Mit "Paris, Texas" hat er vor 21 Jahren in Cannes die "Goldene Palme" geholt. Mit "Don't Come Knocking" hat es Wim Wenders diesmal nicht auf das Siegertreppchen geschafft, aber 20 Minuten Standing Ovation sind für den Festival-Veteranen, der den Rekord von acht Cannes-Auftritten hält, gewiss keine schlechte Belohnung.
Erzählt wird in der lakonischen Farce von einem abgehalfterten Western-Star (Sam Shepard), der sich auf die Suche nach sich selbst begibt. Mit Ernst Wilhelm Wenders, der am 14. August seinen 60. Geburtstag feiert, sprach unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
OXMOX: Als Sie in Cannes einst Jury-Präsident waren und Spike Lee leer ausging, drohte er Ihnen öffentlich Prügel an. Hatten Sie diesmal spontan ähnliche Rachepläne für Emir Kusturica?
Wenders: Keineswegs. So sind eben die Spielregeln. Emir hat den Film sehr gemocht, aber leider keine Mehrheit dafür gefunden. Er hat ja auch später öffentlich gesagt, wie untröstlich er war, dass er seine Filme nicht durchsetzen konnte. Überhaupt schien die komplette Jury letzten Endes verbittert und über ihre ganzen Entscheidungen entzweit.
Mit einer standing ovation von 20 Minuten haben Sie zwar die ?Palme der Herzen?, aber für das Siegertreppchen hat es nicht gereicht....
Dieser nicht enden wollende Beifall war ein Highlight in meinem Leben ? das bekommt man nicht alle Tage geboten. Dieser Applaus war für mich auch deshalb etwas so besonderes, weil Sam Shepard neben mir stand, der damals vor 20 Jahren nicht dabei war, und der deswegen so etwas noch nie erlebt hatte. Am nächsten Morgen habe ich ihm gesagte: "Etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren. Daran kann auch kein Preis mehr rütteln".
Die Frage nach dem "Paris, Texas"-Vergleich werden Sie bald nicht mehr hören können. Dennoch: ist "Don't Come Knocking" eher ein 'reloaded', das schlichte 'update' - oder etwas völlig anderes?
Sam und ich haben uns weit von "Paris, Texas" entfernt. "Don't Come Knocking" schuldet keinem anderen Film etwas, und auch keinem eigenen. Wir sind 20 Jahre älter. Wir haben so viel erlebt seitdem, dass es eine Verschwendung von Zeit, Energie und Phantasie gewesen wäre, wenn wir uns beim Entwickeln der Geschichte auf "Paris, Texas" bezogen haben. Wir haben ein paar Mal anekdotisch drüber geplaudert, über Harry Dean zum Beispiel, und uns bei der einen oder anderen Erinnerung kaputtgelacht. Aber der alte Film war nie ein Modell für uns. Wir wollten ganz bewusst nichts wiederholen, sondern Neuland betreten. Und das haben wir auf der ganzen Linie getan.
An 'amüsant' würden viele bei Wenders nicht sofort denken. Bei "Don't Come Knocking" verblüffen Sie mit ulkigen Einlagen - haben Sie sich zum 60sten Geburtstag eine Komödie geschenkt?
Das ist eine Politik der kleinen Schritte. Die Komödie muss ich erst noch machen. Aber immerhin ist jetzt schon mal eine Farce gelungen. Einige Szenen sind ja auch einfach nur zum Lachen.
Wie verständigen Sie sich mit Sam Shepard? Worüber streiten Sie?
Es gab einige Punkte, bei denen wir ziemlich in die Haare gekommen sind. Zum Beispiel gab es lange Zeit nur den Sohn in der Story. Irgendwann haben wir zu unserem eigenen Erstaunen eine Tochter dazu geschrieben. Aber schließlich meinte Sam, es wären zu viele Figuren, und so wollte er die Tochter wieder streichen. Um Sky habe ich wie ein Löwe gekämpft, weil sie für mich die Seele des Films geworden war. Darüber haben wir uns einige Rede-Duelle geliefert. Allerdings ging es dabei immer nur um die Sache, nie um irgendwelche Egotrips oder Rechthabereien.
Ihr Darsteller Gabriel Mann erzählt, dass er sich beim Casting ein Autogramm von Ihnen geholt hätte ? wann haben Sie sich zum letzten Mal ein Autogramm geholt?
