Gedanken am Tresen des Lebens von Henning Wehland – #4 – Der Affe und ich

2. Juni 2017

DER LETZTE AN DER BAR

Gedanken am Tresen des Lebens

von Henning Wehland

 

#4 – Der Affe und ich

„… ich bin ganz ehrlich, heute Morgen war ni­cht ganz so mein Tag …“ (aus dem Song „Der Affe und ich“)

Es gibt sie, diese Songs und Texte, die sich in­ Minuten schreiben lassen.

„Der Affe und ich“ ist so ein Titel.

Meine Freunde, die die Musik produ­ziert und geschrieben haben, rie­fen eines Tages an und sagten: „Henning, du kannst in einer Stunde vorbei­kom­men.“

Ich hatte noch keine Zeile auf dem Papier und mus­ste mich inspirieren lassen.

Und zwar schnell. Zum Glück war uns ein paar Tage zuvor ein kleiner Chihuahua-Mischling zugelaufen – To­ny!

Ich stand in der Küche und starrte den Hund eine halbe Stunde lang an.

Plötzlich war die Idee zum Refrain da. Tony ist natürlich kein Affe, aber „Der Chihuahua und ich“ hätte sich blöd angehört.

Die Reaktionen auf den Song sind immer die gleichen: Nach kürzester Zeit kann jeder den Refrain mitsingen und manche Feinheiten fallen unter den Tresen …

 

Fast jeder kennt das: Man wacht morgens auf und nimmt sich fest vor sein Leben zu ändern. „Nie wieder Alkohol“, „viel Sport“, „früh schla­fen gehen“ … und abends steht man wie­der als erster auf dem Tresen und alle guten Vorsätze sind dahin.

Der Affe auf meiner Schul­ter symbolisiert Engelchen und Teufel­chen.

Ich habe mich schon oft dabei ertappt, wie ich mir meine Wahrheit zurechtbiege und Kompromisse schließe, mit denen ich mich eigentlich nicht identifizieren kann.

Zum Bei­spiel hasse ich die Tatsache, dass wir unseren Planeten mit Plastik zumüllen und trotzdem kaufe ich immer wieder Produkte, die mit sinn­los viel Verpackung angeboten werden.

 

Der Affe auf meiner Schulter ist ein Begleiter, der mir meine teilweise vorhandene Doppel­mo­ral vor Augen hält.

Nicht selten muss ich schmunzeln, weil ich mich „ertappt“ habe. Da­dur­ch kann ich meine Einstellung feiner jus­tier­en.

Letztes Jahr hat mein Vater zum Bei­spiel während eines gemeinsamen Wanderur­lau­bs aus seiner Kindheit erzählt und ich mer­k­te, dass es viel gi­bt, was ich noch nicht von ihm wusste.

Außer­dem habe ich erkannt, dass es ihm guttat über manche Geschichten zu spre­chen.

Deshalb riet ich ihm, er solle es doch aufschreiben.

Vor ein paar Tagen, habe ich auf seinem Schreibtisch ein paar Notizen entdeckt, die darauf schließen lassen, dass er mit dem Schreiben begonnen hat …

 

Auch durch das Schreiben dieser Kolumne mer­­ke ich, welch großes Glück ich habe, diese Gedanken aufschreiben und teilen zu können.

Oft weiß ich dann mein bisheriges Leben mehr zu schätzen.

Ihr solltet das auch mal probieren!

 

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