Pohlmann

Pohlmann – Vom Ford Granada zum Smart

10. Juni 2017

Pohlmann –

Vom Ford Granada zum Smart

Seit über zehn Jahren ist der 45-Jährige im deutschen Musik-Business tätig und be­scher­te dem Zuhörer schon den ein oder anderen Ohrwurm („Wenn Jetzt Sommer Wär“). Vor Kurzem erschien mit „Weggefährten“ die fünf­te platte des Wahl-Hamburgers. Bevor es mit diesem auf große Deutschland-Tournee ging, sprach OXMOX mit Pohlmann über Veränderungen, die neue CD, engagierte Fans und unterschiedliche Weggefährten …

Ich bin sehr stolz auf die Platte. Besonders intensiv habe ich natürlich im letzten Jahr daran gearbeitet, aber insgesamt vier Jahre. Meine bisherigen Platten waren in sich nicht rund für meine Begriffe. Diese finde ich sehr gelungen, man kann sie durch hören und dann wieder von vorne anfangen. Ich hör’ sie selbst so oft, wie ich noch keine andere Platte von mir gehört habe. Das hat auch sehr viel mit meinem Produzenten Philipp zu tun, der eine tolle Umsetzung dessen hatte, wie wir für Musik brennen. Das im Studio festzu­hal­ten ist nicht immer leicht. Ist ja auch viel Per­formance, Sound ist manchmal gar nicht so wichtig. Wenn einer so richtig geil abper­formt, dann fragen alle, was der für’n Mikrofon benutzt – dabei ist das nur irgend so ‘ne Gurke.“

Henning Wehland war ja zehn Jahre mein Manager, der gab dann auf einmal sein Ma­nagement auf, zeitgleich wurde die Platten­firma von Universal gekauft und mir war klar, dass ich in der Bürokratie der Neuord­nung untergehen werde bzw. nicht wusste, wo und besonders wann ich da landen werde. Das heißt, ich hatte erstmal keinen An­sprech­partner bei der Plattenfirma und es musste mit dem neuen Chef verhandelt werden, wie es denn überhaupt mit Pohlmann aussieht. Darauf, Universal-Künstler zu sein, hatte ich auch nicht so unbedingt Bock, denn das heißt mitunter sehr unfrei zu sein. Dann kam noch das Kind dazu und da hab ich gesagt: Okay, jetzt wird’s spannend, alter. Dann habe ich mich aber an Arne erinnert: Den kenne ich seitdem ich in Hamburg bin, seit 13 Jahren, und so war er die erste Wahl für mich. Ich finde, er hat auch mit BOY einen ziemlich guten Job gemacht. Er hat Fingerspitzen­gefühl, was Außenwirkung angeht.“

Dieser Umbruchphase folgte das Album – und damit glücklich ist der 45-Jährige nun allemal. Für einen persönlichen Lieblings­song kann er sich aber dennoch nicht ent­schei­den: „Aber ich kann zumindest sagen, welches Stück ich immer als erstes vorspiele: Und zwar „Lichterloh“. Ich finde, der Track wirkt am aussagekräftigsten. Wenn man das z. B. im Auto hört und sich Zeit für den Silberling nimmt, dann fangen die anderen Lieder auch an zu wirken.“

Apropos Auto: Mit „Granada“ widmet er seinem ehemaligen Kombi ein „verstecktes Liebeslied“: „Während meiner Sturm und Drang Zeit, also so zwischen 18 und 25, sind wir damit durch die Weltgeschichte gefahren, da passten 7-8 Leute rein. Ein Garagenauto meiner Tante, grasgrün, Baujahr ’76. Den gibt’s sogar noch. Der Typ der den gekauft hat, hat ihn bestimmt besser behandelt als ich – aber dafür hatten wir glaub ich viel mehr Spaß damit.“

Heute fährt Pohlmann einen Smart: „Der Song handelt von beiden Lebensumständen, was nicht heißt, dass ich jetzt in der Midlife Crisis bin und alles irgendwie total schlimm ist, aber du hast zu jeder Zeit deine guten und deine schlechten Phasen, egal in wel­chem Alter. Aus irgendwelchen Gründen ist das Alter, in dem ich jetzt bin, einfach zehn mal besser, während ich andere Dinge z. B. nicht mehr so spontan und so verrückt ent­scheide, wie ich es mit 23 getan habe. Wobei ich immer noch Musiker bin. Ich kann mich immer noch in den Tourbus setzen und los ziehen, das ist auch schon echt ‘n irres Le­ben, was ich weiterhin führen darf“

