ONKEL PÖ – Eine Legende wird laut

26. März 2017

Im Zentrum der „neuen Hamburger guten Laune“ trafen sich in den 70er und 80er Jahr­en Künstler und Kulturmenschen am Tresen sowie auf der Bühne. Nach dem traurigen Ende des Star-Clubs. Hamburger Musiker wie Udo Lindenberg, Otto Waalkes, OX­MOX-Herausgeber Klaus M. Schulz, alias Käptn Kaos, sowie internationale Stars na­mens Johnny „Guitar“ Watson, Chet Ba­ker (OXMOX „CDs des Monats“), der kürz­lich verstorbene Al Jarreau, Chick Corea, Pat Metheny, Herman Brood oder Joe Cocker starteten mit ausgedehnten Sessions erst am Mittel- und später am Lehmweg ihre Karrieren. Zwick-Chef und Rudolf Rock & die Scho­cker-Gründer Uli Salm (68) zupfte damals den Bass in der Onkel Pö-Hausband Leine­mann. Gemeinsam mit anderen Zeitzeugen freut er sich nun auf die von OXMOX prä­sentierte „Onkel Pö Night“, am 23.03. im Zwick St. Pauli

Die Idee für diesen Abend entstand anlässli­ch einer Film-Dokumentation über das On­kel Pö („Die Höhle von Eppendorf – Das le­gendäre Onkel Pö“, 22.03., 0:00-1:00 Uhr, NDR). Der Streifen wurde 2016 im Abaton Kino voraufgeführt, und es gab ein großes Hallo“, erklärt Uli. „Im Zuge dessen Stamm­gast Hans Riebesehl (Hans der kanns´), die ehemaligen -Inhaber Holger Jass und Pe­ter Marxen, sowie Kult-Bardame Harriet an­regten, eine „Pö Night“ bei uns im Zwick St. Pauli zu veranstalten. Daraufhin veröffentli­chte ich die Idee zusammen mit ein paar Fo­tos aus der alten Zeit auf Facebook. Wir hat­ten mit Rudolf Rock & die Schocker unsere Live-Premiere im , das war 1976 und an sechs Tagen hintereinander ausverkauft! Da­zu konnte ich vor einigen Jahren das Plakat auf Ebay erwerben. Dies habe ich gepostet, sowie frühe Fotos von Leinemann, etc. Die Leute haben sich vor Begeisterung hinsichtli­ch eines -Revivals überschlagen.

Jetzt wird die Idee live auf die Bühne gebracht – und zwar stilecht: „Wir werden das Zwick originalgetreu dekorieren, und den Abend mit einigen Leinemännern eröffnen. Dabei sind außer mir auch Django Seelenmeyer (B.), Berry Sarluis (B.), evtl. Gottfried Böttger (Piano, Key.) und unser erster Sänger Jerry Bahrs. Carlo Blumen­berg (Ges.) ist ja leider im Februar 2016 ver­storben … Anschließend spielen wir ein Set mit Rudolf Rock, inklusive Hugo Egon Bal­der (Dr., Piano, Ges.), und bilden daraufhin die Begleitband für allerhand Gäste. Wir freuen uns auf Mitglieder von Truck Stop, der Rentnerband oder Schulzkes Skandal­trupp. Soweit die bisher bestätigten Künstler, zu denen sicher noch einige hinzukommen. Zu späterer Stunde herrscht dann Open Sta­ge, sodass jeder der anwesenden Musiker mit jedem spielen kann. Da dürfen Songklassiker wie „Die Dinosaurier“, „Hamburger De­ern“ oder „Hamburg ´75“ nicht fehlen: Hamburg ’75, Jungs war das gemütlich, da schien noch ein richtiger Mond in der Nacht, die Musik haben wir noch mit der Hand ge­macht.“

Im Onkel Pö hat sich fast 15 Jahre lang mein Leben abgespielt“, erinnert sich Salm. „Wir waren jede Nacht dort, am Mittelweg und auch nach dem Umzug an den Lehmweg 44. Mit Leinemann bildeten wir so etwas, wie die Hausband. Anfangs haben wir mehr­mals pro Monat im gespielt, als Gast war man eh so gut wie jede Nacht da, hat viele Menschen kennen gelernt und immer wieder gejammt. Das war das Schöne: wenn die Hauptband fertig war, wurde die Bühne frei­gegeben. Das Programm im Onkel Pö war total gemischt – angefangen mit Hamburger Oldtime-Jazzern wie Jazz Lips und Bruno´s Salon Band, über Blues, Rhythm and Blues, Skiffle Rock oder Rock´n`Roll. Und bei den Sessions vermischte sich alles! Dabei war es in den 60ern noch nicht denkbar, dass ein Jazzer gemeinsam mit einem Rocker auf die Bühne geht. Genau das war es, was das Anfang der 70er so spannend machte. Es gab keine Genre-Grenzen, alle haben miteinander gespielt und man hat musikalisch unglaubli­ch viel gelernt. Hier gab es die Möglichkeit, mit Leuten, die man bewunderte, auf einer Bühne zu stehen. Bei Sessions ist z. B. auch mal jemand wie Al Jarreau spontan einge­stiegen. Oder John Mayall, oder Gary Moo­re … Oft wurden irgendwelche Rock´n`Roll- oder Blues-Standards gespielt, aus denen si­ch etwas frei Improvisiertes entwickelte. Teil­weise kam da was richtig Gutes bei raus – teilweise war´s auch unterirdisch!“

Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband seit zwanzig Jahren Dixieland …“

– Udo Lindenberg („Alles klar auf der Andrea Doria“)

Live dabei gewesen zu sein, als die Karriere von Udo Lindenberg ihren Anfang nahm, ist eine schöne Erinnerung. Sowie natürlich un­sere vielen Erlebnisse mit Otto. Dieser hatte damals noch keinen Plattenvertrag, und ver­öffentlichte seine erste Scheibe – sowie auch spätere – auf seinem eigenen Label, weil er keine Plattenfirma fand, die seine Sachen vertreiben wollte. Eine Notlösung, durch die er später viele Vorteile hatte“, schmunzelt Uli Salm. „Durch unseren Bassisten Ulf Krüger, mit dem Otto früher Kunst studierte, landete er im Vorprogramm von Leinemann, und kassierte pro Auftritt 100 DM. Wir hatten immer große Schwierigkeiten, das Publikum anschließend wieder auf unsere Seite zu be­kommen, weil Otto schon damals genial war!

Im Onkel Pö sind unheimlich viele skurrile Geschichten passiert. Zum Beispiel saß Car­lo von Tiedemann damals häufig an der Bar, und hat schöne Getränke zu sich genommen. (Auch legendär: der -spezifische „Pinot“ – etwas Saures mit Suchtfaktor.) Anfang der 70er hat er die Verkehrsnachrich­ten beim NDR gelesen, und war noch gar kein Moderator. Es kam mehr als einmal vor, dass er direkt vom in den Sender gegan­gen ist. Das war immer lustig, wenn wir auf dem Weg nach Hause Carlo im Radio gehört haben – frisch vom Tresen in die Verkehrs­nachrichten“, lacht Uli. „Auf jeden Fall hat es auch zur Legendenbildung beigetragen, dass es das nur relativ kurz gab (bis 1985). Letztens habe ich mich mit Holger Ja­ss getroffen, der mir einen Haufen Original-Programme gegeben hat – schon toll, wer da alles gespielt hat! Aber durch die Lautstärke hat das Haus ein bisschen gelitten und stand nicht mehr auf sicheren Füßen. Da war wohl nichts mehr zu retten.“

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