Schanzenviertel zwischen Kommerz und Kult
Steine des Anstoßes....
Der Sound der Schanze ist gerade alles andere als harmonisch. Es kracht und klirrt im Szene-Revier. Der Grund: Die so genannte Gentrifizierung der einstigen Alternativ-Hochburg. Das Viertel wir teurer, schicker, verwechselbarer. Mit Plakaten und Aktionen machen Bewohner dagegen mobil, es wird lauter in der Schanze. Und in manch einer stillen Nacht fliegen Steine in Fensterscheiben. Die einen nennen es Anti-Kommerz-Kampf, andere schütteln darüber die Köpfe ? und ein paar wenige lachen sich vielleicht ins Fäustchen.
Es ist ein bisschen wie Zoo, sagt eine Anwohnerin, früher gab es hier echte Straßenkämpfe. Heute kommt immer mehr Yuppie-Volk und hockt in den Cafés gegenüber der Roten Flora. Mich würde es nicht wundern, wenn sie da auch noch während einer Demo sitzen und hoffen, dass sie Zuschauer eines spannenden Polizeieinsatzes. Ganz von der Hand weisen kann man das nicht. Clevere Werber kreierten für ein Szene-Koffein-Getränk, dass auch in der Schanze beliebt ist, den Spruch: Nur Wasserwerfer machen wacher.
Das finden Leute wie Basti (Name geändert) nicht komisch. Er zählt sich zum linken Schanzen-Spektrum, kennt das Viertel schon lange, zeigte sich mit den Bauwagen- bewohnern solidarisch, beteiligte sich an Aktionen, aber immer ohne Gewalteinsatz, betont er: Bambule war auch der Kampf gegen Leute wie Schill. Dafür muss man sich ganz sicher nicht schämen. Heute kann er es verstehen, wenn einige Leute andere Methoden des Kampfes wählen. Basti meint die Graffittisprayer, Plakatierer und Scheibeneinwerfer, die gegen das mobil machen, was man als Modernisierung oder als Mogelpackung bezeichnen kann. Denn immer mehr Konzerne entdecken das Trend-Viertel als Reklame- und Verkaufsfläche. Massenware soll das goldene Szene-Dreieck zwischen Schulterblatt, Susannen- und Schanzenstraße erobern. Mal uniform und gewöhnlich als McDonalds-Filiale an der S-Bahn, mal subtiler als pseudo-hipper Store eingebettet in einst umkämpften Altbauten. Eine Gruppe, die sich Genervte SchanzenbewohnerInnen nennt, ist ganz vorn dabei, verurteilt die Kommerzialisierung, ruft zum Protest auf. Ob auch die kaputten oder verkratzten Scheiben von Läden im Viertel auf ihr Konto gehen oder ob Mitglieder der Gruppe auch im April dabei waren, als der so genannte RundenTisch mit Politikern im JesusCenter am Schulterblatt verhindert wurde, ist nicht klar. Falls doch, stellen sich Leute wie Basti Fragen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles aus einer Gruppe der autonomen Szene heraus kommt. Einige Aktionen sind doch eher durchschaubar. Konkreter will er nicht sagen, wen oder was er vermutet.
