Nightwish  – Das musikalische Resümee

Nightwish – Das musikalische Resümee

15. März 2018

Zwischen dem Demowerk und dem aktuellen Album liegen Welten, aber dann auch wieder nicht, wenn man die Atmosphäre, Leidenschaft und vor allem die Mentalität der Band be­trachtet, die immer da war – und sich auch in 20 Jahren nicht verändert hat.“Tuomas Holopainen

Seien wir ehrlich: Es bedarf keiner großen Wo­r­te, diese Ausnahmeformation der Welt da drau­ßen noch vorzustellen, sind sie doch die unangefochtenen Pioniere des symphonischen Metal und Wegbereiter eines ganzen Genres. Nightwish verstehen es, einen binnen Sekun­den in den Bann zu ziehen, zu verzaubern. Seit Anbeginn ihrer Karriere, deren Grundstein in einer lauen Sommernacht im Juli 1996 gelegt wurde, gelten sie als Inbegriff anspruchsvoll­er, kompositorischer Musikkunst und innovativer Soundwagnisse. Als Kreativkopf Tuomas Hol­o­painen damals mit Freunden auf einer kleinen Insel inmitten des beschaulichen Pyhäjärvi-Sees in Kitee am Lagerfeuer sitzt und ein we­nig improvisiert, hätte er wohl nicht im Ge­ringsten ahnen können, wohin ihn diese Reise noch eines Tages führen würde …

»Decades«

Inzwischen sind mehr als 20 Jahre ins Land gezogen und die Visionen des ambitionierten Musikers längst schon beeindruckende Realität, die sich auf acht fantastischen Studioalben ma­ni­festieren. Mit Nightwish vermag es der fin­nische Songwriter atemberaubende Klangkas­k­a­den mit cineastischer Bildsprache zu er­schaffen, die episch anmutenden Bombast mit opulenten Metal-Attitüden in schönsten, hoch­me­lo­dischen Symphonien gipfeln lassen. Tuo­mas Holopainen ist ein exzellenter Komponist; er betrachtet seine Leidenschaft für kom­plex­este Soundwelten viel diffiziler als eine aus­geprägte Passion – er lebt für seine Musik. Of­fen neuen Einflüssen gegenüber und voller Ex­perimentierfreude dem Unbekannten aufge­schlossen, verbirgt sich hier einer der aus­schl­ag­­gebenden Erfolgskomponenten jener Combo, die ihrer Zeit stets voraus war und mit ihrem aktuellen Album »Endless Forms Most Beautiful« nicht nur komplett neue Maßstäbe gesetzt hat, sondern ein zudem monumentales Meisterwerk kreierte. Jetzt ist es an der Zeit, einen Blick zurück zu werfen und die letzten 20 Jahre auf musikalische Weise Revue passieren zu lassen. Passend zur 2018 geplanten Welt­tour­nee, werden Nightwish ein fulminantes Best-Of-Werk (»Decades«) veröffentlichen, das die größten Hits der Truppe auf zwei CDs remastered in ihren Originalversionen vereint. Eine Hommage an all das, was die Suomi-Sou­nd­schmiede seit jeher ausmacht, eine aufregen­de Entdeckungsreise durch die Evo­lution einer einzigartigen Band und vor allem ein phäno­menaler Querschnitt dieser ein­drucks­vollen Karriere.

