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OLIVIA JONES (1209) |
Sa, 04.07.09, 20:15, U-Bahn-Station St. Pauli, Ausgang Reeperbahn:
In einer Viertelstunde ist hier Treffpunkt mit Olivia und Begleiter Onkel Boris. Einige lauernd dreinblickende Personen im näheren Umfeld identifizieren wir als mutmaßliche Teilnehmer. Schon auf die schätzungsweise 7 Meter Entfernung erkennen wir außerdem, dass es sich dabei um ein wahres Zielgruppen-Potpourri handelt: Vom unauffälligen Mittzwanziger-(Liebes- oder Geschwister-!?!?)pärchen bis hin zum gackernden 60+-Föhnfrisurclan ist alles dabei.
Ein Mann in Stöckelschuhen und Pagenschnitt-Perücke watet aus dem Untergrund der Haltestelle empor - entgegen unserer ersten Eingebung ist er kein fanatischer Fan sondern „nur“ Protagonist eines Junggesellenabschieds. Wir kaufen ihm zwei Schnäpse ab, die widerlicher kaum sein könnten, uns aber die Hoffnung geben, für noch anstehende Inklusivgetränke während der Tour gewappnet zu sein.
Nur 3 Minuten später polt uns auch schon der nächste Ehemann in spe an und überredet mich, zum Wucherpreis von 1,-€ ein Herz aus seiner Jeans auszuschneiden. Wir beschließen, derartige Gefälligkeiten im weiteren Verlauf des Abends zu verweigern, was sich als weiser Plan erweist: Gefühlte 30 weitere Heiratswillige mit Anhang sollten im Verlauf der nächsten Stunden noch unseren Weg kreuzen...
Als wir endlich hoch über den Köpfen der Umstehenden Olivia Jones’ rosa Lockenpracht erspähen, ahnen wir davon noch nichts. Ohnehin steht unserem prominenten Guide der Sinn eher nach kurzfristigen Abenteuern, wie er gleich zu Beginn verkündet: „Ham wer hier noch Ladenhüter dabei? Wir werden jetzt so lange unterwegs sein, bis Alle einen Tagesabschnittspartner gefunden haben!
Um dieses Vorhaben unmissverständlich nach außen zu tragen und potentielle Eindringlinge von unserer missionierten Gruppe anzuwehren, werden unsere Brustpartien mit dem Titel „Großwildjäger on Tour“ etikettiert.
Somit ist die Vorbereitung abgeschlossen, es kann losgehen.
Olivias Weg zu „Läden, in die Ihr niemals von alleine reingehen würdet“ führt zunächst in die parallel zur Reeperbahn gelegene Seilerstraße, welche uns aufgrund besonderer Puffnähe als „Naherholungsgebiet“ vorgestellt wird.
Sogar von innen begutachten wir den dortigen Erotikshop SEXES, an dem Olivia vor allem die Diskretion schätzt: „Früher mussten die Männer an die Verkaufstheke gehen und fragen: „Ich möchte 20 Minuten onanieren, was kostet denn das?“ Heute läuft das alles über Automaten.“ Wir sind gespannt!
Vorbei an DVDs mit Titeln wie „Sperma-Luder“ und „Neun weiße Nylonengel“ steuern wir Penispumpen und Vibratoren von 14 cm (!) Länge an. Begleitet von entsprechend erschreckenden Phantasien und Hardcore-Pornobildern auf herabhängenden Fernsehbildschirmen drängen wir durch den zweiten Ausgang zügig wieder an die frische Luft und landen diesmal direkt auf der Reeperbahn.
Es folgen kurze Erläuterungen zum 1948 eröffneten Plüsch-Tanzcafé und Thomas Herrmanns’ heutigen „Quatsch Comedy Club“-Austragungsort Café Keese (Reeperbahn 19-21) sowie dem 168-jährigen Gebäude des TUI Operettenhaus (Spielbudenplatz 1) als Kulisse des Udo-Jürgens-Musicals „Ich war noch niemals in New York“. VIP-Pflichten unserer Ausflugsleiterin wie Winken und Foto-Posing werden nebenbei erledigt.
Doch irgendwann braucht selbst die routinierteste Stadtteilführerin eine Pause und so lautet das nächste Ziel: Esso-Tankstelle!
„Jetzt wird’s Zeit, dass Ihr untenrum mal n bisschen locker werdet. Und je betrunkener Ihr seid, desto besser sieht auch Eure Reiseführerin aus. Bis gleich, Ihr Mäuse!
Mit diesen Worten verabschieden sich Olivia und Onkel Boris in die Automatiktür von Deutschlands bekanntester Tanke und kehren wenig später mit 42 Astra-Dosen aus Hamburgs längstem Getränkekühlregal (!) zurück.
Während Olivia also zur kurzen Stippvisite in einen Aufnahmeraum tänzelt, versorgt uns Onkel Boris mit einem „Schnäppsken“, das unserem ersten Drink von vor 45 Minuten an Ungeheuerlichkeit in nichts nachsteht. Gut nur, dass für längere Grübeleien über Inhaltsstoffe keine Zeit bleibt, denn der Star des Abends hat den Klönschnack schon beendet und wedelt zum Weitermarsch.
