OXMOX History: MAN – Zeitreise einer Rockband

7. Februar 2017

2 Ozs of Plastic with a Hole in the Mid­dle“ – davon haben die süd-walisischen Ro­cker bis heute geschätzt 423 auf 75 Labels in 24 Ländern veröffentlicht. Mit dem Tod von Ur-Mitglied und Keyboarder Phil Ryan im April diesen Jahres endet ein weiteres Kapitel einer turbulenten Bandgeschichte, die 1968 ihren Anfang nahm …


The Bystanders war eine erfolgreiche Pop-Gruppe, die zum Inventar zahlreicher walisi­scher Clubs gehörte, wo die jungen Musiker oft merhmals pro Nacht auf der Bühne standen. Acht Singles gingen auf das Konto der begabten Newcomer – darunter z. B. „98.6“ und „When Jesamine Goes“, ge­schrieben von ihrem damaligen Manager Ronnie Scott. Außerdem nahmen The Bystanders zahlreiche Cover-Versionen für die BBC auf, die u. a. in der damals beliebten „Jimmy Young Show“ sowie der „The Da­vid Symonds Show“ zum Einsatz kamen. 1962 gegründet, bestand die Band aus Sänger Owen Money, der seinen Namen in Gerry Braden änderte (und gebürtig noch anders, nämlich Lynn Mittell hieß), und kurze Zeit drauf von Vic Oakley ersetzt wurde. Mit ihm wurde das klassische Line-up geschaffen: Micky Jones (Git.), Ray Williams (B.), Jeff Jones (Dr.) und Clive John aka Clint Space (Key.). Als die Gruppe 1968 ihren Sound mehr in Richtung Psychedelic/American West Coast verändern wollte, überließ Oak­ley seinen Posten Deke Leonard – dies war die Geburtsstunde von Man.

Unter den Fittichen des Labels Pye Records produzierten die jungen Waliser ihre ersten beiden Alben: „Revelation“ erweckte im Ja­nuar 1969 u. a. durch den simulierten Orgas­mus in „Erotica“ einiges Aufsehen. Während des finalen Mixings von „2 Ozs of Plastic with a Hole in the Middle“ verließ Sänger Leonard die Band und wurde durch Martin Ace ersetzt, der aus Leonards vorangegang­ener Band Dream wechselte. Während dieser Zeit nahmen Man als Studio-Band zahlreiche Demo Sessions auf, aus denen u. a. ihr Arran­gement des Song „Down the Dustpipe“ her­vorging, das sie an Status Quo weitergaben. Weiter ging´s auf Europa-Tour, wo die Wali­ser in Deutschland als Support für Chicago auf der Bühne standen. Die Rückreise gestal­tete sich leicht kompliziert, da die Gruppe aufgrund von Drogenangelegenheiten in Bel­gien festgenommen wurden. Und auch das Personen-Karussell drehte sich weiter: Deke Leonard feierte sein Comeback am Mikro und Martin Ace übernahm den Posten als Multi-Instrumentalist. Kurz nachdem Bassist Ray Williams und Drummer Jeff Jones ge­feuert wurden, stieg Terry Williams als Schlagzeuger ein und Ace wechselte an den Bass. Dass Leonard, Ace und Terry bereits bei Dream in einer Band aktiv waren, wirkte auf manche Man-Fans wie eine „Über­nahme“ …

Ein Bootleg des ersten Konzerts in dieser Be­setzung, vom Oktober 1970 in Hamburg, wurde unter dem Titel „To Live for to Die“ veröffentlicht, und später von der Truppe selbst Re-Bootlegged. Trotz guter Kritiken in Großbritannien konnten Man größere Erfolge in Deutschland verbuchen, und entschieden sich zu einem einjährigen Auslandsaufent­halt, der geprägt war von 4-5-stündigen, exzes­siven nächtlichen Jam-Sessions. Nachdem Manager Barrie Marshall einen neuen Vertrag mit United Artists Records ausge­handelt hatte, veröffentlichte die Truppe dort 1971 eine selbstbetitelte LP, die gemischte Rezensionen erhielt. Mit dem nächsten Al­bum „Do You Like It Here Now, Are You Setting In?“, aufgenommen in den Rock­field Studios von Kingsley Ward, durften sich Leonard & Co. über positives Feedback freuen. Nach gemeinsamen Konzerten und TV-Auftritten in Island und Deutschland mit den britischen Rockern Badfinger, wuchsen erneut interne Spannungen, die 1972 im Ausstieg von Keyboarder Clive John gipf­elten, der Iorwerth Pritchard and the Neu­trons mit Phil Ryan und Will Youatt grün­dete. In Vierer-Konstellation supporteten Man ihre Kollegen Hawkwind und Brinsley Schwarz bei einem Charity-Konzert am 13. Februar 1972 im The Roundhouse, veröf­fentlicht unter dem Titel „Greasy Truckers Party“ als limitiertes Doppel-Album, das schnell zum Sammlerstück wurde. An diesen Erfolg anknüpfend, brachte die Gruppe die Platte „Live At The Padget Rooms, Penarth“ heraus, von der zu einem redu­zierten Preis lediglich 8.000 Kopien gepresst und verkauft wurden – was innerhalb einer Woche geschah.

