Exclusiv-Interview Tom Tykwer zu "Das Parfum"
Ein bisschen Grenouille?
Mit "Die Tödliche Maria" gab Tom Tykwer einst einen Regie-Einstand, danach schrieb er mit Wolfgang Becker das Drehbuch zu "Das Leben Ist Eine Baustelle" und drehte das alpine Liebesdrama "Winterschläfer". Der große Durchbruch folgte anno 98 mit "Lola Rennt". Nach "Der Krieger Und Die Kaiserin" und "Heaven" präsentiert Tykwer nun die aufwändige Verfilmung von Patrick Süskinds Kult-Roman "Das Parfum". Mit dem Berliner Regisseur sprach unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
OXMOX: Welches Parfüm benutzen Sie denn selbst?
Tykwer: Ich benutze nur Rasierwasser, kein Parfüm. Die Marke verrate ich aber nicht, ich mache schließlich keine unbezahlte Werbung (lacht). Es riecht jedenfalls ein bisschen nach Zimt.
OXMOX: Haben Sie sich bisweilen gefragt: "Wie hätte Stanley Kubrick das gemacht? - die Verfilmung war immerhin sein Wunschprojekt...
Tykwer: Ich habe erst während der Arbeit an dem Projekt erfahren, dass Kubrick auch irgendwann einmal im Spiel war. Darüber habe ich mir allerdings keine großartigen Gedanken gemacht, ich hatte schließlich genügend damit zu tun, meine eigene Vision zu entwickeln.
OXMOX: Der Roman wird gerne mit dem Prädikat "unverfilmbar" gehandelt - war gerade das eine besondere Versuchung für Sie?
Tykwer: Ich habe nie verstanden, warum dieser Roman unverfilmbar sein sollte. Er besitzt eine sehr starke, spannungsreiche Handlung, ein sensationelles Finale und spielt in einem 18ten Jahrhundert, wie es sonst höchst selten in Literatur oder Film beschrieben wird, nämlich nicht in der Oberschicht, sondern in den Niederungen des normalen Lebens. Die wirkliche Herausforderung bestand darin, wie man aus dieser komplizierten Figur einen Helden machen kann, von dem man auf seltsame Art verführt wird und der einem die eigenen moralischen Kategorien ein wenig durcheinander wirbelt.
OXMOX: Ein Herr der Sinne, den man mögen soll?
Tykwer: Man soll ihn verstehen können. Man soll an ihm hängen und wissen, dass was ihn antreibt etwas ist, das einem selbst nicht fremd ist. Diese Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe, die Hoffnung, nicht in der Masse unterzugehen, ist uns im Innersten sehr vertraut. Dieses Bedürfnis haben wir in unterschiedlichem Ausmaß alle - zum Glück sind wir keine expliziten, sondern nur heimliche Grenouilles.
OXMOX: Das Motiv der Sehnsucht zieht sich wie ein roter Faden von Ihrem Debüt der "Tödlichen Maria" bis jetzt zum quasi "Tödlichen Jean-Baptiste" - oder ist das nur Zufall?
Tykwer: Weil es neue Kopien der "Tödlichen Maria" gibt, habe ich ihn vor kurzem nochmals im Kino gesehen und hatte tatsächlich ein bisschen den Eindruck, dass man als Regisseur heimlich vielleicht doch immer wieder einen ganz ähnlichen Film macht, dass einen bestimmte Konflikte nicht loslassen. Am Anfang war ich mir gar nicht so sicher, ob ich der richtige Regisseur für einen Film wie "Das Parfum" wäre. Erst als ich das Buch genauer studierte fiel mir auf, wie eng dieser Stoff mit Themen verknüpft ist, mit denen ich mich schon immer beschäftigte.
OXMOX: Ein kleiner Unterschied liegt allerdings im Budget: sind 48 Millionen Euro nicht eine ziemliche Last für einen Filmemacher?
Tykwer: Der Vorteil für mich war, dass ich mit Bernd Eichinger und Andrew Birkin intensiv am Drehbuch gearbeitet habe. Dadurch entsteht ein bestimmtes Selbstverständnis im Umgang mit dem Material. Man bekommt ein Gefühl von Sicherheit, dass man das Projekt von innen her begreift. Man kann natürlich immer kleine Fehler machen, wichtig aber ist, dass man die großen Fehler vermeidet: von falschen Motiven bis zur verkehrten Besetzung.
OXMOX: Süskind hat von Anfang an seine Mitarbeit an der Verfilmung verweigert - war das eher Fluch oder Segen für Sie?
Tykwer: Es wäre schon manchmal schön gewesen, das Hirn, das hinter diesem Material steckt, ab und zu anzapfen zu können. Gerade wenn man in einer Sackgasse steckt, wären seine Inspirationen sicherlich hilfreich gewesen. Allerdings hat er von Anfang an klar gesagt, dass er mit dem Film nichts zu tun haben wollte.
OXMOX: Dustin Hoffman ist als reichlich redselig bekannt - wie bekommt man ihn zu disziplinierter Arbeit?
Tykwer: Wir haben uns von Anfang an geliebt, vielleicht weil ich selbst auch so eine Quasselstrippe bin. Wir haben beide gleichzeitig endlos viel geredet und verschiedene Möglichkeiten ausprobiert während ständig die Kamera weiter lief. Das hat zwar viel Material verbraucht, aber um es mit Dustin´s Worten zu sagen: Es gibt nicht diese einzig richtige Methode, sondern immer nur die jeweils richtige. Deshalb muss man sie einfach alle durchprobieren, bis man den entscheidenden Moment gefunden hat - das kann dann schon dreißig Varianten bedeuten, aber diese Chaos-Infusion von Dustin machte großen Spaß in einem Film, der bis ins Kleinste durchorganisiert ist.
OXMOX: Wie haben Sie die große Massenorgie mit den nackten Komparsen inszeniert?
Tykwer: Wir haben sehr, sehr ausführlich mit Hunderten Komparsen in Turnhallen geprobt, um diese emotionale Entwicklung, die in dieser Szene alle durchleben, gut vorzubereiten. Nicht ganz unwichtig war dabei der rein praktische Aspekt, diese komplizierten Kostüme ausziehen zu können. Die Kleidung des 18ten Jahrhunderts war dreimal geknotet und vernäht - das legt man gar nicht so schnell ab! Beim Drehen hatten dann alle schon eine gewisse Routine, man fühlte sich fast wie im Nudisten-Camp.
OXMOX: Am Ende verführt der Held alle Anwesenden mit seinem perfekten Parfüm - davon könnte man auch als Filmemacher träumen?
Tykwer: Dass die Menschen bei meinen Filmen in einen Liebesrausch verfallen, ist mir als Regisseur noch nicht so ganz gelungen. (lacht)

