OXMOX History: NICKELBACK – Dauerwellen Dauerbrenner

23. September 2016

Als Chad Kroeger (41, Ges.) Anfang der 90er mit seinem Halbbruder Mike (44, B.), Cousin Brandon (45, Dr.) und Ryan Peak (43, Git.) in Kanada seine erste Band The Village Idiots gründete, die u. a. Songs von Metallica und Led Zeppelin coverte, ahnte niemand, dass diese Gruppe einmal den Pop-Rock in zwei Lager spalten würde …

Die Legende: Während Mike 1996 seinen Job bei der Kaffee-Kette Starbucks ausübte und einem Kunden das Wechselgeld wieder gab („Here is you nickel back“) kam er auf die Idee seine Band in Nickelback umzu­benennen. Somit war der Grundstein für eine weltweite Karriere gelegt. Die vier fingen an eigene Songs zu schreiben, nahmen ihre erste Demo-EP „Hesher“ auf und gingen in Kanada auf Tour. Im Herbst 1996 folgte das erste Album „Curb“, das auf der Straße 1.000 mal verkauft wurde.

1998 verließ Brandon Kroeger die Band und wurde durch Ryan Vikedal (41) ersetzt. In dieser Besetzung nahmen die “Jungs” ihre zweite Platte „The State“ auf. Die Single „Leader Of Men“ schaffte den Sprung in die kanadischen Charts, woraufhin Scouts der Plattenfirma Roadrunner Records die Band unter Vertrag nahmen.

Die dritte Scheibe „Silver Side Up“ sorgte 2001 für den internationalen Durchbruch. Die Platte erreichte u. a. in Kanada und Groß­britannien Platz 1 der Charts. Bis heute ist „How You Remind Me“ die erfolgreichste Single der Alternative-Rocker: Von 2001-2009 der meistgespielte Song im US-Radio und 2003 für den Record of the YearGrammy nominiert.

Die damals berühmteste Dauerwelle im Rock, Chad, sang zusammen mit Josey Scott (44, Saliva) 2002 den Soundtrack „Hero“ für den „Spider-Man“-Film. Der Titel wurde mit drei Grammy-Nominierung­en belohnt. Obwohl Chad sich von der Ko­llaboration viel versprach, blieb der große Erfolg mit dem vierten Album „The Long Road“ (2003) aus. Zwar war „Someday“ ebenfalls eine Radio-Hitsingle, ähnelte aber zu sehr dem Vorgänger, was einfallslos wirkte. Mit der Folge, dass die Band von der Zeitschrift Boston Phoenix als „the worst band in history of music“ (dt.: die schlechteste Band der Musikgeschichte) beti­telt wurde.

Das Jahr 2005 hielt für die Gruppe einige Aufs und Abs parat: Am 3. Januar wurde der langjährige Drummer Ryan Vikedal ge­feuert, da er „nicht der richtige Typ Schlag­zeuger sei, den die Band braucht“. Wenig später verklagte Frontmann Chad ihn wegen seiner Tantiemen. Lange mussten die Kana­dier nicht warten, denn der ehemalige 3 Doors Down-Drummer Daniel Adair (41), der seit 2007 glücklich mit seiner Frau Britanny verheiratet ist und zwei Kinder hat, stand schon in den Startlöchern. Nachdem der Stress um die Besetzung vorbei war, folgte im Oktober der fünfte Silberling „All The Right Reasons“. Aufgrund der wochen­langen Top 10-Chartplatzierung in diversen Ländern und der Tatsache, dass sich die Platte mehr als 11 Millionen mal verkaufte, gilt es als das bisher erfolgreichste Album der Band. Kein Wunder, es beinhaltet jede Menge Kracher („If Everyone Cared“, „Rockstar“…) und bietet mit „Side Of A Bullet“ eine große Überraschung für zumindest alle Pantera-Fans: Der Song ist Dimebag Darrell, der während eines Konzerts auf der Bühne erschossen wurde, gewidmet, und beinhaltet ein Gitarrenriff, das von Darrell selbst gespielt wurde und bis dato unveröffentlicht war. Zum Abschluss eines erfolgreichen Jahres gründete Chad Kroeger sein eigenes Plattenlabel 604 Records, welches seinen Namen der Vorwahl von Vancouver (604) zu verdanken hat.

