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"Kunstblut schmeckt nach Erdbeere" (Ausgabe 10/10)


im Gespräch mit Frank Thannhäuser, Intendant des Imperial Theaters



In offenem Karohemd und verwaschenem Comic-T-Shirt schlurft Intendant Frank Thannhäuser (47) noch etwas verschlafen in den kleinen Eingangsbereich des Imperial Theaters (Reeperbahn 5). Ob ich einen Kaffee wolle, fragt der ausgebildete Schauspieler und stellt sich prompt selbst an den Automaten. Die Strukturen in Hamburgs Krimitheater mit rund 25 Mitarbeitern sind angenehm unhierarchisch, die Programmwechsel überschaubar (max. 4 Hausproduktionen im Jahr). Dabei ist die Spielstätte „ganz weit vorn aufm Kiez“ mit 270 Plätzen bundesweit die größte von insgesamt dreien ihres Genres. In München (Blutenburg-Theater) und Berlin (Kriminal Theater) gibt es je ein Pendant.
Wir haben es uns im Saal gemütlich gemacht, ein Mitarbeiter werkelt am Licht rum, es wird also zwischendurch immer mal dunkel. Auf der Bühne steht bereits der elektrische Stuhl für die Proben des aktuellen Nebenstücks „Rufmord“ bereit. Darauf Platz nehmen „darf“ ab 15. September ein gnadenloser Theaterkritiker, der sich den Rachegelüsten zweier Schauspieler stellen muss. „Wir schauen mal, wie das Stück angenommen wird. Bis Ende 2010 bleibt es auf jeden Fall im Programm und gegebenenfalls kann es dann gern noch weiterlaufen“, so Thannhäuser, der sich neben seiner Regiearbeit auch um Kostüm- und Bühnendesign kümmert.
Momentanes Zugpferd des Hauses ist – mal wieder – Edgar Wallace. Mit „Die seltsame Gräfin“ ist seit 20. August die achte Bühnenfassung nach Vorlage des englischen Kultschriftstellers im Imperial Theater zu sehen. Aus einfachem Grund: „Die Leute lieben ihn!“, ist sich der Chef des Hauses sicher. „Seine Geschichten sind gut, haben einen nostalgischen Touch und bedienen die Allgemeinheit. Jemand, der an unserem Haus vorbeigeht und „Edgar Wallace“ liest, weiß gleich was ihn erwartet und wird sicherlich nicht enttäuscht werden. Wallace ist einfach ein Garant für gute Krimis.“ Entsprechend wichtig sind Thannhäuser möglichst originalgetreue Umsetzungen. „Wir gehen nicht auf die Filme zurück, sondern auf die Bücher. Hierbei versuchen wir, inhaltlich möglichst nichts zu verändern. Ohne die Bühnenverhältnisse außer Acht zu lassen, die natürlich immer einige Anpassungen erfordern. Streng genommen müssten wir in „Die seltsame Gräfin“ 20 Landsitze bespielen – äh, ist nicht (lacht). Wir versuchen immer, mit möglichst wenig Umbauten auszukommen, da die Sets sonst kleiner werden. Und unsere Gäste mögen gerade opulente Bühnenbilder, wie wir es aktuell auch bei der „Gräfin“ realisiert haben.“
Seit mittlerweile acht Jahren kommen Krimifreunde im Imperial Theater auf Ihre Kosten, das Verhältnis von Stammgästen und Neuzuschauern beschreibt Thannhäuser als fifty-fifty. Er selbst hat das Theater 1994 gegründet, damals noch mit Schwerpunkt auf Musicals und Revuen. Nach gefeierten Aufführungen von u. a. „Grease“ und der „Rocky Horror Show“ sah sich das damalige Team 2002 in einer Sackgasse. „Die Produktion von Musicaltheater ist unglaublich teuer“, verrät Thannhäuser. „Und die Konkurrenz ist recht groß. Zum Zeitpunkt unseres Genrewechsels wurde gerade Stella von der Stage Holding übernommen, was zu Produktionen wie „Titanic“ führten, die in meinem Augen großartig waren, aber vom Publikum nicht angenommen wurden. Folglich wurden Billigkarten rausgeschossen, die uns das Leben schwer gemacht haben. Immer wieder hieß es: „Warum soll ich bei Euch 15€ ausgeben, wenn ich für 7€ in „Titanic“ gehen kann?“. Für den Preis kann ich mit unseren wenigen Plätzen beim besten Willen nicht produzieren.“