Habe ich mir jemals ein Autogramm von jemandem geholt? Ich glaube nicht. Doch, von Kurosawa! Von Peter Falk habe ich eine Zeichnung, das finde ich weit besser als ein Autogramm. Peter hatte in den Drehpause immer irgendwann etwas gekritzelt. Einmal habe ich mir einfach ein Blatt unter den Nagel gerissen und ihm eröffnet: "Das darf ich jetzt aber behalten!"
Dreht ein Wenders auch privat bei Familienfeiern, im Urlaub oder an Weihnachten?
Meine privaten Filme dienen höchstens der Motivsuche. Früher habe ich viel auf Super8 gedreht. Aber keine "Familienfilme". In den Ferien würde es mir auch nicht einfallen, Fotos von Familie oder Freunden zu machen, die vor irgendwelchen Sehenswürdigkeiten stehen. Solche Souvenirbilder finde ich schrecklich.
Angenommen, Sie bekommen für den nächsten Film tausendmal mehr Geld ? würde der Film dann zehnmal besser aussehen?
Dass ein größeres Budget den besseren Film ausmacht, ist ein Gerücht. Wir haben "Don't Come Knocking" für 11 Millionen Dollar in nur 38 Tagen, also affenartig schnell, gedreht. Da gab es keine Chancen zu einem Nachdreh oder zu zusätzlichen Aufnahmen. Letzten Endes ist mir so etwas viel lieber. Die Vorstellung, unbegrenzt Geld zu haben, erscheint mir eher als ein Albtraum. Für mich gehört zum Kino dazu, dass man sich etwas erkämpfen muss. Dass man manchmal auch mit Fantasie etwas ersetzen muss, was man sich mit Geld sozusagen "erkaufen" könnte.
Wo sitzen Sie im Kino am liebsten? Vorn oder hinten?
Ich sitze immer in der zweiten Reihe in der Mitte. Die erste Reihe ist schlecht, weil man die Füße nicht hochlegen kann. Die dritte Reihe ist mir schon zu weit weg. Zudem ist es immer gut, wenn man niemanden vor sich hat. Die meisten Zuschauer nehmen fälschlicherweise an, hinten wären die besten Plätzen. Ich möchte die Leinwand so groß wie möglich vor mir haben.
Hatte die US-Kritik von "Land of Plenty" Konsequenzen? Stehen Sie jetzt auf der schwarzen Liste, wenn Sie nach Amerika einreisen?
Wenn man mich beim Einreisen fragt, was ich mache, sage ich, ich bin Regisseur. Dann wollen sie wissen, welche Filme ich gemacht habe. Bislang bin ich mit "Buena Vista Social Club" immer gut gefahren, weil viele Grenzbeamte Latinos sind. Mit diesem Film bin ich immer herzlich willkommen.
Lesen Sie Bücher und Diplomarbeiten, die über Ihre Filme geschrieben werden?
Bei vielen Arbeiten habe ich mitgewirkt und den Autoren Fragen beantwortet. Bislang habe ich allerdings erfolgreich kein einziges Buch gelesen. So wenig, wie ich übrigens auch Kritiken lese. Man hat mir so etwa zwanzig Doktorarbeiten über mich geschickt. Die stehen alle im Archiv. Hineingesehen habe ich allerdings in keine.
Was halten Sie von "24", der Kultserie mit Kiefer Sutherland?
Die kenne ich nicht. Ich schaue kaum Fernsehen, außer Fußball und manchmal die Nachrichten.
Gibt es junge Filmemacher, die Sie um Rat fragen?
Ich bekomme eine ganze Menge Anfragen von jungen Filmemachern aus der ganzen Welt. Eigentlich könnte ich mein Leben damit bestreiten, Drehbücher zu lesen und zu helfen, anderer Leute Filme auf die Reihe zu bekommen. Hin und wieder mache ich das ja auch. Und zudem unterrichte ich ja auch an der HfbK in Hamburg.
Wüssten Sie, was bei "Top of the Pops" oder VIVA derzeit auf den ersten Plätzen der Hitparade liegt?
Ich darf eine berühmte Filmzeile zitieren:"Frankly, my dear, I don't give a shit" Oder so ähnlich.
Dieter Oßwald

