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PERFEKTE WELLE

Story >>

Ich habe bereits einige verrückte Trips hinter mir“, schmunzelt der braun ge­brannte Wahl-Hamburger. „Einmal sind wir für eine Fotostory mit vier Windsurfern und einem französischen Fotografen nach Ma­da­gas­car geflogen. Gilles Calvet hatte aus dem Flugzeug heraus eine Inselgruppe ge­sehen, die paradiesisch schön, aber auf kaum einer Karte verzeichnet war. Da wollten wir hin! Vor Ort hat uns ein chinesischer Vanille-Mafiosi einen Trupp an Leuten zusammen­gestellt, die uns zu den Inseln bringen sollten. Nachdem wir uns über hunderte Kilometer mit alten Trucks durchs Dickicht geschlagen hatten, sind wir in einer kleinen Nussschale übergesetzt. Die Inseln waren teilweise be­wohnt, aber es gab keinen Strom oder fließ­end Wasser. Wahrscheinlich waren wir sogar die ersten Weißen, die die Ein­heimischen bis dahin gesehen haben! Das ganze Dorf kam angelaufen, hat uns be­gut­achtet und mir an den Haaren gezupft. (lacht) Wir haben 10 Tage auf den Inseln campiert, hatten nur Reis dabei, haben mit Speeren Fische im Meer gejagt und den ganzen Tag gesurft - das war ziemlich abgefahren. Morgens haben die Ein­geborenen ihre Köpfe ins Zelt ge­streckt und uns beobachtet. Wir haben ihnen unsere Kopf­­hörer aufgesetzt und von da an waren sie den ganzen Tag bei uns, weil sie es so geil fanden, Musik zu hör­en! Das waren wahr­scheinlich die zufrie­dens­ten Menschen der Welt - sie haben gefischt und gescherzt, niemand musste hungern oder hat etwas ver­misst. Im Nachhinein haben wir uns ge­fragt, inwiefern wir die Leute dort ver­ändern, wenn wir z.B. mit unserer westlichen Technik an­kommen und ihnen zeigen, was sie nicht ha­ben…“, philosophiert Klaas, der im Feb­ruar auch das große Erdbeben in Chile mit­erlebt hat.       

 

Bis heute habe ich 1,3 Millionen Flugmeilen zurückgelegt“, wirkt Voget im Gespräch mit OXMOX fast ein wenig selbst überrascht. Der 1,80m große Sportler mit den breiten Schultern und blauen Augen entpuppt sich als gelassener, fast zurück­haltender Gesprächs­partner. Eine Eigen­schaft, die auf seine Herkunft schließen lässt. Der Wahl-Ham­burger ist nämlich ein wasch­echter Ostfriese! Und egal, wo er auf seinen Reisen landet - ob im Busch oder im Dschungel - eine Tasse Tee am Tag muss sein. Darauf besteht Klaas, um das friesische Lebens­gefühl auch in der Ferne aufrecht zu erhalten. Und um eines gleich klar zu stellen: Für keine Welle der Welt würde er den Norden verlassen. Hier hat schließlich alles ange­fangen. 

 

Am 'Kleinen Meer' infizierte sich der damals 13jährige mit dem Virus Wind­surfen. „Meine Eltern haben nicht weit von Aurich entfernt ein Ferienhaus. Eines Tages ist meine Mutter mit mir und meinem großen Bruder rausgefahren, weil sie Jan das Wind­surfen beibringen wollte. Ich durfte den ganz­en Tag nur zuschauen. Am Ende bin ich auch mal auf`s Brett geklettert - und trockenen Fußes zum Haus zurück gesurft. Ein Jahr später hat meinen kleiner Bruder Dieken nachgezogen. Wir mussten uns zu dritt ein uraltes TenCate Board teilen, bis sich mein Vater erbarmt und uns ein Fanatic Rat gekauft hat. Das war bis heute seine einzige Investition in unsere Windsurf-Kar­ri­e­ren“, lacht Klaas, der es 2009 bis auf den 4. Platz in der Weltrangliste geschafft hat. Aber der Reihe nach: „Mein Konfirmationsgeld habe ich in ein Fanatic Ultra Mosquito investiert. Das war mein Einstieg ins Wellensurfen. Mit einem Freund bin ich regelmäßig nach Norderney gefahren - wovon meine Eltern aufgrund der starken Strömung­en in der Nordsee nicht gerade begeistert waren.“ Dabei liegt gerade hier die Basis für die bis zu sieben Meter hohen Sprünge des ehrgeizigen Extrem-Sportlers.