Mitten auf dem Spielbudenplatz streifen wir im Anschluss dank wärmster Empfehlungen des örtlichen Theatertrios (Schmidt Theater, Schmidts Tivoli und St. Pauli Theater ) ein Stück „höhere“ Kultur, bevor wir zu den eher hochhackigen Angelegenheiten auf Olivias Themenplan gelangen.
„Diese Mädels stehen hier nicht, weil sie Schlafstörungen haben“, bedeutet uns diese mit Blick auf die Ansammlung leichter Mädchen vor’m Kiez-Burger King. Dankbar für diese schier unglaubliche Offenbarung biegen wir um Deutschlands berühmt-berüchtigste Polizeistation, die Davidswache, mustern interessiert aber unaufdringlich das weitere straßengewerbliche Treiben im Verlauf der Davidstraße und geben die Herren unseres Trupps schließlich im Männerparadies Herbertstraße ab.
Viele der verbliebenen Damen müssen jetzt stark sein, hatten sie doch gehofft mit Olivia als Schnittstelle zwischen den Geschlechtern auch mal einen Blick auf die Schaufensterdarbietungen in der 60 m kurzen Haupt-Erotikstraße erhaschen zu können.
Doch zu dieser frühen Stunde hat Frau selbst mit solch prominenter Begleitung keine Chance. Diese hat sich zum Glück schon ein Trostprogramm überlegt und so ertränken wie unseren Anflug von Kummer mit Inklusivschnaps Nr. 2 im umliegenden Kultschuppen Die Rutsche (Friedrichstr. 22). Deren Beinamen „Spaßkneipe“ kommt man in rheinischer Jeckenmanier nach: Für 2€ kann man hier ein Kölsch kippen („normales“ Bier gibt’s für 3€) – vorzugsweise zu karnevalesken Schlagern. So grölen uns beispielsweise Die Höhner aus der Seele, als wir die Spelunke nach rund 10 Minuten zu „Da simma dabei“ voller Tatendrang wieder verlassen.
Dieser führt erst mal ans andere Ende der Herbertstraße, wo „unsere“ der blanken Reizüberflutung ausgelieferten Kerle nach bedeutsamer Wartezeit mit fiebrigen Blicken der Lustzone wieder entschreiten.
Schnell versteht Olivia es, die Herren sexuell auszunüchtern, indem sie vor der „zweitbekanntesten“ Kiezkneipe Zum Silbersack (Silbersackstr. 9) von Wirtin Erna erzählt, die mit 85 Jahren immer noch hinterm Tresen steht.
Der legendärste Absturzschuppen steht uns noch bevor:
Zur Ritze, die knapp 30 Jahre alte Boxkneipe von Kiez-Legende Hanne Kleine in einem Hinterhof auf der Reeperbahn (Nr. 142) ist unser letzter offizieller Anlaufspunkt. Wo noch heute im untergeschössigen Boxraum Stelldicheins unter Promis (Jan Fedder beispielsweise feierte im hiesigen Ring schon Geburtstag) und im oberen Stock Balzkämpfe unter Bierhalbleichen ausgetragen werden, darf sich jeder von uns auf seinem persönlichen „Beweisfoto“ neben Olivia verewigen.
Nach einer wahren Knipsorgie geht es nun schnurstracks zur finalen Open-End-Feier in die 2008 eröffnete Olivia Jones Bar (Große Freiheit 35, dem Grundstück des einst legendären Star-Club). Naja, fast. Einmal noch wird auf dem mittlerweile fast 1-jährigen Beatles-Platz Halt gemacht – zum kurzen Gedenken an ausgesuchte Locations auf der Großen Freiheit wie dem Striptempel Dollhouse (Olivia: „Hier ziehen sich auch mal die Jungs für die Mädels aus“), und dem ersten Hamburger Live-Sex-Club Safari (Olivia: „wo der Willi bei der Biene-Maja-Nummer mit dem großen Stachel kommt“).
So viele lebenswichtige Infos müssen nach gut 100 Minuten nun aber endlich mal verdaut werden. Dazu serviert Olivia als Gastgeberin in ihrer eigenen Bar – wie sollte es anders sein – mal wieder einen Kurzen. Aus den Boxen dröhnt DJ Ötzis „Mein Stern“, das Musikprinzip ist schnell klar: Hauptsache mitgrölbar. Viele der „Safarianer“ sind inzwischen auch schon knülle genug, um die überschaubare Tanzfläche zu behopsen.
Uns hingegen zieht es in die laue Sommerabendluft hinaus, wo Onkel Boris Einblicke in Olivias faszinierendes Rollenspiel zwischen Unternehmerin, Entertainerin und Privatmensch gibt:
Während wir uns (unter dem Schwur, diese für uns zu behalten) noch gebannt Einzelheiten zu Onkel Boris’ zweitem Ich anhören, entwinden sich auch die „Safari“-Mitläufer Christina und Thomas der schallenden Kneipenschar und treten zu uns nach draußen. Was sie denn in den letzten Stunden Neues erfahren hätten, wollen wir wissen. „Nix!“, erwidern beide inbrünstig, „Aber darum geht’s ja auch gar nicht.“ Wie zur Erklärung rauscht Olivia mit der Bemerkung „Ich selbst bin doch schon eine Sehenswürdigkeit“ an uns vorbei und posiert flugs schon wieder für den nächsten Schnappschuss. Wo sie Recht hat...
Jana Schiffers
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