Auf die Frage, ob er denn mit dem Alter auch ruhiger geworden sei, folgt Ingos grübeln­dem Blick letztlich ein Kopfschütteln: „In­nerlich nicht, glaube ich. Meine Lebens­führung ist schon ‘n bisschen ruhiger gewor­den, ja. Und mein Innenleben ist definitiv in bessere Bahnen gelenkt, aber auch noch ganz schön verkehrt. Ist ziemlich laut in meinem Kopf.“

Ruhiger wurde es dafür in Sachen Alkohol.“ Den letzten Tropfen gab es vor rund 1,5 Jahr­en. „Ich war kein Alkoholiker, aber hab ein­fach aufgehört, weil ich der Sache als Musi­ker nicht mehr so gerecht werden konnte, wie ich mir das vorgestellt habe. Du bist unter­wegs auf Tour, kriegst ständig einen ange­boten … Außerdem neige ich zu Blackouts, das wurde stärker mit dem Alter“, gibt Pohl­mann zu.

Wobei es natürlich auch viele lustige Ge­schichten gibt. Ganz früher hatte ich mal so ‘ne Beissphase, da hab ich den Leuten immer in den Arm gebissen. Hund spielen hab ich auch immer gerne gemacht.“ Die OXMOX Redaktion erschreckt sich fast, als Ingo an­schließend bellend und springend demon­s­triert, wie gut er das tatsächlich kann. „Jaja, ich bin sehr hundaffin obwohl ich selbst gar keinen habe.“

Wie sieht heute ein normaler Tag im Leben des Musikers aus? „Es gibt keinen normalen Tag in meinem Leben. Das ist völlig unter­schiedlich. Zwischen Büroarbeit, Musik sch­reiben, Leute treffen, auf’n Konzert fahren, sich darauf vorbereiten, proben, E-Mails bearbeiten, Tochter (3) vom Kindergarten abholen, hinbringen, tagsüber mit ihr spielen, abends Netflix gucken

Musikalisch brennt der gebürtige Nordrhein-Westfale gerade für The War On Drugs, wobei seine All-Time-Favorite-Platte „Child­hood Home“ von Ben Harper ist: „Der Typ klingt, als ob Bruce Springsteen und Bob Dylan ‘ne Platte zusammen gemacht hätten. Man könnte jetzt sagen, die Mukke sei ge­klaut, aber die ist so gut, dass das scheißegal ist. Man kann nur froh sein, dass einer diese beiden Einflüsse zusammengebracht hat. Die CD lief bei mir bestimmt ein Jahr lang jeden morgen. Da bin ich echt ein Fan“

Fans hat der Songwriter selbst auch jede Menge. Eine Begegnung entpuppte sich später sogar als äußerst lukrativ: „Ein Typ macht jetzt mein Merch. Wir haben in Büsum geprobt und auf einmal stand da so’n breiter Vogel mit ‘ner Strickmütze, der aussah, wie die Schildkröte von Mario Kart (er hat einen guten Humor und kann sehr gut über sich selbst lachen). Er hatte dann ‘nen Karton mit lauter T-Shirts und so Sachen dabei und hat die an uns verteilt. Er dann so: „Ich wollt mal bei euch vorbeikommen, Pohlmann hör ich ja auch immer, ich hab hier mal ‘n paar T-Shirts für euch gemacht“ und dann sind wir ins Gespräch gekommen und fanden das irre. Daniel hat einfach auch einen Wahn­sinns-Wums und ist ein Macher: Der muss immer arbeiten und wenn er still steht, fällt er sofort auseinander. Das Tolle ist, dass man bei ihm Merch in kleinen Auflagen bestellen kann, so hat man nach ‘ner Tour nicht noch zig Shirts im Keller liegen.“

Auf laufender Tour hat der Wahlhamburger schon in unserer Hansestadt halt gemacht. Wer die Show verpasst hat oder nicht genug bekommt, darf sich auf 2018 freuen:„Nächs­tes Jahr gibt es wahrscheinlich wieder das Ozean Festival, womit wir Sea Shepherd unterstützen und damit die maritime Tierwelt schützen. Naturschutz nimmt in meinem Le­ben allgemein einen wichtigen und immer größer werdenden Platz ein.“

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