 

Auf der Ostfriesischen Insel lernt das junge Nachwuchstalent den bis heute erfolgreichsten deutschen Windsurf-Profi Bernd Flessner (41) kennen. In seinem Freund und Vorbild findet Klaas einen routinierten und geduldigen Lehrer. „Wir Friesen halten schließlich zusammen“, kom­mentiert Flessner trocken. Also heuert Voget 1999 als Zivi auf der Insel an - in einer Ferienstätte des Diakonischen Werkes. „Die Adresse lautete Am Weststrand 1. Dement­sprech­end hatte ich beim Arbeiten den ganz­en Tag über Meerblick und immer ein Auge auf den Wind, die Wellen und die Tide - da habe ich beim Staubsaugen schon mal länger gebraucht. (lacht) Das Gute an dem Job war, dass ich jeden Tag, wenn das Mittagessen ab­geräumt war, bis zum Abend frei hatte. Ich bin im Neoprenanzug ständig mit dem Fahr­rad zum Surfspot am Januskopf und wieder zu­rück...“ Die vielen Stunden auf dem Wasser bleiben nicht ohne Wirkung: Table Tops, Backloops, Pushloops und weitere Manöver sind die Folge. „Seit meiner Zeit auf Norderney bin ich in Deutschland ständig unter den Top 3 in der Disziplin Wave-Free­style. Damals habe ich auch meine erste Wild­card für den World Cup auf Sylt be­kommen. Im selben Jahr (2000) bin ich nach Kiel gezogen. Zum einen, um Sport­wissen­schaft zu studieren und zum anderen, um näher an den guten dänischen Wavespots Klitmøller und Hanstholm zu sein.“   

 

Ich wollte ursprünglich Medizin studieren - das habe ich aber schnell wieder verworfen, als ich gesehen habe, wie selten mein Bruder nur noch auf dem Wasser war“, erklärt Voget, dessen Eltern und Brüder als Ärzte tätig sind. „Meine Familie ist ent­spannt, was das Surfen als Beruf angeht. Ihnen ist es nur wichtig, dass ich auch noch meinen Kopf gebrauche - das Sport­studium war dafür die perfekte Ergänz­ung. Ich habe auf Magister mit den Neben­fächern Rechts­wissenschaft und Psychologie studiert. Weil ich den Anschluss an die anderen Surfer nicht verpassen wollte, habe ich meine Som­mer­semester voller Kurse gelegt und bin im Winter zum Trainieren nach Südafrika oder Hawaii geflogen. Dementsprechend habe ich für das Studium insgesamt sieben Jahre ge­braucht. Meine Magisterarbeit habe ich über die phy­si­ologischen Belastungen beim Wind­surfen geschrieben. Dafür habe ich Un­ter­such­­ung­en im World Cup erhoben und die Pulsfrequenzen im Wettkampf mit den Trai­ningswerten verglichen. In einem Heat (Eine Wettbewerbsrunde, in der ca. 12 Mi­nu­ten Mann gegen Mann gesurft wird.) liegen die Pulsschläge im Bereich von 170 pro Minute - wobei ich Spitzen­werte von bis zu 197 hatte! Die Trainings­werte liegen bei durch­schnitt­lich 135. Deshalb fahr­en viele Sportler im Wettkampf nicht so gut, weil sich die Be­las­tung u.a. auch auf die Motorik auswirkt. Wenn man diese Schwachstelle erkannt hat, kann man sein Training darauf ausrichten.  

