OXMOX-Kultur-Tipp: 15.-18.3. Wundern über tanawo‘

1. März 2018

Wundern über tanawo‘ – Neues Festival gibt Einblicke in zeitgenössische iranische Kunst und Kultur

Vor zwei Jahren als Festival erdacht und kurz darauf als Verein gegründet, möchte Wundern über tanawo‘ eine dauerhafte Bühne für zeitgenössische iranische Kunst und Kultur in Hamburg schaffen. Ein junges Kollektiv, bestehend aus IranistInnen, Studierenden, Designern, Marketing ExpertInnen, KulturmanagerInnen und KunstliebhaberInnen, versucht seitdem, aktuelle Strömungen innerhalb des vielfältigen iranischen Kunstfeldes und seiner europäischen Ausläufer zu fassen zu bekommen und einem breiten Publikum zu präsentieren.

Von außen betrachtet boomt die iranische Kunst- und Kulturszene und junge iranische Kulturschaffende feiern weltweit große Erfolge. Die Kulturlandschaft Irans ist alles andere als hermetisch und partizipiert auch an globalen Entwicklungen. Das gesellschaftliche Leben Irans ist gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse Bestandteil einer breiten Berichterstattung. Wundern über tanawo‘ setzt dort an, wo enge Verknüpfungen zwischen Kunst und gesellschaftlichem Leben sichtbar werden und sieht zeitgenössische Kunst als Seismograph der Gesellschaft, der Zukünftiges vorzeichnen kann.

Vom 15. bis 18. März eröffnet das Festival Einblicke in die zeitgenössische iranische Kunst und Kultur und lädt Kunst- und Kulturschaffende aus Iran, Deutschland und anderen Teilen Europas nach Hamburg ein. Nach kurzen Previews im Golem, in der Affenfaust Galerie und auf dem Reeperbahn Festival ist Wundern über tanawo‘ diesmal für ein geballtes 4-tägiges Programm zu Gast in der Elbphilharmonie, auf Kampnagel, in der Affenfaust Galerie, im Alabama Kino und im Yoko. Mit Musik, Theater, Bildender Kunst und Film bespielt und entdeckt das Festival die unterschiedlichsten Orte der Stadt. Vielfältige Impulse aus Kunst und Gesellschaft laden dazu ein, bestehende Bilder über Iran zu hinterfragen, gemeinsam neue Eindrücke zu gewinnen und an aktuellen Diskursen mitzuwirken.

Festival-Eröffnung: Ethno-Jazz in der Elbphilharmonie und Vernissage in der Affenfaust Galerie

Zum Festivalstart am Donnerstag, 15. März ist Wundern über tanawo‘ zu Gast im kleinen Saal der Elbphilharmonie. Das Eröffnungskonzert bestreiten das in Paris ansässige Arshid Azarine Trio, das sich gekonnt zwischen Jazzakkorden, persischen Tonleitern und afro-iranischen Rhythmen bewegt und der Teheraner Sänger Makan Ashgvari. Danach geht das Programm über in die Vernissage der Gruppenausstellung „INNEN/AUSSEN: ANSICHTEN“ in der Affenfaust Galerie auf St. Pauli. Junge KünstlerInnen aus Iran, Afghanistan und Europa präsentieren hier ihre Werke und lassen die inhaltlichen Stränge des Festivals an einem Ort zusammenfließen. In unterschiedlichen Medien und multidisziplinär erscheinen erinnerte und gegenwärtige gesellschaftliche Realitäten und deren Einfluss auf das individuelle und kollektive Gedächtnis zwischen Tradition und Moderne.

Sekunden wie Jahre – Sāl Sāniye“ auf Kampnagel erkundet die gesellschaftliche Rolle der Frau

Wie ein roter Faden durch das Programm zieht sich das Theaterstück „Sekunden wie Jahre – Sāl Sāniye“ des Teheraner Regisseurs Hamid Pourazeri, das am Freitag, 16. März seine Deutschlandpremiere auf Kampnagel feiert. Der Regisseur Hamid Pourazeri gilt als Schlüsselfigur der iranischen Theaterszene und ist bekannt für seine unkonventionellen Projekte, für die er Kneipen, Parkhäuser und Wohnungen zu temporären Theaterräumen macht. In „Sekunden wie Jahre – Sāl Sāniye“ bringt er mit zehn jungen Performerinnen der Pāpatīhā Theatre Group szenische Erinnerungsbilder auf die Bühne, in denen die Frauen ihre gesellschaftliche Rolle thematisieren. Anstatt ihre Zukunftsvisionen darauf aufzubauen, die Vergangenheit zu verdrängen und zu vergessen, wird der analytische, hinterfragende Blick zum zentralen Motiv, der das Potential für Veränderung in sich trägt. Mit Mut und Witz zeigen die Iranerinnen dabei selbstbewusst, dass Freiheit mehr bedeutet, als das Kopftuch abziehen zu dürfen. Weitere Aufführungen gibt es am Samstag, 17. März und Sonntag, 18. März.

