OXMOX Interview: HENNING WEHLAND – Der Letzte an der Bar

16. April 2017

ich bin eigentlich alles.“ Henning Wehland (45) will sich nicht festlegen – muss er auch nicht. Crossover ist für den H-Blockx-Front­mann keine Musikrichtung, sondern ein Lifestyle. Im Rahmen der Produktion seines aktuellen Soloprojekts „Der Letzte an der Bar“ hat er viel über sich selbst und sein Leben nachgedacht. OXMOX sprach mit dem Söhne-Mannheims-Mitglied über die neue Platte, alte Gitarren und erfuhr von einer ganz besonderen Geschichte – mit Udo Linden­berg in der Hauptrolle …

Ich hab, bevor die Platte überhaupt produ­ziert wurde, im November/Dezember 2015, schon ‘ne Kneipentour gemacht. Da haben wir 16 Shows in 16 Bars an 16 Tagen gespielt, das war legendär und hat unfassbar viel Spaß gemacht“, schwärmt der Vollblutmusiker.

Damals war er noch mit zwei Musikern unter­wegs, inzwischen aber mit einer kompletten Band, bestehend aus Kosho von den Söhnen Mannheims (E-Git.), Ben Glass (Dr.), dessen Bruder Joscha Glass (Bass) und Jan Löchel (musik. Direktor), sowie der Band Unterwegs mit Rocko (Beatboxing) und Esay (Rap).

Die dann in ‘ne kleine Kneipe reinzustopfen ist relativ schwierig und kostenintensiv, weil du das natürlich durch die Eintrittskarten nicht wirklich wieder reinholen kannst.“

Daher hat Henning vorgesorgt: „Gut ist ja, dass ich mir selber ‘ne elfteilige Bar hab bau­en lassen. Die kommt auch mit auf Tour. Der Witz ist ja: Ich bring die Bar mit auf die Bühne.“

Trotzdem will er die richtigen Barauftritte nicht missen: „Die Idee ist, einmal im Jahr ‘ne Kneipentour zu spielen.“

Wer den Wahlberliner einmal selbst live erleben möchte, darf sich auf sämtliche Festival Auftritte (RaR, RiP und 10-15 „kleine bis mittelgroße“) im Sommer freuen.

Das klingt nach viel Trubel im Leben des Multitalents. Auf die Frage, ob er tatsächlich eine Art Rockstar-Lifestyle habe, scherzt er: „Ob ich mich mit Axl Rose oder Udo Linden­berg anlegen möchte, weiß ich nicht …“, bejaht aber letztendlich: „Ich fühle mich schon sehr privilegiert, dass ich seit 30 Jahr­en keinen Wecker mehr habe, den Montag zum Samstag machen kann, wann immer ich will und mit Musik meinen Lebensunterhalt verdiene. Das ist schon ziemlich rockstar­mäßig. Da bin ich sehr sehr dankbar für.“

Irgendwann braucht aber auch, oder gerade, ein Rockstar mal eine Auszeit. „Ich hab ja auch viele andere Sachen gemacht und mein Leben drehte sich irgendwann immer schnel­ler, so dass ich die Kontrolle verloren habe und mal ‘nen Stock in die Speichen stecken musste.“, woraufhin Wehland für drei Mo­nate mit seiner Frau nach Venice Beach zog.

Da hab ich mir ‚ne 50 Jahre alte Gibson Gitarre, J-50 von 63, gekauft.“ Sein guter Freund Jan Löchel erzählte ihm: ‘Ey, ich war in Santa Monica in so ‚nem Gitarren-Laden und da gibt’s eine sensationelle Akus­tik Klampfe, kostet 2.000 Dollar, ich hab mich aber nicht getraut die zu kaufen.’“

Die Neugier des Musikers war geweckt. Wenig später steht Wehland in Santa Mo­nica vor der Gitarre. „Ich hab dann gesagt: Komm, die kauf ich. Dann hat der Typ mir noch ein paar Hundert Dollar nachgelassen und mir ‘nen Koffer mit dazu geschenkt. Die ist jetzt als Dauerleihgabe bei Janni, weil ich eigentlich kein großer Gitarrist bin.“, gibt Henning zu.