Vollkommene Unvollkommenheit

Ganz bewusst hat sich die Truppe dafür ent­schie­d­en, keine Bonustracks oder unveröffent­licht­en Lieder mit auf die Platte zu nehmen, „aus dem einfachen Grund, da wir keine haben”, berichtet Bandleader Tuomas Holo­painen. „Auch wurden wir gefragt, ob es nicht Sinn machen würde, die älteren Stücke mit Floor und Troy neu aufzunehmen, aber die Antwort lautet klar: ‚Nein‘. Die Songs sind, was sie sind. Sie sind in ihrer Unvoll­kommenheit absolut vollkommen und reflek­tieren die Ära, in der sich die Band zu dem jeweiligen Zeitpunkt befunden hat. Ich würde es als Sakrileg empfinden, die Tracks im Nach­hinein noch zu verändern“, konstatiert der finnische Musiker. Die Songs sind chro­no­logisch geordnet – vom jüngsten Stück The Greatest Show On Earth bis hin zum ersten Demosong ‘Nightwish’. Die Tra­ck­­liste zu erstellen, fiel Tuomas nicht leicht, „da man seine persönlichen Lieblinge man­chmal streichen muss, um die essentiellen Stücke von jedem Album herauszufiltern, die die Band damals am besten ausgezeichnet haben. Aber natürlich gibt es auch Songs wie Dead Boys Poem, Ghost Love Score, The Great­est Show On Earth oder Elvenpath, die einfach mit auf jene Kompilation ge­hören.“

Im Wandel

Eine absolute Rarität und besonderes Schm­uck­stück verkörpert auf jeden Fall die erste Demonummer der finnisch-niederländisch-englischen Formation namens „Nightwish“, die trotz ihres beachtlichen Alters von über 20 Jahren bereits das starke Fundament, Talent und Können einer Band zeigt, die gerade erst dabei war, ihren musikalischen Weg zu finden. Ein Song, dem es auch heute noch gelingt, Tuomas ein freudiges Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. „Und dabei han­delt es sich keineswegs um ein verschämtes Grinsen”, wie er verschmitzt preisgibt; viel­mehr ist es das Erstaunen darüber, womit die Reise einst für die Soundschmiede losging. „Es hat sich wahnsinnig viel verändert in den letzten 20 Jahren – aber andere Dinge haben sich überhaupt nicht verändert, wie beispielsweise der eigentliche Grund, wa­rum wir Nightwish ins Leben gerufen haben und warum wir immer noch dabei sind. Je­doch die Art und Weise wie wir Musik erleb­en und hören, hat sich enorm gewandelt. Der gewaltigste Unterschied lässt sich in den Geschichten festmachen, die wir erzählen wol­len.“

Neue Wege

Tuomas Holopainen selbst hat die Arbeit an dem Best-Of-Werk »Decades« nahezu wie eine nostalgische Zeitreise erlebt, die sich manches Mal verrückt und surreal angefühlt hat. „Erst letzte Woche arbeitete ich mit Em­p­pu an den alten Songs, die wir bei unserer Welttournee auch auf die Bühne bringen werden. Als wir die Stücke immer und immer wieder probten, uns die Lyrics in Ruhe an­hörten und alles, was dazu gehört, war das schon ein aufregendes Gefühl – ich konnte nicht aufhören zu lächeln. Wir wür­den solche Lieder heute nicht mehr schreiben, aber da­mals repräsentierten sie uns; das waren wir und das war, was wir machen wollten. Dieses Gefühl ist ergreifend und ich denke, wir kön­nen sehr stolz darauf sein, denn wir dürfen niemals vergessen, dass eines der wundervol­lsten Dinge, die unser Planet hervorgebracht hat, das Wunder der Evolution ist“, sinniert der Songwriter, „und dieses lässt sich ebenfalls musikalisch bei Nightwish fest­halten:“

Letztendlich ist eben alles eine Sache der Ein­stellung und »Decades« manifestiert einen be­ein­druck­enden, musikalischen Werdegang ein­er ambi­tio­nierten Band, die immer noch wie am ersten Tag für ihre virtuose Leidenschaft brennt. „Der Schlüssel ist, sich selbst nicht unter Dru­ck zu setzen, um noch größer und epischer als beim letzten Werk sein zu wollen“, resümiert der charismatische Komponist. „Man­ sollte neue Wege finden, um neue Ge­schichten zu erzählen, damit es für dich selbst und die Band spannend wie am ersten Tag bleibt. Das ist unser Ziel für jedes Album – und wird es auch immer blei­ben!“

[KS]
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