Schikane – Thomas Eichhorst
Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden im Hamburg der 70er- und 80er-Jahre
Geprägt von zerrütteten Familienverhältnissen, einem überforderten, anonymen Schulsystem, Gewalt und elterlichem Desinteresse. Alkohol, Drogen und dieses neue Phänomen namens Punkrock scheinen einen Ausweg aus der Tristesse zu bieten. Der Ich-Erzähler nimmt uns mit auf seine Irrfahrt durch die Welt der Hilfsjobs und Lehrbetriebe, der Spelunken, Imbissstuben und Clubkonzerte, die im staatlich zwangsverordneten Bundeswehrdienst im ländlichen Schleswig-Holstein mündet.
LESEPROBE 1:
„Die Uniformierten, die man Unteroffiziere nannte, begannen unsere Namen aufzurufen. Wir folgten ihnen in kleinen Gruppen ins Gebäude, ins obere Stockwerk hinauf und in unsere Zimmer. Man teilte uns Schränke (Spinde) und Betten zu und erklärte, dass man uns später zeigen würde, was man bei der Bundeswehr unter Schrankordnung und einem gemachten Bett verstehe. Ich sah mich um.
Drei metallene Doppelstockbetten, sechs grüne Spinde, ein Tisch und ein paar polsterlose Stühle, gelbe Vorhänge, Leuchtstoffröhrenlampe an der Decke – das war’s. Sehr gemütlich. In den kommenden fünfzehn Monaten würde ich mit fünf Typen in dieser behaglichen Atmosphäre hausen müssen. Die Bundeswehr tat alles, damit sich ihre Wehrpflichtigen möglichst unwohl fühlten. Glücklicherweise hatte man Eddie und mich in dieselbe Stube gesteckt. Die anderen Typen waren Thorsten aus Flensburg, Theo aus Herne, Mirko aus Köln und Manfred aus Bochum.
Wir wurden eingekleidet und man zeigte uns, was man bei der Bundeswehr unter Schrankordnung und einem gemachten Bett versteht. Danach latschten wir – wie- derum wie die Vollidioten in Zweierreihen – zum Kantinengebäude, wo es schnö- des Graubrot, Wurst und Käse gab. Wahlweise wurde lauwarmer Zitronen- oder Früchtetee ausgeschenkt. Nebenan, im selben Gebäude, befand sich das Mannschaftsheim. Hier konnte man Pommes, Currywurst, Schnitzel, Spieße und andere frittierte Imbissspezialitäten erwerben. Hier gab es auch Bier und harte Alkoholika, eine Jukebox und Spielautomaten. Mir war sofort klar, wo ich meine Abende vorzugsweise verbringen würde.
Die Morgen begannen um sechs Uhr mit einem lästigen »Kompanie aufstehen!«, das der jeweils diensthabende Unteroffizier über den oberen Lichtflur brüllte. Sekunden später flogen die Türen auf und das grelle Neonlicht wurde eingeschaltet.
Um 6:30 Uhr hatten wir vor dem Gebäude anzutreten und wurden in idiotischen Zweierreihen zum Frühstück in die Kantine geleitet. Immerhin durften wir anschließend allein, selbstständig und eigenverantwortlich zur Kompanie zurückgehen, um unsere Morgentoilette zu verrichten. Um 8:00 Uhr hatten wir uns wieder vor dem Gebäude zum Appell zu versammeln.
Eines Morgens wurde unter anderem mein Name aufgerufen. »Eyckhorst!«, brüllte Petersen. »Hier, Herr Hauptfeldwebel!«, brüllte ich zurück. »Sie machen Führerschein und werden Richtkreisunteroffiziersfahrer!«, brüllte Petersen.
»Jawoll, Herr Hauptfeldwebel!«, brüllte ich zurück. Obwohl wir nur ein paar Meter voneinander entfernt standen, brüllten wir uns an. So tat man das bei der Bundeswehr. Ich hatte keine Ahnung, was ein Richtkreisunteroffizier machte und was die Aufgabe seines Fahrers war. Aber Führerschein machen klang nicht verkehrt, zumal ich noch keinen hatte.
Die Namen der anderen zukünftigen Geländewagen-, Lkw- und Panzerfahrer wurden brüllend aufgerufen. Während der Rest der Kompanie zum normalen Tagesdienst überging, wurden wir Fahrschüler versammelt. Oberleutnant Hackenroth trat vor uns und erklärte, dass sich für uns die dreimonatige Grundausbildung auf anderthalb Monate verkürzte.
Die restliche Zeit würden wir mit der Vorbereitung auf die theoretische und praktische Führerscheinprüfung verbringen. »Ich kann das freudige Strahlen Ihrer Gesichter ohne Sonnenbrille kaum ertragen«, sagte Hackenroth in gewohnt ruhigem Ton. »Sollten Sie davon ausgehen, dass wir Ihnen anderthalb Monate Grundausbildung erlassen, täuschen Sie sich. Sie werden all das, was die anderen in zwölf Wochen lernen, in sechs Wochen lernen. Und das – so versichere ich Ihnen – wird kein Zuckerschlecken.«
Und so kam es dann auch … Wir lernten im Eiltempo im Gleichschritt zu marschieren, durch den Dreck zu robben und uns zu tarnen. Wir lernten den Umgang mit Waffen – G3, Uzi, Maschinengewehr, P7, Handgranate und Panzerfaust.
Wir lernten gemeinsam zu singen, während wir marschierten, zu grüßen, zu melden, zu reden, zu denken … Es gab theoretische Unterrichtseinheiten, in denen uns versichert wurde, dass man keinesfalls ein Feindbild aufbauen wolle.
