Thomas Eichhorst
Schikane
roman
LESEPROBE 2:
Wegen der verkürzten Grundausbildung nahmen uns die Unteroffiziere so richtig ran. Strammstehen, grüßen, im Gleichschritt marschieren. Laufen, hinwerfen, schießen. Waffenkunde, theoretischer Unterricht, Ausbildung im Feld. Regelmäßig wurden wir mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, um Gewaltmärsche zu absolvieren.
»Kompanie aufstehen! Raus aus den Betten! Zack! Zack!«, hieß es um drei Uhr morgens. Wir hatten zehn Minuten Zeit, um in voller Kampfmontur vor dem Gebäude anzutreten. Und los ging’s.
Fünfundzwanzig Kilometer durch die Pampa latschen – schnellen Schrittes – bei Wind und Kälte, Regen, Schnee, Graupel oder Hagel. Besonders in den ersten Wochen war es eine echte Quälerei, da die Kampfstiefel noch nicht eingelaufen waren. Man zog sich schmerzende Blasen an den Fersen und den Außenseiten der kleinen Zehen zu. Heinz wurde es alles zu viel. Er blieb einfach stehen und kauerte sich wimmernd in Embryonalhaltung auf den Erdboden.
Hey Chief !«, rief Eddie dem Gruppenführer zu. »Heinz kann nicht mehr!« Stabsunteroffizier Fleischer – das Pickelgesicht – kam angestürmt, baute sich vor Eddie auf und begann zu brüllen: »Wir sind hier nicht bei den Yankees, Jankowski! Machen Sie’ne vernünftige Meldung und stehen Sie stramm, Jankowski!« Eddie richtete sich mühsam auf, führte kurz die rechte Hand zum Gruße an den Helm und ließ sie wieder sinken.
»Ja, also, Kamerad Heinzelmann hat einen Schwächeanfall, Herr Stabsunteroffizier Fleischer«, sagte er. Er führte seine Hand erneut zum Helm und ließ sie da. »Das nennen Sie vernünftige Meldung?«, brüllte Fleischer. »Das war Idioten-Gestümper, Jankowski! Das kann meine neunjährige Nichte besser! Wenn das alles ist, was Sie bisher gelernt haben, na, dann gute Nacht, Marie!«
Immerhin wandte sich Fleischer nun von Eddie ab, um sich um den weiterhin im Dreck liegenden, jammernden Heinz zu kümmern. »Was machen Sie da, Heinzelmann?«, brüllte Fleischer. »Mein Herz«, quengelte Heinz. »Was ist mit Ihrem Herz?« »Tut weh.«
»Stehen Sie auf, Heinzelmann! Reißen Sie sich zusammen!« »Äh, können wir solange eine rauchen?«, fragte Reimers – ein einfältiger, stämmiger Bauernsohn aus Dithmarschen. »Rauchen?«, brüllte Fleischer. »Sie sollen die Gegend sichern, Mann!« Wir sahen uns ratlos an. Was meinte er damit?
Fleischer hockte sich unterdessen neben Heinzelmann. Eddie zuckte mit den Schultern und drehte sich eine Zigarette. Mittlerweile hatte starker Schneeregen eingesetzt – der Wind pfiff über das offene Feld.
»Heinzelmann, Sie haben nix mit Ihrem verdammten Herzen!«, brüllte Fleischer. »Sie sind mehrfach untersucht worden! Der Stabsarzt sagt, Sie sind topfit!« »Tut aber weh«, wimmerte Heinz. »Stehen Sie jetzt auf, Heinzelmann!« Heinz schluchzte. »Verdammte Scheiße, Heinzelmann, was sind Sie bloß für’ne Memme!«, brüllte Fleischer, der mit seinem Latein am Ende war. »Ihre Kameraden stehen hier in der Kälte herum und warten auf Sie, Heinzelmann!« »Aber mein Herz tut weh«, jammerte Heinz.
Wir standen rauchend da und sahen uns das Schauspiel an. Fleischer hatte sich wieder erhoben und sah überfordert auf Heinzelmann hinab. Reimers hielt ihm seine Packung Prince Denmark hin. Fleischer fischte sich eine Zigarette heraus »Vielleicht sollten wir den Sani rufen«, meinte ich und zog an meiner Selbstgedrehten. »Vielleicht hat er doch was mit der Pumpe.«
»Sind Sie Jesus, oder was?«, fragte Fleischer – immerhin im ruhigen Ton. »Ich mein ja nur«, sagte ich achselzuckend.
Fleischer trat ein paar Schritte zur Seite. Er zog das Funkgerät aus seiner Tasche und meldete den Zwischenfall dem Hauptfeldwebel. »Heinzelmann schon wieder?«, fragte Petersen. »Jawohl, Herr Hauptfeldwebel.« »Oh Mann, was für ein Warmduscher.«
»Kann man so sagen, Hauptfeld.« »Ich denke, er braucht ein paar Extraeinheiten Sport, damit wir ihn auf Vordermann bringen«, hörten wir Petersen über Funk sagen. »Das klingt nach einem guten Plan, Hauptfeld.« »Ich schick euch den Fahrdienst vorbei, damit wir ihn für heute von der Straße kriegen.«
Fleischer nannte unseren Standort und beendete den Funkkontakt. Dann trat er wieder an den liegenden Heinzelmann heran. »Okay, Heinzelmann, für heute haben Sie es geschafft. Die schicken jemanden, der Sie hier aufsammelt. Eyckhorst und Reimers bleiben bei Ihnen. Ab morgen werden Ihre Tage mit Frühsport beginnen. Darauf können Sie sich verlassen. Aber hallo.«
Fleischer schnippte seine Kippe in den Wind. Die Truppe marschierte weiter. Reimers und ich sahen ihnen nach, bis sie im schemenhaften Licht der Morgendämmerung hinter einer Hügelkuppe verschwunden waren. Heinzelmann hatte sich unterdessen aufgesetzt.
Reimers zog die Augenbrauen hoch und blickte mich an. »Wiss’ne Kippe?« »Jo«, sagte ich. Rauchen war das Einzige, was man tun konnte.