Anschließend versuchte sich die Band an ei­ner neuen Studioplatte, was mangels Inspira­tion scheiterte und Martin Ace dazu veran­lasste, sich von Man zu trennen und The Flying Aces zu formieren. Die verbliebenen Mitglieder veröffentlichten 1972 erfolgreich „Be Good To Yourself At Least Once A Day“ und gingen auf Tour, während der sich John mit Mickey Jones überwarf und Man erneut den Rücken kehrte. Als Quartett machte man sich an die Produktion des Nachfolgers „Back Into The Future“ und bemerkte, dass man hierfür nicht auf einen zweiten Gitarristen verzichten konnte – diesen Posten übernahm Alan „Tweke“ Lewis von Wild Turkey. Im Background wurden die Waliser auf dem Album vom Gwalia Male Choir unterstützt, der bereits als Support für Frank Zappa mit ihnen auf der Bühne gestanden hatte. Bedingt durch einen Kunststoffmangel in Folge der Öl-Krise konnte die Platte nur in einer begrenzten Auf­lage gepresst werden. Während der folgenden Tournee diskutierten Micky Jones und Leonard ein neues Man Line-up, und als Ryan und Youatt die Band verließen, um The Neutrons zu gründen, komplettierten Malcolm Morley (Key.) und Ken Whaley (B., beide Ex-Iceberg) die Besetzung. Die folgende Platte „Rhinos, Winos and Luna­tics“ wurde von Roy Thomas Baker produ­ziert, bekannt für seine bisherige Arbeit mit Queen. Während der anschließenden Tournee stieß im Rockclub Whisky a Go Go in Los Angeles Jim Horn als Saxophonist dazu.

Malcolm Morley verließ Man einen Tag vor den Aufnahmen des nächsten Albums „Slow Motion“. Auch die dazugehörige Tour mit u. a. REO Speedwagon floppte bereits am ers­ten Abend. Die Ersatztermine mussten eben­falls zum Großteil gestrichen werden, da Mi­cky Jones eine Lungenentzündung erlitt. Whaley reichte es – er verließ die Gruppe und Martin Ace sprang für einige Tour-Dates ein.

Die Band wechselte zu MCA Records, Ryan kehrte an die Keyboards zurück und Man casteten als neuen Bassisten John McKenzie von der Global Village Trucking Company. Gemeinsam veröffentlichten sie „The Welsh Connection“, das es auf den 40. Platz in den UK-Charts schaffte. In Folge der dazugehöri­gen Tour kündigten Ryan und McKenzie ihr­en Ausstieg an, und obwohl der Vertrag mit MCA drei Alben beinhaltete, war niemand bereit an neuem Material zu arbeiten. Also stimmte das Label der Veröffentlichung eines Abschieds-Livealbums zu. „All´s Well That Ends Well“ erschien 1977 und die einstigen Mitglieder widmeten sich in den Folgejahren solo und gemeinsam diversen Projekten, u. a. The Flying Aces, Micky Jones Band, The Flying Pigs, Iceberg, Rockpile, The Force oder The Brown & Ryan Band. John McKenzie absolvierte musikalische Engage­ments für Bob Dylan, The Pretenders oder David Bowie und Phil Ryan wanderte zu seiner Frau nach Dänemark aus, von wo er Musik für´s Kino und TV komponierte. Terry Williams stieg bei Meat Loaf und Dire Straits ein. Für letztere war er noch aktiv, als sich Man 1983 reformierten …