Auch wenn der Frontmann wie ein erfolg­reicher Rockstar ohne Skandale wirkt, hat auch er einiges auf dem Kerbholz: Mit 13 wurde Chad von seinen Eltern in eine Er­ziehungsanstalt für Kinder und Jugendliche gesteckt, nachdem er mehrfach in seine Schule eingebrochen war. Es folgten Alkohol und Drogen. Erst durch seine Band-Kollegen, die er seine Familie nennt, kam Chad wieder auf die Beine. Bis heute saß der Sänger insgesamt 28 Tage im Gefängnis, nachdem er u. a. 2006 wegen eines Drag-Rennens und Trunkenheit am Steuer festgenommen wurde.

Mit neuer Frisur (ohne Dauerwelle) wurde 2008 das wohl rockigste Album „Dark Horse“ veröffentlicht – und das, obwohl der Frontmann privat lieber Songs von ABBA hört! Trotz der geheimen Vorliebe erreichte auch diese Platte weltweite Spitzenplätze in den Charts. Ende 2008 folgte eine Welt­tournee, die insgesamt 147 Konzerte um­fasste – nahezu 1,6 Millionen Tickets wurden verkauft. Mit u. a. Papa Roach und Daughtry sorgten die Kanadier für ein ange­messenes Vorprogramm. Damit Ryan währ­end der langen Tour nicht auf seine Frau und zwei Kinder verzichten musste, nahm er seine Familie mit ins chaotische Rockstar-Leben.

Mit den aktuellen Werken „Here And Now“ sowie „No Fixed Address“ erschienen zwei Alben, die mit Rock kaum noch etwas zu tun haben, und dennoch erfolgreich waren. Das mag entweder daran liegen, dass sich Nickel­back weltweit einen Namen gemacht haben, oder dass Chad 2013 Pop-Sternchen Avril Lavigne (31) heiratete und auf Wolke Sieben schwebte. Da die beiden sich im September 2015 allerdings wieder trennten, dürften sich Anhänger in Zukunft wohl wieder auf den gewohnten Rocksound freuen.

Auch wenn die Karriereleiter für Chad, Mike, Ryan und Daniel seit 1998 steil bergauf geht, sind Nickelback gleichzeitig wohl eine der meist gehassten Gruppen weltweit. Z. B. Weil es einige Songtexte gibt, die ziemlich missglückt sind, wie u. a. „Something In Your Mouth“ oder „S.E.X“ und „Rockstar“, die als sexistisch und protzig abgestempelt wurden. Die Verachtung gegenüber Nickelback geht so weit, dass ein Crowdfunding-Projekt (Dontletnickelback) die Gruppe davon abhalten sollte, in Großbri­tannien auf Tour zu gehen. Vor einiger Zeit wurde Sänger Chad im Internet sogar für tot erklärt: „Erst habe ich darüber gelacht. Aber wenn du dann deine weinenden Eltern am Telefon hast, ist es überhaupt nicht mehr komisch“, erzählte der 41-Jährige in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger. Selbst prominente Kollegen melden sich bei diesem kontroversen Thema zu Wort. Dave Grohl (47, Foo Fighters) soll behauptet ha­ben, dass man in einem Nickelback-Song, der rückwärts gespielt wird, satanische Bot­schaften höre, es aber viel schlimmer ist, wenn man ihn richtig abspielt, denn dann höre man einen Nickelback-Song. Dass die vier trotzdem genügend Anhänger haben, beweisen weltweit bisher 50 Millionen verkaufte Alben.

Fans können sich glücklich schätzen, dass Nickelback noch existieren, denn wenn es nach Chad Kroeger geht, müsste er selbst längst tot sein: „Ich habe geträumt, dass ich an meinem 40. Geburtstag während eines Konzerts auf der Bühne zusammen breche, dort sterbe und das Publikum denkt, es sei ein Teil der Show.“ Wenn der Sänger also während des Konzertes in Hamburg am 24.09. in der Barclaycard Arena plötzlich auf der Bühne zu Boden geht, ist es auf keinen Fall ein Scherz!

Justine Stock

1996 – Curb

1998 – The State

2001 – Silver Side Up

2003 – The Long Road

2005 – All The Right Reasons

2008 – Dark Horse

2011 – Here And Now

2014 – No Fixed Address

X