Musik, Film und Diskurs auf Kampnagel und im Alabama Kino

Im Anschluss an die Theateraufführung am 16. März begibt sich Booty Carrell in seinem DJ-Set „Female Pop Icons“ auf die Suche nach den großen Popdiven Irans. Nach seinem Auftritt beim Eröffnungskonzert ist der Teheraner Sänger und Songwriter Makan Ashgvari am Samstag, 17. März auch solo auf Kampnagel zu erleben. Inspiriert von MusikerInnen wie Nina Simone, Antony Hegarty oder dem persischen Sänger Farhad, bewegt sich Makan Ashgvaris Musik von schwermütigem Blues über Jazzstandards bis hin zu sphärischem Folk. Mit seiner außergewöhnlichen Stimme wechselt er je nach melodischem Belieben von persisch-englischen Texten hin zur sprachlosen Improvisation. Nur ein paar Schritte entfernt zeigt das Alabama Kino Sonntag, 18. März den Film „Drum (Tabl)“ des iranisch-kurdischen Filmemachers Keywan Karimi. In seinem ersten Spielfilm ist Teheran die einzig benannte Hauptrolle, eingebettet in eine traumähnliche Atmosphäre, eine Welt ohne Logik und Namen. „Drum (Tabl)“ ist ein Schwarz-Weißfilm, der das Publikum herausfordert und beim Venedig Filmfestival für den Goldenen Löwen nominiert war.

Darüber hinaus geben ExpertInnen in täglichen Vorträgen und Diskussionen Einblicke in das Kunstgeschehen in Iran und schlagen den Bogen zu aktuellen gesellschaftlichen Diskursen: Am Freitag, 16. März erfährt das Publikum mehr über Frauenbilder im iranischen Film und darüber, welchen Wandlungsprozessen sie unterliegen. Der Berliner Philosoph Dr. Arash Sarkohi beleuchtet am Samstag, 17. März die gesellschaftspolitische Aufgabe Kulturschaffender in einer zunehmend kommerzialisierten iranischen Kulturszene. Schließlich begrüßt Moderator und (Performance-)Künstler Michel Abdollahi am Sonntag, 18. März WissenschaftlerInnen und Kulturschaffende zu einer Podiumsdiskussion unter dem Thema „Leben, Kunst: Exil“.

Kurzfilm und experimentelle Sounds in neu eröffneter Yoko Bar

Parallel präsentiert Wundern über tanawo‘ am Samstag, 17. März einen Programmblock in der kürzlich neu eröffneten Yoko Bar im Valentinskamp. Nach einer Kurzfilmvorführung geben der Teheraner Musiker und Produzent Siavash Amini und das Pariser Duo 9t Antiope rare Einblicke in die aktuelle iranische Elektro-Szene. Mit elektronischen sowie akustischen Sounds und Gesang durchquert ihre Musik verschiedene Genres von Ambient über Noise und Drone bis zu moderner Klassik. Nach ihrem erfolgreichen Auftritt im Golem im vergangenen Jahr sind die drei nun zurück in Hamburg. Im Anschluss an Kurzfilme und Musik darf auf der Aftershow Party zu Tropical Sounds von Nutrition FACTS getanzt werden.

Wundern über tanawo‘

Festival für zeitgenössische iranische Kunst und Kultur

15. bis 18. März 2018

In Kooperation mit Kampnagel, Affenfaust Galerie, Alabama Kino, Yoko und Cinema Iran

Mit freundlicher Unterstützung von: Kulturprogramm Deutsche Botschaft Teheran (Goethe-Institut), Behörde für Kultur und Medien Hamburg, Hamburgische Kulturstiftung, Ian und Barbara Karan-Stiftung

Mehr Informationen:

https://www.tanawo-festival.org/

Fotos: Fatemeh Arabi

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