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ST. PAULI
Ausgabe 11/2010
BURLESQUE -
Pin-Up Striptease im Queen Calavera

Ihre Namen lauten Eve Champagne, Koko La Douce oder Golden Treasure und sind Versprechen und Versuchung zugleich. Während sich andere Grazien bis auf`s letzte Höschen entkleiden, wird hier schon das Ausziehen der Handschuhe zur erotischen Attraktion und die obligatorischen Nippel Tassels verhüllen und provozieren gleichermaßen. Willkommen in der Welt des Burlesque!
Seit mehr als zwei Jahren macht das Queen Calavera als erste und einzige Burlesque Bar Deutschlands, Hamburg zur Metropole des retrosexuellen Nackttanz-Kabaretts. In dem kleinen Lokal schräg gegenüber der berüchtigten Herbertstraße, bejubeln kultige Kiezianer und entdeckungsfreudige Touristen an drei Tagen in der Woche die Ausziehkunst der alten Schule. „Es darf schlüpfrig sein - billig ist es nie“, erklärt die hübsche Geschäftsführerin Claudia Gritl, die mit ihrem Ex-Mann David auch die Punk-Rock-Bar King Calavera in der Talstraße 20 betreibt. „Burlesque ist Erotik mit Augenzwinkern - meiner Meinung nach hat diese Form der Unterhaltung in Hamburg gefehlt. Es darf wieder etwas weniger gezeigt und dafür etwas mehr Spaß gehabt werden!“ In dem rüschig-plüschig und elegant-verruchten Ambiente mit dunkelroten Wänden, Leopardenfell-Hockern, glitzernden Kronleuchtern und opulenten Vorhängen, feiern Rockabillys mit Haartollen, tätowierte Matrosen-Mädchen, Geschäftsmänner im Anzug und Mittsiebzigerinnen im schicken Ausgehkleid!

„Burlesque ist Erotik, aber auch Unterhaltung - es ist witzig und wunderschön“, so die 34jährige Businessfrau, die tagsüber in einem Emissionshaus am Hamburger Hafen arbeitet - und als Chefin, nicht als Künstlerin im Queen Calavera auftritt. (Auch wenn ihre eigenen Vorgesetzten gern mal in der Burlesque-Bar vorbeischauen.) „Jede Tänzerin hat ihren eigenen Stil und ist eine echte Persönlichkeit. Manche Künstlerinnen sind brüllend komisch, wie z.B. die Hamburgerin Eve Champagne oder Sandy Beach von den Teaserettes aus Berlin. Dann gibt es Tänzerinnen, die sind bezaubernd schön. Eden Glamorama wurde bereits von Peter Lindbergh für die Vogue fotografiert. Dazu kommen ausgebildete Sängerinnen wie die Chansonnière Orphelia de Winter. Das ist der Unterschied zum „normalen“ Striptease - beim Burlesque steht nicht das Ausziehen, sondern die Show im Vordergrund.“ Donnerstags, Freitags und Samstags gibt es in der Gerhardstraße 7 - für sieben Euro Mindestverzehr, inklusive Freigetränk - acht bis zwölf Shows am Abend. Jeweils alle 30 Minuten wiegen aufreizende Verschnitte von Marilyn Monroe über Bettie Page bis Liza Minelli oder Jane Mansfield in glitzernden Kostümen die drei Stufen zur schmalen Bühne hinauf und bezirzen mit lasziven Augenaufschlägen, wiegenden Hüften - und nackter Haut.
„Go-Go ist hier ein No-Go!”

