selbst spielen Aber dann kam der Punkt und er rief mich an und sagte "Verdammt, wenn ich alt bin, erkennt man mich nicht mehr, dann brauch ich mich nicht selbst zu spielen und es ist keine Identität mehr da und wenn man mich erkennt, dann bin ich nicht mehr alt".

OXMOX: Gibt es bestimmte Tage, an denen die Familie aufeinander trifft?

Becker: Nicht an festgelegten Tagen wie Weihnachten. In Berlin treffen wir uns gelegentlich bei Monika und Otto Sander und in Hamburg, wenn Ben oder Meret mal einen Abstecher machen. Z. B. hab ich Ben bei seiner Premiere von Endstation Sehnsucht im St. Pauli Theater gesehen.

OXMOX: Sind Sie stolz auf den Erfolg Ihrer Kinder?

Becker: Gar nicht mal so. Wenn wir uns brauchen, dann holen wir uns. Es gibt Situationen, in denen ich nicht weiter weiß, z. B. Probleme mit jüngeren Regisseuren, die meine Kinder viel besser kennen als ich.

OXMOX: Wie haben Sie Christian Klar kennen gelernt?

Becker: Bei den Hungerstreiks der politischen Gefangenen 1998 haben wir den Gründungsrat der IG Medien umgekrempelt und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Durch Unterschriftenaktionen wurde der Antrag einstimmig verabschiedet. Vor sechs Jahren wurde ich Klars persönlicher Betreuer und wir sind zum ersten Besuch nach Bruchsal gefahren.

OXMOX: Sie werden vom BKA kontrolliert. Werden auch Ihre Briefe zensiert?

Becker: Ich werde in meinem Einverständnis registriert, was uneingeschränkte Besuchszeiten zur Folge hat. Meine Wohnung kann in beliebiger Weise observiert, meine Telefonate abgehört werden, ich kann auf Schritt und Tritt begleitet werden. Ich habe keine Probleme damit, ich habe nichts zu verbergen.

OXMOX: Wie geht es nach der Ablehnung des Gnadengesuchs mit Klar weiter?

Becker: Wir waren sehr froh, dass wir für Klar den Arbeitsplatz beim Berliner Ensemble gefunden haben, natürlich ging das aus meinen Theaterkontakten hervor, ich habe nicht nur Claus Peymann angesprochen, sondern auch andere Intendanten, aber Peymann war der erste, der reagiert hat. Allein in Hamburg, hätten wir zwei gehabt. Die Theaterleute gehen sehr emotional und menschlich an die Sache heran und nehmen auf Juristerei und politisches Klima keine Rücksicht. Rund 50 Dramaturgen, Regisseure und Intendanten, die die Aufforderung für Klars Freilassung von 1998/99 unterschrieben haben, haben ihre Meinung nicht geändert, aber sie trauen sich nicht mehr, sie nach außen zu tragen. Im gewerkschaftlichen Bereich haben wir Sympathien von 25-30%, von denen allenfalls 5% bereit sind, dafür einzustehen.

OXMOX: Was sind die nächsten Schritte?

Becker: Er muss einen Arbeitsplatz bekommen. Ulrich Goll, Justizminister von Baden-Württemberg hat Klar die Bedingung gestellt, jede weitere Vollzugslockerung, wenn er z. B. durch die Parkanlagen von Bruchsal geführt wird oder durch die Innenstadt, macht er davon abhängig, ob Klar verbindlich erklärt, dass er nicht am Berliner Ensemble arbeiten wird. Ein totaler Willkürakt, durch nichts abgedeckt im Bereich von Gesetzen oder Recht.

OXMOX: Wo kann man Sie bald wieder sehen?

Becker: In den neuen Folgen der Sachsenklinik. Die Zuschauer drängen, dass ich endlich die Charlotte heirate. (lacht).

Manuela Chrestels

 

 
 
 






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