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STANI & TRULSEN

Ein bisschen wird es ihn schon gewurmt haben, als „seine Jungs“ vor dem Jahr100 Transparent niederknieten, und ihren „Fußballgott“ André Trulsen mit erhobenen Armen anbeteten. Auf die Frage, wie es sich mit einer Legende arbeitet, muss CheftrainerHolger Stanislawski (40) schmunzeln und zwinkert dem Mann zu seiner Linken aus stahlblauen Augen zu. „Gut! Man fühlt sich sicher. Es sei denn, wir stehen bei alt gegen jung gegeneinander auf dem Platz. Ansonsten ist es das, was knapp vier Jahre funktioniert und von einer beruflichen Partnerschaft zu einer privaten Freundschaft geworden ist. Auch wenn man als Spieler nicht unbedingt jeden Tag ein Bier miteinander getrunken hat, so ist doch ein großer gegenseitiger Respekt gewachsen. Und das Truller der ewig einzige Fußballgott am Millerntor bleibt, das ist schon in Ordnung!“ Mit insgesamt 177 absolvierten Bundesligaspielen für die Kiez-Kicker hält der sympathische Co-Trainer bis heute den Vereinsrekord – und macht bei aller Lobhudelei gern ein bisschen Platz auf dem Thron, für seinen persönlichen „Pauligott“: „Stani hat jahrelang aktiv für den Verein gespielt und danach zahlreiche Ämter beim FC St. Pauli bekleidet – vom Sportchef über den Manager bis zum Vizepräsident und aktuell als Chef­trainer. Auf dem Platz haben wir uns gegenseitig unterstützt – was wir jetzt natürlich auch tun. Als aktiver Spieler hat man sich allerdings mehr mit sich selbst beschäftigt. Damals haben wir sicherlich nicht so viel vor und nach einem Spiel gesprochen, wie jetzt. Selbst an freien Tagen telefonieren wir. Man befindet sich ständig in der Kommunikation, tüftelt neue Sachen aus oder entwickelt spezielle Trainingseinheiten“, erklärt der 1,91m große ehemalige Abwehr-Hühne, der am 28. Mai seinen 47. Geburtstag feiert. Auch Ex-Libero Stanislawski hat nach 260 absolvierten Pflichtspielen – allein für den FC St. Pauli – reichlich Trainings-Routine hinter sich, und weiß: „Es gibt nichts Schlimmeres, als Woche für Woche eintönig das Gleiche zu machen. Wir versuchen jeden Tag etwas Neues zu kreieren und die Jungs unterschiedlich zu fordern – da muss man kreativ sein.“ Und da darf es schon mal ein Song der Hamburger Techno-Veteranen Scooter sein, oder ein selbst geschriebenes Gedicht von Stanislawski, dem heimlichen Poeten. „Als Trainer ist man eben auch Entertainer. Truller und ich lassen uns ständig etwas einfallen, um die Mannschaft sinnvoll zu beschäftigen. Da gibt es Möglichkeiten aus anderen Sportarten und über die Musik, bis hin zu ausgedruckten Texten. Neben aller Ernsthaftigkeit soll das Training ja auch Spaß machen. Wir lachen schließlich selber gern! Das Gute bei André und mir ist, dass wir noch relativ frisch im Trainergeschäft sind. Wir möchten uns diese Lockerheit, den Spaß und die Freude am Job so lange wie möglich erhalten.“ Seit der gelernte Masseur Holger Stanislawski im April 2009 seine Trainer-Lizenz als Jahrgangsbester erhielt, werden allerdings auch die markanten Grübelfalten auf der Stirn tiefer. „Der Fußball ist immer da, und der Kopf arbeitet bis du abends in`s Bett gehst: Was ist mit den verletzten Spielern, neuen Spielern, alten Spielern, was willst du nächste Woche trainieren, welcher Gegner erwartet dich. Im Profi-Fußball ist eine 70-90 Stunden Woche nichts Ungewöhnliches.