Und siehe da, zum Erstkrimi „Frau in Schwarz“ kamen die Leute selbst sonntags und dienstags. Es folgte „Mausefalle“, und plötzlich war der Saal voll. Der erste Wallace „Das indische Tuch“ (2004) lief schließlich 9 Monate durch. Der Wechsel zum erfolgreichen Krimitheater war vollzogen.
 „Es wäre für unsere Schauspieler scheißelangweilig, in immer gleiche Charaktere zu schlüpfen. Auch wenn manch einer besonders glaubwürdig skurrile Personen verkörpert und ein anderer wiederum den Bösewicht, darf es nicht immer dieselben treffen. Ich versuche auch bei Jedem ein Gleichgewicht zwischen Haupt- und Nebenrollen zu halten.“ So wird dem Zuschauer in der einen Produktion auch mal ein Täter präsentiert, der in der vorangegangenen noch der Gute war. „Diese Abwechslung ist wichtig, denn die Wallace-Geschichten ähneln sich wie 80% aller Krimis untereinander extrem: Das Opfer ist meist das nette Mädchen von nebenan, das Geld ist alle, die Eltern sind tot und heiraten will sie jemand, den sie nicht leiden kann.“
Trotz fester Schemata – die Inszenierung fiktiver Morde ohne bequeme Filmeffekte ist für Thannhäuser immer wieder eine Herausforderung. „Niemand darf sich verletzten und die Tat muss ohne Requisitenwechsel wiederholbar sein. Wenn Kunstblut im Spiel ist, muss dieses zum Beispiel abwaschbar sein. Im Film ist das egal, da kann man ein vollgeblutetes Hemd einfach wegschmeißen – egal wie teuer es war. Hier kann ich nicht jeden Tag ein neues Hemd auftreiben, das muss schön in die Wäsche und sauber wieder rauskommen. Zum Glück gibt’s dafür immer neue Spezialpäparate. Um mich darüber auf dem Laufenden zu Halten, besuche ich regelmäßig Messen und Workshops“, so der gebürtige Kasseler.
Für Freunde gesetzteren Theatergenusses bietet das Imperial Theater fast jeden 2. Sonntag auch den „Krimi-Salon“ im Speisesaal des Maritim Hotel Reichshof an. Mit Sektempfang, Vier-Gänge-Menü und Live-Krimi in den Essenspausen für 89€. Anders als bei anderen Krimidiners muss hier nicht mit geraten werden und die Auflösung gibt’s noch vor dem Dessert. „Es geht ja auch schon um 18:30 los, da schafft man’s fast noch bis zum „Tatort““, witzelt Thannhäuser.
Der selbsternannte Hörbuchfanatiker geht nicht ohne „Die Drei ???“ ins Bett und liest am liebsten Autoren, deren Romane er ohnehin nicht auf die Bühne bringen kann oder will. „Nur dann kann ich beim Lesen wirklich abschalten. Die „Scarpetta“-Reihe von Patricia Cornwell mochte ich zum Beispiel unglaublich gerne – wusste aber auch von Anfang an, dass sie fürs Theater völlig ungeeignet ist. Du kannst ja auf der Bühne nicht andauernd irgendwelche Leichen zerschneide. Das stinkt ja auch.“
Dann doch lieber kleine, effektive Tricks mit dem guten alten Kunstblut. „Das Zeug ist furchtbar, schmeckt meistens nach Erdbeere und gibt immer ne Sauerei.“, fasst Thannhäuser angewidert zusammen. Die obligatorische Panne gab es auch einmal 2003 in „Todesfalle“ als ein Blutpack eine hocherzürnte Dame im Publikum traf.
„Man braucht das Blut halt in den meisten Fällen“, seufzt der Intendant, „wobei es in „Die seltsame Gräfin“ tatsächlich keins gibt. Dafür aber einen lauten Knall. Ich hab schon an der Kasse darum gebeten, dass Schwangere vorgewarnt werden.“
Jana Schiffers


KONTAKT & KARTEN:
Imperial Theater
Reeperbahn 5
20359 HH
Tel: 313114
Web: www.imperialtheater.de


 


 



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