„Ich fühle mich eigentlich nie so richtig nackt“, schmunzelt die 31jährige Orphelia, die seit anderthalb Jahren zur Queen Calavera Stammbesetzung gehört. „Für mich ist Burlesque meine kleine Fantasie-Welt. Wenn ich auf der Bühne stehe ist es, als wären die Menschen im Publikum meine Marionetten. Sobald ich mein Kostüm am Leib habe, bin ich der Chef - und das Wichtigste bleibt verhüllt!“ Die gebürtige Luxemburgerin beherrscht ihre Rollen perfekt - mal gibt sie den blonden Vamp, mal die burschikose Chanteuse im Anzug. „Gelernt habe ich Burlesque nicht - ich habe es einfach gemacht! Ich glaube das Spiel mit den großen Gesten kann man auch nicht wirklich lernen. Entweder man hat das Gefühl, oder nicht“, ist die schlanke Dunkelhaarige überzeugt. Vor zehn Jahren kam Orphelia nach Hamburg um eine Ausbildung zur Musicaldarstellerin zu absolvieren. Inspiriert für ihre Show als „The Singing Burlesque“ wurde die Tochter einer Künstlerfamilie durch die großen Chansons einer Edith Piaf („Non, Je Ne Regrette Rien“) oder Liza Minnelli („Cabaret“). „Sobald ich mein Kostüm anhabe, fühle ich mich wie eine Diva und atme mich richtig in die Rolle rein.“ Von den überwiegend weiblichen Zuschauerinnen gibt es dafür Respekt und Anerkennung, während die Männer bewundernd ihr Bier in der Hand schal werden lassen. Dabei ist es bis heute noch nicht vorgekommen, dass jemand „handgreiflich“ geworden ist, wenn Orphelia de Winter mit dem Hintern wackelt und dazu neckisch die Brüste kreisen lässt…
In den Räumen der ehemaligen Sankt Pauli Oben-Ohne-Bar Red Balloon geht es unanständig anständig zu. Das fängt schon beim charmanten Türsteher-Gespann aus der groß gewachsenen Eve Champagne (absolviert eine Ausbildung im Hamburger EAST Hotel) und dem zuvorkommenden Don Piccolo an. Hat man es nach drinnen geschafft - nicht selten gibt es bereits ab 22:30 Uhr einen Einlass-Stopp - feiert man mit dem Stamm-Getränk (natürlich einem Kir Royal!) zu Swing, Big Band und Rock` n` Roll. Hierbei präsentieren sich die DJs, wie z.B. Swingy The Kid oder Roy Savoy stets so motiviert, dass nicht nur zur Old-School Erotik auf der Bühne, sondern auch auf der Tanzfläche die Hüften kreisen. Im Queen Calavera bedienen die Barfrauen in maßgeschneiderten Matrosen-Outfits ein bunt gemischtes Publikum. Hier werden Junggesellinnen-Abschiede begossen und Männer freuen sich über eine entspannte Herrenrunde - ohne danach von ihrer Frau zuhause verhauen zu werden! In Hamburgs einzigartigem Auszieh-Kabarett stehen skurrile Aufeinandertreffen nicht nur auf der Getränkekarte - die von Korn bis Champagner keine Wünsche offen lässt.
„Es gab eine sehr schöne Begegnung, als der Vorstand der Allianz Versicherung hier gefeiert hat“, erinnert sich Claudia. „Am selben Abend hatte Marilyn Manson ein Konzert in Hamburg gegeben, nach dem er zum Feiern ins Queen Calavera kam. Plötzlich saß der Schock-Rocker tatsächlich an einem Tisch mit den seriösen Anzug-Herren - das war eine herrliche Kombination!“ Und genau das ist es, was die Kunstform Burlesque ausmacht. Kein Perfektionismus, keine Normen, alles geht, alles kann und alles darf - mit der nötigen Portion Augenzwinkern. Das Klischee der typischen Barbie-Stripperin sucht man hier vergeblich und genau das ist der Reiz daran. Nach der Übersättigung durch die direkte Sexualität der letzten Jahrzehnte erlebt die Ausziehkunst der alten Schule - nicht zuletzt seit Neo-Burlesque Ikone Dita van Teese (38) im überdimensionalen Champagnerglas planscht - eine neue Blütezeit. „Wer nicht ganz tot ist, dem muss es hier einfach gefallen!“, strahlt die Queen Calavera. Und wer verbrächte nicht gerne mal selbst einen Abend mit Eve Champagne, Koko La Douce oder Golden Treasure?
Stefanie Ohl

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