“ Da hilft nur Kaffee, Stanis Lebenselex­ier, und die verdiente Auszeit am Saisonende, die er mit Ehefrau Michelle und Labrador­hündin Shila verbringen möchte. „Urlaub ist ein Fremdwort für mich. Deshalb ist freie Zeit die größte Belohnung. Einfach mal nichts planen müssen, zu Hause im Garten sitzen und ein Buch lesen, oder durch die Stadt bummeln und sich ein Franzbrötchen kaufen. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen – ob man Aufstiegs- oder Siegprämien kassiert, ist in dem Moment nebensächlich für mich“, verrät der ehrgeizige Coach, der aufgrund allzu lautstarker Kommentare schon einmal auf die Tribühne verbannt wurde. Auch Co-Trainer Trulsen freut sich auf die freien Sommerwochen – vor allem um Zeit mit „Sohnemann“ Tobias zu verbringen. Der 15jährige ist selbst als Spieler aktiv und möchte, klar, in die Fußstapfen seines erfolgreichen Vaters treten. „Erstmal ist die Schule wichtig“, erklärt Truller, der selbst eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolviert hat. Zuhause in Lurup ist der gebürtige Hamburger, der seit 18 Jahren mit Ehefrau Sabine glücklich verheiratet ist, für die Pflege des Rasens zuständig. „Darum kümmert er sich sogar auch hier“, lacht Holger Stanislawski und deutet auf die Fläche des weitläufigen Vereinsgeländes an der Kollaustraße. „Auf dem Trainingsplatz ist Truller der „Herr des Grüns“ – und selbstverständlich immer präsent. „Unser Bestreben ist es, erfolgreich zu sein. Dementsprechend muss man viel Zeit investieren und diesbe­züglich ein Vorbild für die Mannschaft sein. Das der Fußball nicht automatisch nach dem Training aufhört, und das man rund um die Uhr für seinen Erfolg arbeiten muss, versuchen wir den Spielern so gut wie möglich vorzuleben“, erklärt der Mann, der auch unter dem Pseudonym Kuchen bekannt ist. „Ich habe mal nach einem Spiel fünf Berliner auf einen Schlag verdrückt. So entstand der Spitzname“, schmunzelt Truller, der privat leidenschaftlich Poker zockt. Dem Namen der Sportbar Zügellos auf dem Vereinsgelände entsprechend, geht es durchaus auch mal im Hause Stanislawski zu. Die wohl größte Schwäche des Cheftrainers ist eine treue Hündin, die er seine „kleine Prinzessin“ nennt. „Meine Frau und ich haben sie schon sehr verwöhnt, und das lässt Shila uns auch spüren. Nach dem Motto „jetzt aber hoch mit euch, damit ich auf`s Sofa kann!“ Sie darf fast alles – wir sind nicht wirklich konsequente Hundehalter. Bei uns gibt`s schon mal ein Stück Pizza zwischendurch. Mittlerweile ist die alte Dame ein ordentliches Rubensmodell.“ Die zweite Marotte von dem Mann mit den raspelkurzen Haaren, sind Kugelschreiber, Edding und Co. „Generell brauche ich immer einen Stift in der Hand – dann kann ich einfach besser nachdenken. Truller hat mittlerweile die ganze Kulturtasche voll davon!“ (lacht) „An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Hotels, die auswärts alle zwei Wochen Flipcharts und Stifte auf den Zimmern zur Verfügung stellen“, grinst der sonst eher ruhige Co-Trainer. Jetzt aber ab auf den Trainingsplatz, endlich – Stani knibbelt schon ganz unruhig am Etikett seiner Wasserflasche. Während die Beiden sich auf den Weg machen – und ihren Jungs wie jeden Tag Beine – bleiben wir zurück, und denken: „Nein, Bessere, die gab`s für St. Pauli tatsächlich nie.“ Zehntausende würden diese Behaup­tung aus voller Kehle unterstreichen… Stefanie Ohl

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