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Henning Wehland: #36 – Neues vom Alten

DER LETZTE AN DER BAR: Gedanken am Tresen des Lebens

von Henning Wehland

„Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen.“ (Jean-Luc Picard)

Im Sommer 1979 bin ich mit meinen Geschwistern und meinen Eltern von Bonn nach Münster gezogen. Ich war damals sieben Jahre alt und weil mein Vater mir versprochen hatte, dass wir dort einen Fluss zum Angeln in der Nachbarschaft hätten, empfand ich es als großes Abenteuer.

Wir zogen in einen Vorort von Münster: Wolbeck. Dort wohnten wir in der Straße am Tiergarten, am Ende eines Wendehammers und unser Garten grenzte an eine Wiese mit dem Wald im Hintergrund. Hier wohnten viele Kinder in meinem Alter und es war rückblickend eine tolle Basis für den Aufbruch zu einem neuen Abenteuer.

Um zur Schule zu kommen, mussten wir mit unseren Fahrrädern erst eine kleine Brücke überqueren. In den Grundschuljahren war das für mich eine Grenze, wie für Truman Burbank das Wasser in Seahaven. (siehe Kinofilm „The Truman Show“ mit Jim Carrey von 1998)

Ich hatte in meiner Hood alles, was ich brauchte: Freunde, Natur, Nachbarschaft, Sicherheit. Man passte aufeinander auf (meistens). Wir waren – sozusagen – soziale Selbstversorger. Ich fühlte mich immer beschützt.

Dann kam ich auf das Gymnasium Wolbeck. Der Radius wurde größer. In jeder Hinsicht. Hier kamen Vertreter aus tausenden Trumanshows zusammen.

Immer, wenn ich in meine Nachbarschaft zurückkam, merkte ich, dass die Atmosphäre sich veränderte. Der Horizont veränderte sich, wie ein Vogel in der Mauser. Interessen verschoben sich, wie Kulissen in Hollywood.

Plötzlich gab es Klassenfeten, Mädchen und Schwofen. Andere Jungs aus höheren Stufen wurden zu einer schwer erklimmbaren Mauer der Herausforderung.

Mich zu beweisen, bekam eine andere Dimension. Was mir vorher ganz natürlich vorkam, weil es eine klare Hierarchie in meiner „Truman Show“ gab, wurde plötzlich zu einer Wissenschaft:

Ich versuchte, die neue und die alte Welt miteinander zu verbinden. Das ist mir manchmal gelungen. Manchmal aber auch nicht.

Bei uns in der Straße stand ich das erste Mal auf Discorollers, hatte mir mein erstes Skateboard zusammengespart und habe die erste Streetramp mit meiner Possee gebaut.

Mit dem Skateboard fuhr ich dann auch zur Schule, habe dort weitere Gleichgesinnte gefunden, mit denen ich neue Welten erkundete. Hier haben wir Musik gemacht und letztlich H-Blockx gegründet.

Später erst habe ich verstanden, dass es dafür nötig war, gewohnte Sicherheiten zu verlassen, wie Kolumbus.

Auch heute erinnere ich mich gerne, aber auch mit einer guten Portion Wehmut, an die Zeit in der Straße Am Tiergarten zurück. Der WENDEHAMMER bekommt für mich eine ganz neue Bedeutung und ich bin dankbar dafür, dass mich diese Zeit, der Ort und die Menschen zu der Persönlichkeit gemacht haben, die ich jetzt bin.

Seitdem habe ich viele Situationen erlebt, in denen ich großen Respekt vor einem Neuanfang hatte. Auch, wenn nicht immer alles so klappt, wie ich mir das wünsche, hat mich diese Einstellung nie enttäuscht.

In den letzten 3 Monaten habe ich mich auf mich selbst zurückgezogen und versucht, mich auf das Wesentliche in meiner Trumanshow zu konzentrieren. Ich habe festgestellt, wenn ich ab und zu meine Erlebnisse ordne und ausmiste, dann geht in meinem Kopf am Horizont wieder die Sonne auf. Ich behalte Erinnerungen – gute, wie schlechte – und ich weiß, wie schön es ist, den Himmel zu sehen, wenn ich fest auf dem Boden liege.

Moderator: „Was ist der Grund dafür, dass es Truman niemals gelungen ist, die Wahrheit über seine Welt herauszufinden?“ Regisseur: „Wir akzeptieren die Realität der Welt, die uns dargeboten wird, so einfach ist das.“ (aus „The Truman Show“)

(Foto: Ricarda Spiegel)

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