Close
Skip to content

OXMOX Interview: Hamburgs TV-Koch Ole Plogstedt: “Einkaufszettel sind Wahlzettel”

Für unwahrscheinlich günstige Früchte gehen viele Konsumenten sprichwörtlich über Leichen. Schließlich sind die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf Obstplantagen in tropischen Regionen längst bekannt, doch dies wird beim Einkauf im Supermarkt gerne verdrängt. Denn etwas wissen und etwas begreifen – das ist laut Ole Plogstedt (47) ein Unterschied. Der Koch und Inhaber des OLSEN Restaurants in der Bellealliancestraße 45 in Hamburg-Eimsbüttel engagiert sich seit etwa zwei Jahren für Oxfam, eine globale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation. In diesem Rahmen bereitet er zur Zeit die Kampagne “Make-Fruit-Fair” vor und hat zehn Tage in Ecuador verbracht, um sich vor Ort selbst ein Bild von der Situation der Plantagenarbeiter zu machen. Im Gespräch mit OXMOX berichtet er von seinen Eindrücken und macht Mut, dass wir etwas verändern können…

“Während der ersten Tage in Ecuador wurde ich von Frank Braßel (58), dem stellvertretenden Leiter des Bereichs Lobby und Kampagnen bei Oxfam, begleitet und habe gelernt, wie der Anbau von Bananen funktioniert. Den zweiten Teil meiner Reise, in dem ich Bananenfelder besucht und Plantagenarbeiter getroffen habe, hat jemand anderes organisiert – ein ehemaliger Pestizidflieger. Ihm wurde stets versichert, dass er die Felder mit ungefährlichen Substanzen behandeln würde. Als er das Gegenteil herausfand, hat er seinen Job an den Nagel gehängt und eine Klage eingereicht, mit der er bewirkt hat, dass ein bestimmtes Pestizid etwa ein Jahr lang nicht verwendet werden durfte. Anschließend hat er die Gewerkschaft ASTAC gegründet, was in Ecuador ein sehr heikles Thema ist, weil viele Arbeiter Angst davor haben, in eine solche einzutreten. Sie befürchten, auf schwarzen Listen zu landen, die die Plantagenbesitzer untereinander austauschen, sodass sie nirgendwo mehr eingestellt werden. Einer der Arbeiter hat selbst versucht, eine Gewerkschaft zu gründen und daraufhin Morddrohungen von seinem Chef erhalten – für solche Menschen macht sich ASTAC stark.

Die Bananenfelder werden gnadenlos mit Pestiziden besprüht, was unter anderem damit zu tun hat, dass die Deutschen einen unheimlich hohen Qualitätsanspruch haben. Im Supermarkt greife ich auch zum schönsten Obst. Doch der Einsatz der Pestizide verursacht in den Anbaugebieten auffällig viele Behinderungen und Fehlgeburten. Da die Menschen dort aber nicht einmal den Mindestlohn erhalten und sich ärztliche Untersuchungen kaum leisten können, kann nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass dies tatsächlich auf Schädlingsbekämpfungsmittel zurückzuführen ist. Dabei hat Ecuador sogar einen gesetzlich geregelten Mindestpreis für Bananen, der von den deutschen Importeuren allerdings nicht gezahlt wird. Dies wird auch gar nicht kontrolliert. Und das ist es, was sich ändern muss! Dann würde das Obst hierzulande vielleicht ein wenig teurer, aber im Verhältnis gesehen, ist es ein Lacher. Wenn jeder Kunde bereit wäre, pro Kilo Bananen nur ein paar Cent mehr auszugeben, würde sich möglicherweise für die Kleinbauern schon etwas ändern. Ich habe das Gefühl, ich hätte den Menschen dort gegenüber jetzt eine Verpflichtung. Man hat gemerkt, dass die Arbeiter Hoffnung geschöpft haben, als ich dort war und mich mit ihnen unterhalten habe. Die meisten waren total dankbar – da kommt jemand, der sich ihre Sorgen anhört und versteht. Viele haben sehr frei mit mir geredet. Ich habe gefragt, was sie sich wünschen: Die meisten bekämen gerne ein bisschen mehr Geld – immer noch weit weniger als das, was eigentlich zum Leben reichen würde. Sie wollen gar nichts Unmögliches, sondern einfach nur ihre Familien ernähren können.

Hier in Deutschland wertschätzen wir die Mühe der Plantagenarbeiter nicht – das zeigt meiner Meinung nach alleine der Preis für Bananen. Aber viele Konsumenten wissen beim Einkauf gar nicht, wie sehr sie die Situation der Kleinbauern beeinflussen können. Unser Einkaufszettel ist ein Wahlzettel, wahrscheinlich ein effektiverer als der, den wir alle vier Jahre in eine Wahlurne werfen. In dem Moment, in dem man die Öffentlichkeit informiert und sensibilisiert, wird der eine oder andere vielleicht eine Petition unterschreiben oder auf eine Demo gehen, um sich für die Rechte der Arbeiter einzusetzen. Damit können wir etwas erreichen und denen Druck machen, die dafür verantwortlich sind – nämlich den Importeuren und Supermarktkonzernen.”

Im Mai soll die Kampagne “Make-Fruit-Fair” starten, mit der Oxfam auf existenzsichernde Löhne, die Einhaltung der Arbeits- und Menschenrechte sowie den Schutz der Umwelt zielt. Wer Ole Plogstedt und sein Team aktiv unterstützen möchte, findet alle nötigen Informationen online unter www.oxfam.de.

InstaStory

OXMOX ABO AKTION

das Durchblick-Abo

Werbung