 

 

Klaas richtet nicht nur sein Trai­n­ing, sondern auch seinen Wohnsitz neu aus. Es geht nach Hamburg - der Liebe wegen. „Meine Freundin Femke arbeitet als Lehr­er­in. Als ihr eine Beamtenstelle in der Ge­gend angeboten wurde, haben wir unsere Sachen gepackt und sind nach Eimsbüttel gezogen. Ich reise mindestens acht Monate im Jahr, aber wenn ich mal in Ham­burg bin, treffe ich mich mit meinem Bruder zum Ten­nis oder mit Freunden zum Essen in der Oster­strasse. Der Nachteil für in Hamburg lebende Profi-Surfer wie Andre Pas­kow­ski (OXMOX 11/09) und mich ist, dass sehr viel von unserem Spon­sor­engeld für Flüge drauf­geht. Im Windsurfen ist jeder Sportler quasi sein eigener Manager und versucht, sich über Sponsoren die Saison zu finan­zier­en. Glücklicher­weise haben wir in Deutsch­land einen der weltweit größten Wind­­surfmärkte. Aktuell wer­de ich von Fa­na­tic (Boards), Simmer (Segel), Chiemsee (Be­kleidung), ION (Neopren) und MFC (Fin­nen) unter­stützt. Außerdem bin ich in der Ent­wick­lungs­arbeit für meine Material­spon­soren tätig.“ An erster Stelle steht dabei für Klaas die Zeit auf dem Wasser - auch wenn es bestimmt ein guter Job ist, für ein Mode-Fotoshooting nach Maui einge­flo­gen zu wer­den…

 

 

In der Sucht nach den schwim­men­den Wasserhügeln hat es Voget eine Dis­ziplin ganz besonders angetan: Waveriding – das ist neben Slalom und Freestyle die Königs­disziplin, die durch Idole wie den Kalifornier Robby Naish oder den Dänen Björn Dunkerbeck einer breiten Öffent­lich­keit bekannt wurde. Kein Wunder: „Die hohen Sprünge, Vorwärts- und Rückwärts-Loopings sehen einfach spektakulär aus. Wenn du mitten auf dem Wasser bist und 6-7 Meter hoch springst, hörst du den ganzen Strand kreischen“, freut sich Klaas, der im Surfzirkus nicht nur für seine waghalsigen Manöver sondern auch für seine legendären Stimmen-Imitationen und Parodien bekannt ist. „Ideale Bedingungen habe ich bei 7-8 Windstärken (ca. 61-74 km/h). Am Wichtigs­ten sind allerdings die Wellen…“ Da diese in nahegelegenen Revieren wie Norderney, Sylt oder Dänemark keine Garantie haben, reist der Ostfriese seiner Leidenschaft hinterher: Hawaii, Südafrika, Gran Canaria - diese Traum­­ziele stehen bei dem Profi-Sportler auf dem Trainingsplan!

 

 

 

 

Sicherlich ist Voget - der seinem Sport nach der Blütezeit in den 80ern hierzulande wieder einen Schub wünscht - einer der besten und talentiertesten Wind­surfer, die unser Land aktuell zu bieten hat. Dabei hat der erfolgreiche Weltenbummler nicht vergessen, sympathisch und bescheiden zu bleiben. Auf die Frage nach seinem Lieblings-Surfspot, der durchaus in Kapstadt oder auf den Kapverdischen Inseln liegen könnte, kommt die Antwort ebenso ein­leuchtend wie überraschend: „Am Liebsten surfe ich hier in der Gegend, z.B. in Klitmøller oder Hanst­holm. Dort sind zwar nicht unbedingt die weltbesten Bedingungen, aber dafür ist man mit seinen Freunden zu­sammen - und dann macht das Wellen­reiten immer noch am meisten Spaß!“                                                                     Stefanie Ohl

 

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