Mit Micky Jones und Deke Leonard an den Gitarren, Martin Ace am Bass und John „Pugwash“ Weathers an den Drums feierte die Band ihr Comeback. Das Line-Up blieb für Man-Verhältnisse erstaunlich lange – bis 1996 – bestehen. Nachdem die Gruppe ihren ersten Gig im Londoner Marquee Club ge­spielt hatte, wurden ohne Plattenvertrag in der Tasche diverse Alben auf unterschiedlich­en Labels veröffentlicht. 1993 spielten die vier Jungs u. a. auf dem Reading Festival, was als Live-Mitschnitt auf CD gepresst wur­de. Im selben Jahr machten sich die Musiker außerdem in Deutschland an die Aufnahmen von neuem Material, überwarfen sich jedoch mit dem Produzenten und das Album wurde nie veröffentlicht. Das erste offizielle Studio­werk nach dem Comeback wurde „The Twang Dynasty“ (1992), gefolgt von einem Konzert beim Glastonbury Festival und „Call Down The Moon“, produziert von Ron Sanchez. Weathers verließ Man 1996, als sich Gentle Giant reformierten, und wurde von Terry Williams an den Drums ersetzt. Mit ihm wurden einige Songs für die „Undrugged“Platte eingespielt, und als Leonard einen Schlaganfall erlitt, spielte die Gruppe Konzerte als Trio. Mit Leonards Rückkehr 1997 verließ Williams die Band und wurde von Bob Richards (The Wild Family) an den Drums ersetzt. Die Rückkehr von Keyboarder Phil Ryan machte 1998 die klassiche Quintett-Besetzung von Man kom­plett. Anfang 2000 musste Ryan die Band aus persönlichen Gründen wieder verlassen. Für ihn kam Gareth Llewellyn Thorrington, der jedoch die Aufnahme von „Down Town Live“ aus dem Hamburger Downtown Bluesclub im Mai 2001 verpasste, da sein Flug aufgrund einer Bombenwarnung ge­strichen wurde. 2002 erschien das Unplug­ged-Album „Undrugged“, dessen erste Ar­beiten bereits 1996 begonnen hatten. Die Platte enthält einige großartige Covers, u. a. „Sail On, Sailor“ von den Beach Boys oder Ray Charles´ „Georgia On My Mind“. Eine Gehirntumor-Diagnose zwingt Micky Jones anschließend zu einer Pause, während sein Sohn George dessen Posten bei Man ein­nimmt. Als Micky 2004 genesen zur Gruppe zurückkehrt, verkündet Leonard seinen Aus­stieg und George bleibt infolgedessen als festes Mitglied. 2005 meldet sich Mickys´ Tumor zurück, und Martin Ace´s Sohn Josh springt ein.

2006 geht es mit dem Album „Diamonds and Coal“ sowie Keyboarder Gareth Llewe­llyn Thorrington als Quartett weiter. Die To­ur zum 40-jährigen Band-Jubiläum geht 2008 mit den Ur-Mitgliedern Martin Ace und Phil Ryan sowie zwei Man-Söhnen (George Jo­nes und Josh Ace) und Schlagzeuger Bob Richards über die Bühne. In dieser Besetz­ung geht´s ins Studio – doch bevor ein Album erscheinen kann, trennt sich die Band wieder­holt. Josh Ace, Martin Ace und Phil Ryan heuern James Beck (Git., Ges.) sowie Rene Robrahn (Dr., Ges.) an, und veröffentlichen 2009 ihr neues Werk „Kingdom of Noise“. Seit 2011 sind die Briten in Deutschland be­heimatet, wo sie noch gelegentlich live auf der Bühne stehen. George Jones und Bob Richards spielen unter dem Bandnamen Son of a Man ihre Musik in England und Wales. Micky Jones stand noch für einige Jahre auf der Bühne, bis ein neuer Tumor bei ihm diag­nostiziert wurde – im Alter von 63 Jahren starb er friedlich in Südwales. Auch Clive John aka Clint Space starb 2011 mit 66 Jahren in seiner walisischen Heimat an einem Lungenemphysem. Die bislang letzte offi­zielle CD erschien unter dem Titel „Reani­mated Memories“ im Februar 2015. Wenn nach mehr als vier gemeinsamen Jahrzehnten auch einige Mitglieder endgültig die Bühne verlassen haben, werden die Erinnerungen reanimiert. Diese walisischen Rocker sind einfach nicht unterzukriegen …

Diskografie (auszugsweise)

Revelation (1969)

2 Ozs of Plastic with a Hole in the Middle (1969)

Man (1971)

Do You Like It Here Now, Are You Settling In? (1971)

Greasy Truckers Party (1972)

Live at the Padget Rooms, Penarth (1972)

Be Good to Yourself at Least Once a Day (1972)

Christmas at the Patti (1973)

Back into the Future (1973)

Rhinos, Winos and Lunatics (1974)

Slow Motion (1974)

Maximum Darkness (1975)

The Welsh Connection (1976)

All’s Well That Ends Well (1977)

Friday 13th (1984)

The Twang Dynasty (1992)

Call Down the Moon (1995)

1998 at the Star Club (1998)

Endangered Species (2000)

Down Town Live (2002)

Undrugged (2002)

Diamonds and Coal (2006)

Kingdom of Noise (2009)

Reanimated Memories (2015)

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