Aber die Mitglieder des Warschauer Pakts seien nun mal das Böse in dieser Welt, das jederzeit über die Bundesrepublik Deutschland herfallen könne – um zu zerstören, zu töten, zu vergewaltigen und sonstige Gräueltaten zu verrichten. Doch zum Glück gebe es den guten Amerikaner, der selbstlos an unserer Seite stehe, um uns gegen das Böse zu verteidigen.
Draußen herrschte der Kalte Krieg. Russen und Amis hatten sich bis an die Zähne mit atomaren Sprengköpfen bewaffnet und die Bundesrepublik Deutschland zum Schlachtfeld auserkoren. Ich fragte mich, was ich als einzelner Panzergrenadier mit einem G3, dessen Kimme und Korn verzogen und somit nicht treffsicher war, gegen diese hyperdestruktiven Atomwaffen ausrichten sollte.
Vermutlich war es grundsätzlich besser, nicht über den Sinn und die Effektivität der Bundeswehr nachzudenken. Mitten in der Nacht riss man uns aus dem Schlaf, um uns durch das Schneetreiben zum sieben Kilometer entfernten Standortübungsplatz latschen zu lassen. Dort begannen wir mit unseren Klappspaten Gräben und Löcher aus dem gefrorenen Boden zu heben, die uns als Schutz vor einem imaginären Feind dienen sollten. Zwischendrin brüllte jemand:
» A B C – Alarm!«, was bedeutete , dass wir augenblicklich unsere ABC- Schutzmasken (»Gummifotze« genannt) und die Gummiponchos überziehen mussten, um uns vor atomaren, biologischen oder chemischen Kampfstoffen zu schützen. In diesem Aufzug ließ man uns weitergraben, herumrobben und marschieren. Einmal schickte man uns in die sogenannte Gaskammer, um die Dichtigkeit der Schutzmasken zu testen.
Wir mussten über Barrieren klettern, durch Tunnel kriechen, hüpfen und laufen. Das unsichtbare Gift brannte auf den freiliegenden Hautstellen. Eddie und ein Rheinländer namens Heinzelmann erwischte es – ihre Schutzmasken waren undicht. Sie begannen zu husten und zu würgen. Ihre Augen tränten wie die Niagarafälle. Sie wurden sofort hinausgeführt.
Abends im Mannschaftsheim, als wir unsere halben Liter Schlösser-Alt stemmten, litten die beiden immer noch unter brennenden Augen. Sie sahen aus, als hätten sie den Tag mit Tauchen im Chlorwasser verbracht.
»Würde mich nicht wundern, wenn ich einen von den Arschlöchern abste- che«, meinte Eddie. Er war wütend. Heinzelmann – ein zwei Meter großer, hagerer Kerl mit affenartig langen Armen und tellergroßen Händen – nickte zustimmend. »Ich bin dabei, Eddie. Lass uns die Drecksäcke kalt machen.«
Heinz – wie wir Heinzelmann nannten – war die Inkompetenz in Person. Nahezu jede Aufgabe, die man ihm gab, stellte für Heinz eine fast unüberwindbare Überforderung dar und endete stets in einem Desaster. Anfänglich dachte ich, dass es eine fein ausgeklügelte Strategie war, die er verfolgte; eine perfekt inszenierte latente Provokation und Scheißegalhaltung, bis mir klar wurde, dass jede an ihn herangetragene Anforderung einen immensen Druck in ihm auslöste. Es hinderte ihn, fehlerfrei zu agieren. Und somit war er das gefundene Fressen für Vorgesetzte, die Spaß daran hatten, Untergebene zu quälen.
Die Waffenkunde eignete sich besonders gut dafür. Während dieser Ausbildungseinheiten lernten wir unter anderem die verschiedenen Waffen zu zerlegen und wieder zusammen- zusetzen. Hierfür gab es zeitliche Limits, die von den Unteroffizieren gern mit Stoppuhren überprüft wurden. Dieses Procedere war für Heinz der blanke Horror. Doch die Krönung seines persönlichen Horrors war das blinde Zerlegen und Zusammenset- zen der Waffen, um eine nächtliche Situation zu simulieren. Hierzu stülpte man uns Stiefelbeutel über den Kopf, deren Öffnung man unter dem Kinn mit einer Kordel zusammenzog, um uns die Sicht zu nehmen. Das zeitliche Limit für das blinde Zerlegen und Zusammensetzen eines G3 lag bei drei Minuten.
Vor lauter Aufregung und zitternden Händen war es Heinz nicht ohne Hilfe möglich, diese Aufgabe zu erfüllen. Einmal ließ man ihn fünfundvierzig Minuten mit dem Stiefelbeutel über dem Kopf liegen. Er wurde zunehmend panischer und versuchte mit hektischen Fingern, die Einzelteile zu ertasten und zusammenzufügen. Nach fünfzehn Minuten wurden wir anderen aus dem Raum geschickt. Dreißig weitere Minuten später kam auch Heinz heraus. Er war vollkommen nassgeschwitzt und tränenüberströmt. Er sah aus, als käme er direkt aus der Dusche.
Obwohl ich Heinz nicht besonders mochte, ging ich zu ihm undklopfte ihm auf die Schulter. »Was’n Scheiß, Alter«, sagte ich. Er nickte traurig. Heinz konnte nicht im Gleichschritt marschieren. Er verstand Befehle nicht, die man ihm entgegenbrüllte. Er verwechselte die Dienstgrade der Vorgesetzten, zog sich die falschen Klamotten an und konnte nicht mit Waffen hantieren. Er schoss daneben, verlief sich in der Kaserne, kleckerte, stolperte, watschelte, führte Selbstgespräche, hatte Schuppen, Akne und Käsefüße. Heinz und sein Körper waren mit allem überfordert.