Ich hab mit der Gitarre auf der Veranda gesessen und darauf gewartet, dass irgen­dwas passiert, weil: Bin ich Manager, oder bin ich TV-Gesicht, oder bin ich Musiker bei den Söhnen, oder bei H-Blockx? Es gab dann tatsächlich diesen einen Tag 2013, das war lustigerweise mein 42. Geburtstag (02.12.), als die Zeile „Der Letzte an der Bar“ entstanden ist. Ich war auf ein paar Leute in meinem Umfeld richtig sauer und fühlte mich enttäuscht, allein und hängen gelassen. Und dann war das so ‚ne Trotz­reaktion: Ich werd, auch wenn alle schon weg sind, immernoch da sein: Der Letzte an der Bar.“

So kam der Künstler auch auf die Idee, auf Kneipenbesuchen den jeweils Letzten an der Bar abzulichten: „In Hollywood z. B. stand ich mit dem größten Pornostar der 90er Jahre am Tresen: Rocko Siffredi. Den kennt man auch aus Hollywood Filmen. Und der war zum 40. Geburtstag von Rainbow da und ich dachte: Das ist doch Rocko Siffredi, das kann ja wohl nicht wahr sein! Und bin dann hin. Er saß da mit drei Mädels, wo man nicht zweimal überlegen musste, welchen Job die haben. Und ich meinte so: ‘Sorry, ist das ok wenn ich ein Foto mache?’, und die Mädels dann so: ‘Neee kein Problem Honey’ und ich dann: ‘Nene, ich meine nicht euch, sondern ihn’. Und dann hab ich eben so’n Foto von ihm gemacht, als der Letzte an der Bar.“

Über die restlichen Wochen und Monate wurden aus dieser Zeile immer mehr Ge­schichten des Lebens: Die neue Platte ent­stand – und so u. a. auch „Der Alte Mann Und Das Leergut“.

Da kommen mir häufig die Tränen, wenn ich den Song singe. Wenn du in Berlin woh­nst oder in Hamburg und da Menschen plötzlich im Müll nach 8-Cent-Flaschen kramen … Schon krass. Darum geht’s in dem Song, ein Bewusstsein dafür zu bekom­men.“

Wehland findet, dass wir den Mut haben müssen, die Dinge zu sagen, die wir wirk­lich fühlen und denken – und geht mit gutem Beispiel voran.

Das ist ja das, was momentan so erschreck­end ist: Dass alle Angst haben, dass ihnen was weggenommen wird, was sie sich, „erar­beitet“ haben. Anstatt über den Wohlstand, den sie genießen, so glücklich zu sein, dass wir auch was abgeben können. Deutschland ging es noch nie besser und doch haben wir Angst, dass uns irgendwas weggenommen werden könnte.

Ich hab ‘nen Türken bei mir um die Ecke, mit ‘nem arabischen Mitarbeiter, mit dem man gut quatschen kann. Der sagte auch: Für die ist das so ein unangenehmes Gefühl, dass sie denken, sie müssten sich bei jedem, dem sie auf der Straße begegnen, entschuldigen.

Es ist wirklich nur ein Schalter, der im Gehirn umgelegt werden muss bei uns, aus dieser Angst ein Draufzugehen zu machen.“

Für den 45-Jährigen ist das Vorleben das Wichtigste: „Und ja, das beginnt dann meis­tens mit dem freundlichen ‘Hallo’. Das bringt so viel, das kann man sich gar nicht vorstel­len. Oder auch jeder Bettler, der am Straßen­rand sitzt: Egal, ob ich dem jetzt Geld gebe oder nicht, ich sag dem ‘Hallo’ und ich wünsch ihm ‘nen guten Tag oder Glück oder keine Ahnung was.“

Der Songwriter steht zu 100% hinter seinen Texten. Am meisten bedeutet ihm aber der Titel „Frei“.