Genervte Ladenbesitzern wie Rosa (Name bekannt) ist das egal. Seit Jahren hat sie ihren Klamottenladen im Viertel, auch die Scheibe ihres Geschäfts wurde kürzlich eingeworfen. Jetzt zeigt sie auf das Loch und sagt: Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Ich würde es schon gerne wissen, was man gegen unseren Laden genau hat. Wissen diese Leute eigentlich, dass die Versicherung irgendwann bei Glasschaden nicht mehr zahlt? Einem großen Unternehmen ist das egal, die nehmen das ganz locker aus der Portokasse. Wir haben das Geld aber nicht. Was vermutet Rosa hinter den Aktionen? Ich weiß es nicht, gerade bin ich nur sauer. Und ich möchte gerne wissen, auf wen ich sauer sein soll. Diese ganzen anonymen Geschichten gehen an die Nerven. Sie bitte darum, dass ihr Name und ihr Geschäft nicht genannt wird. Sie will nicht, dass wieder eine Scheibe bei ihr zu Bruch geht. Ich weiß, dass auch andere Leute hier die Klappe halten und nicht sagen, was sie wirklich denken. Aus Angst, dass ihr Laden oder ihr Auto als nächstes dran ist. Rosa sagt am Ende, dass sie hin- und her gerissen sei. Denn neben Scheibeneinschlägern machen ihr die häufigeren Anfragen, ob und zu welchem Preis ihr Laden zu haben sei. Investoren und Immobilienspekulanten haben schon lange das angesagte Viertel im Blick, in Zeiten der Krise hoffen sie auf Schnäppchen und bessere Verhandlungsbedingungen. In der Schanze gibt es dafür einen Begriff: Latte-Macchiatorisierung. Trendy, unbeschwert und bekömmlich soll das Leben sein. Zu einem angemessenen Preis. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass das Kaufhaus 1000 Töpfe, das am Schulterblatt viele Jahre eine Institution war, einem Coffee-Shop weicht.
Das ist es, was Bewohnerin wie Basti Sorgen bereitet: Früher waren die Fronten klar abgesteckt. Heute ist das alles viel subtiler. Auf Nachfrage sagt er dann doch, wie es seiner Meinung nach läuft: Es gibt sicherlich Formen des militanten Protests gegen den Kommerz. Aber mit Sicherheit auch Trittbrettfahrer. Wenn auf dem Land ein Spekulant unbedingt ein Gebäude oder Grundstück haben will, brennt es irgendwo. Hier klirren halt Scheiben. Und er will nicht ausschließen, dass es auch noch andere gibt, die ein Interesse an Unruhe im Viertel haben: Immer wieder versucht man, die Rote Flora und ihr Umfeld pauschal zu kriminalisieren. Es könnte doch auch sein, dass man Scheiben einschlägt und die Wut auf die falschen Leute lenkt. Und wer hat was davon? Ein Staat, der schon lange versucht, politische Aktivisten hier im Viertel los zu werden. Basti ist sicher: Zum 1. Mai wird es hier gewaltig krachen.
Ladenbesitzerin Rosa hält solche Sätze für Verschwörungstheorien: Ich glaube, dass es eine kleine Gruppe dummer Leute ist, die so etwas macht. Und vermutlich leben die noch gar nicht lange in der Schanze. Ansonsten würden sie wohl wissen, welche Läden hier schon seit vielen Jahren vor Ort sind und mit der Gegend verwachsen sind. Die merken gar nicht, dass sie mit ihren Zerstörungsaktionen genau den Falschen in die Arme spielen. Und insgesamt fühlen sich wieder all die bestätigt, die etwas gegen die Schanze haben. Ihre Ladenscheibe hat sie reparieren lassen. Aber die Risse bleiben: Ich kannte das Gefühl bislang nicht, hier im Viertel überlegen zu müssen, wer etwas gegen mich hat.
Es geht weiter im goldenen Szene-Dreieck zwischen Schulterblatt, Susannen- und Schanzenstraße. Entspanntes Kaffee trinken im Schatten der Roten Flora, Szene-Kultur, die Trends setzt und Goldgräber, die das große Geld wittern. Auch Basti sitzt gerne bei gutem Wetter draußen am Schulterblatt, beobachtet das Treiben und die Vielfalt. Er nippt an seinem Kaffee und sagt: Wo auch immer jemand politisch steht ? vielleicht sollte er mal darüber nachdenken, warum die Schanze so begehrt ist. Das hier ist ein echtes Viertel mit einem eigenen Gesicht. Wenn man das radikal verändert, verliert es für immer seinen Reiz.
Text: Noah Schwarz
