Der AStA informiert: Studium – Nur Pauken und Selbstoptimierung?

9. April 2017

Raus aus der vorlesungsfreien Zeit, rein in das neue Semester. Hinter den meisten Stu­dierenden liegen Wochen gefüllt mit dem An­fertigen zahlreicher Hausarbeiten, Klausuren und anderer Prüfungsleistungen. Und vor ih­nen liegen viele Seminare und Vorlesungen, deren Creditpoints auch in diesem Semester „verdient“ werden wollen. Es entsteht der Eindruck, dass das Studium – gleich der Arbeit am Fließband – eine Aneinanderreih­ung von Arbeitsschritten ist. Für die man als Lohn den einen oder anderen Leistungspunkt verdient, mit dem ein Abschluss erworben wird. Gerne will das Bachelor-Master-System uns diese unternehmerische Ansicht auf das Studium verkaufen: Eine Investition in die Zukunft und ein Selbstoptimierungspro­zess um den eigenen Marktwert zu stei­gern – den man mit zusätzlichem, freiwilli­gem Engagement für den Lebenslauf noch weiter aufpoliert. Dass das Studium und die Teilhabe am universitären Leben weit mehr sind, zeigt sich an vielen Beispielen:

Studieren heißt mitgestalten!

Wer sein Studium in Rekordzeit durchboxt, hat am Ende das Beste verpasst. Denn gerade hier bietet sich die Möglichkeit, sich auch als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Viele mit­gebrachte Meinungen, Einstellungen und Vorurteile können hier auf den Prüfstand ge­stellt, mit anderen diskutiert und verändert werden. Es geht nicht darum, vorgesetzte In­halte auswendig zu lernen, sondern vor allem auch, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Das funktioniert nur, wenn man sich dafür den angemessen Raum gibt. Ein „effizientes“ Absolvieren von Prüfungsleistungen nimmt genau diesen Raum weg. Ein Studium brau­cht Zeit. Zeit eigene Gedanken zu entwick­eln, mit anderen zu diskutieren und über den Tellerrand des eigenen Fachs hinwegzuschau­en. Die Vielzahl an Prüfungsordnungen, fach­spezifischen Bestimmungen und Modulhand­büchern mag den Eindruck erwecken, dass es gar keinen anderen Weg gibt. Jedoch ist das Studium nichts fest vorgegebenes, sondern kann verändert werden. So setzen sich Stu­dierende täglich in den universitären Gremien dafür ein, wieder die eigenen Interessen am Studium in den Fokus zu rücken und studier­en jenseits von Durchpeitschen und Prü­fungsstress möglich zu machen. An der Uni Hamburg sind dadurch schon eine Vielzahl der aufgezwungenen Fristen gefallen. Außer­dem wird in allen Fakultäten seit einiger Zeit eine universitätsweite Studienreform disku­tiert. Wie ein Studium ablaufen soll, entschei­den auch wir Studierende mit und können uns an zahlreichen Stellen der studentischen und akademischen Selbstverwaltung einbringen. Selbst in Seminaren und Vorlesungen sind wir nicht zur Passivität verdammt, schließlich sind wir ein essentieller gestaltender Teil des­sen, was in den Veranstaltungen diskutiert wi­rd. Diese Stimme sollten wir nutzen!

Studieren heißt eingreifen!

Ein Studium bedeutet auch, sich mit der Welt auseinander zu setzen. In Zeiten von „Fake­news“ heißt das zum Beispiel, den Tatsachen auf den Grund zu gehen und bloßen Behaup­tungen mit realen Erkenntnissen zu begeg­nen. Dies ist nicht nur den Professor*Innen vorbehalten, sondern Aufgabe und Möglich­keit aller Mitglieder der Hochschulen und Universitäten. Für Studierende bedeutet das, sich in ihrer Fachwissenschaft gemeinsam mit den aktuellen Problemen auseinander zu setzen und Lösungen zu entwickeln. Wir be­wegen uns im Studium nicht in einem El­fenbeinturm, sondern sind Teil der Gesell­schaft. Dieser Anspruch ist nichts, um das wir als Studierende erst höflich bitten müs­sen, sondern in vielen Hochschulen in deren Leitbildern gesetzt. So heißt es an der Hoch­schule für Angewandte Wissenschaften: „Wir nehmen unsere gesellschaftliche und et­hische Verantwortung wahr und fördern dur­ch Bildung, Forschung und Transfer die na­chhaltige und friedliche Entwicklung der Ge­sellschaft“ (Leitbild Fakultät Technik und In­formatik [1]). Die Hafen City Universität sucht „nachhaltige Lösungen für aktuelle baulich-räumliche, ökologische, soziale, kul­turelle und ökonomische Herausforderung­en“ (Imagebroschüre HCU [2]) und für die Universität Hamburg besteht ihr Leitbild „im Auftrag zum Schutz und zur Verwirklich­ung wissenschaftlicher Freiheit, zur Mitge­staltung eines sozialen und demokratischen Rechtsstaates und einer friedlichen und men­schenwürdigen Welt, zur Verwirklichung des Rechtes auf Bildung, zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Würdigung kultureller Vielfalt.“ (Grundordnung Universität Ham­burg [3]).

Heutzutage bedeutet ein Studium nicht nur Ausbildung, sondern sich einzusetzen für eine positive Entwicklung der Gesell­schaft. Wenn in diesem Semester der G20-Gipfel in Hamburg tagt (07.+08.07.2017), sind auch wir an den Hochschulen und Uni­versitäten herausgefordert, uns mit den gro­ßen Problemen unserer Zeit – der globalen so­ziale Ungleichheit, Krieg, Flucht und Migra­tion sowie der Zerstörung natürlicher Lebens­grundlagen – auseinanderzusetzen und Lö­sungen zu entwickeln. Dies bedeutet, eine Institution wie den G20-Gipfel zu hinterfra­gen und zu kritisieren. Zu studieren bedeutet nicht nur zu konsumieren, sondern sich ein­zumischen und selbst zu gestalten. In den Se­minaren und Vorlesungen, in den Fach­schaftsräten, Studierendenparlamenten, Fa­kultätsräten und Akademischen Senaten, in der Stadt und darüber hinaus. Nutzen wir die Chance!

Wie ihr euch aktuell engagieren könnt, er­fahrt ihr unter asta-uhh.de. Wir freuen uns auf ein bewegtes Semester mit Euch!

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