Die Einen kennen mich von den H-Blockx, Andere von den Söhnen Mannheims, dann wieder jemand von „The Voice Kids“ oder von irgendeinem anderen Thema, aber dass sie das so richtig darauf verdichten: ‘Das ist Henning Wehland, der ist Sänger, der ist Mu­siker, dessen Musik kennen und finden wir gut.’, das gibt es noch nicht. Und deshalb ist für mich die Nummer „Frei“ der Song, der all diese Unfokussiertheit, die man mir vielleicht vorwerfen könnte, zusammenfasst. Das sind alles die Bausteine, die dazu geführt haben, dass ich der Mensch bin, dem es wichtig ist, diese Art von Musik zu machen.“

Wehland spricht für sich als Teil einer Gener­ation „die alles hat und sich vor lauter Mög­lichkeiten einfach nicht entscheiden kann. Und jetzt plötzlich in der Mitte des Lebens zu stehen und ja, vielleicht auch so ein bisschen Angst davor zu haben, wie das Leben weiter­gehen soll …

Ich persönlich hab an meinem 42. Geburtstag plötzlich totale tiefe Ruhe verspürt, weil ich wusste: Ok, ich hatte bisher ein tolles Leben, war auf der Suche nach Dingen, die mich in­teressieren und habe nichts ausgelassen.“ Jetzt will er sein Leben sortieren und sich auf das konzentrieren, was ihm wirklich wichtig ist: „Die Musik“.

Frei“ sieht er da als eine Art Erlebnisbericht. „Ich bin Rocker, Rapper, Hippie, ich bin frei, ich bin eigentlich alles. Also scheißegal, was ich anhabe oder wie ich aussehe, ob ich dick oder dünn bin, wichtig ist, dass ich mir dieses Crossover-Gehirn wahre. Dass ich alle Stile miteinander mixen kann und daraus meinen eigenen mache. Crossover ist für mich keine Musikrichtung, sondern ein Lifestyle.“

15 Jahre lang hat der Manager nicht nur selbst Musik gemacht, sondern auch andere Künst­ler, u. a. Boss Hoss, in seiner Agentur beraten. Newcomern rät er zu 360 Grad Verträgen: „Ich hab bewusst gesagt, ich will, nenn’s 360 Grad Vertrag, nen Künstlervetrag haben. Alle anderen klugen Manager sagen: ‘Ne also wir können ja ‘n Vertriebsdeal machen oder Band­übernahme’ – und was dahintersteckt ist nicht nur die Kontrolle zu behalten, sondern so viel Geld wie möglich rauspressen zu können. Ist ja auch schön und gut, wenn die Leute das können und wollen. Für mich war es wichtig, tatsächlich einen Club (in diesem Fall Univer­sal) zu haben, wo ich die Leute kenne, die meine Demos geil finden und die da auch emotional hinterstehen. Da geht’s für mich nicht darum, was für’n Deal ich habe, son­dern da will ich Künstler sein und ich will auch, dass das Team daran partizipiert.“

Mit einer starken Truppe im Rücken hat er nun mehr Zeit, Henning zu sein: „Und das ist ja das, was mein Album am Ende des Tages auch so authentisch macht, weil ich mich nur darauf konzentriere.“

Seine größte Lieblingsplatte? „Udo Linden­berg!“, antwortet der Fan wie aus der Pistole geschossen. „Ich hab ‘nen Bruder und ‘ne Schwester, die sind 6 und 5 Jahre älter. Ich bin 71 geboren, dass heißt, ich bin so’n Kind der 70er und 80er Jahre. Ende der 70er war ich fasziniert davon, dass mein Bruder Gitar­re gespielt hat. Das hat irgendwas mit mir gemacht. Ich hab gar nicht darüber nachge­dacht: ‘Finde ich das Lied schön oder scheiße?’, sondern wie er das gemacht hat … Ich hab diese Emotionen gespürt, die er da mitbringt. Mein Bruder ist unfassbar emo­tional. Er hatte damals seine Vinylplatten an seiner Wand aufgehängt und als erster in der Familie ‘ne Stereoanlage. Immer wenn er Stress mit meinen Eltern hatte, hat er gesagt: ‘Ich geh jetzt in mein Zimmer und flipp aus!’ Und dieses ‘Ausflippen’ fand ich irgendwie cool.“

Wie es sich für einen großen Bruder gehört, hat er oft Mixtapes für Henning gemacht: „Ich hab früher ganz viel deutschsprachigen Punk gehört, von Hans-A-Plast über Jürgen Zeltinger bis Strassenjungs und haste nich ge­sehen, und Nina Hagen war riesengroß für mich.“

Und dann hing eine ganz bestimmte Platte an der Wand: „’Votan Wahnwitz’. Vorne war die­ses Bild von Udo ohne Hut und Brille – da siehst du, was für’n hübscher Mann der ei­gentlich ist – und dann dreht man die Platte um und da ist das Panikorchester drauf mit ‘ner nackten Frau, die quasi ein Cello vor sich trägt. Mit 7/8 Jahren so ‘ne nackte Frau vor lauter Musikern, die dumm aus der Wäsche gucken, zu sehen – das war unfassbar faszinierend für mich. Auf dieser Platte sind keine klassischen Hits drauf, sondern nur Hymnen. Z. B. ‘Cello’, logischerweise, da ist ‘n Song wie, ‘Das kann man ja auch mal so sehen’… Also Songs, die von Udo eigentlich die Wenigsten kennen, die auf seine Konzerte laufen oder seine Platte kaufen. Aber das ist für mich Udo und das Panikorchester in Reinkultur und eine Platte, die mich bis heute begleitet und auch sehr inspiriert hat für meine eigenen Sachen.“

Zehn Jahre war Pohlmann bei Henning un­ter Vertrag. Für dessen allererste Platte hatte er drei Nummern geschrieben, die er nicht auf dem Album unterbringen wollte. „Das waren ‘Superstar sucht Deutschland’, ‘Fe­rien auf Saltkrokan’ und noch eine Nummer. Und dann hab ich gesagt: ‘Ey Ingo was willst du denn mit den Nummern machen?’ Und dann sagt er so: ‘Ja eigentlich wär’s geil, wenn Udo die singen könnte’. Dann hab ich Udo diese drei Nummern geschickt. Da ist er total ausgeflippt, fand das riesig und wollte unbedingt Ingo kennenlernen. Dann ist Ingo bei ihm im Hotel vorbeige­fahren und es war klar: Udo will diese drei Songs als Demo einsingen.

Dieser rief Henning daraufhin einmal die Woche an: *exzellent imitierte Udo Stim­me* „’Ey wie sieht’s ‘n aus, können wir die Nummer von Ingo aufnehmen?’. Ich hab eines Tages noch ‘ne Platte für H-Blockx aufgenommen, dann rief er an und sagte: ‘Eeeey, Henning, wo bist du gerade?’, und ich so: ‘Bin grad im Studio’, er: ‘Wo?’, und ich so: ‘Boogiepark’, und er so: ‘Eeey, Boogiewohnzimmer!’ – bevor ich noch was sagen konnte hat er aufgelegt und es war klar: In 10 Minuten kommt Udo Lindenberg ins Studio.“

Zum Ende will der Musiker mit dem Cross­over-Gehirn noch eins loswerden: „Ich lie­be das OXMOX seit, würde ich jetzt mal sa­gen, 25 Jahren. Ich glaube, das war das allererste Magazin, auf dem wir tatsächlich sogar schonmal auf’m Titel waren, lange vor der Bravo.“

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