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Fettes Brot: Teenager vom Mars

Mit ironischen Künstlernamen und blitzschnellen Lines wurden Fettes Brot in den 90ern zu Pionieren des deutschen HipHop. Ihre Hits wie „Jein“ oder „Schwule Mädchen“ werden seit fast zwei Jahrzehnten auf jeder Party lauthals mitgesungen. Auch heute noch machen Dokter Renz (46), König Boris (46) und Björn Beton (47) ihre Heimatstadt Hamburg unsicher.

Morgens in der Schule hocken, abends auf St. Pauli rocken; ein typischer Tag der Teenager Martin Vandreier (Dokter Renz), Boris Lauterbach (König Boris) und Björn Warns (Björn Beton, gelegentlich auch Schiffmeister). Gemeinsam mit Kok Göttmann (Mighty) und Tobi Tobsen (Matula), mit denen Dokter Renz zuvor in einer Gruppe namens Poets of Peeze war, gründen die drei Public Enemy Fans 1992 am Gymnasium Schenefeld die HipHop-Gruppe Fettes Brot. Eigentlich sollte das Projekt „Boris & The Callboys“ heißen, am Ende überzeugte dann aber doch der Name, unter dem wir die Rapper heute kennen. Noch bevor Fettes Brot 1995 ihre erste EP „Mitschnacker“ über Yo Mama Records veröffentlichten, verließen Mighty und Matula die Band. Im gleichen Jahr feierten die Musiker, nun in der allgemein bekannten Formation zu dritt, ihren ersten großen Erfolg mit der Single „Nordisch by Nature“, in der die Jungs sogar teilweise auf Plattdeutsch rappen. Das Musikvideo drehten sie auf einem Parkhaus in der Hamburger Innenstadt, bei dem König Boris aus Versehen eine Schranke mit dem Auto seiner Mutter kaputtfuhr. Dem Pförtner erzählte er: „Unsere Techniker regeln das schon gleich.“ Dies ist nur eins von mehreren Missgeschicken, die König Boris laut Aussage der Band zum Tollpatsch des Trios macht: Bei einem Konzert sprang er beim Stage Diving anstatt in eine Menge von Erwachsenen schonmal in eine Gruppe von kleinen Schulmädchen. „Nordisch by Nature“ erschien auf dem Album „Auf einem Auge blöd“, doch schon bald darauf entschied sich die Band dazu, den Song wieder vom Markt zu nehmen, aus Angst, ein One-Hit-Wunder zu werden.

1996 folgte der nächste große Erfolg mit ihrer Hit-Single „Jein“, die auch heute noch viele Menschen mit Fettes Brot verbinden. In dem Titel geht es um den Konflikt, nicht zu wissen, was die richtige Entscheidung ist („Soll ich´s wirklich machen, oder lass ich´s lieber sein… Jein!“). In einem Interview bezeichnet Dokter Renz das Lied als „geniale Antwort auf das Problem aller Jugendlicher“. Die Idee kam der HipHop-Gruppe nach eigener Aussage beim Autofahren, als sie sich an der Kreuzung nicht entscheiden konnten, ob sie nach rechts oder links müssen.

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Die Anfangsmelodie basiert auf dem Lied „Earth Abides“ vom britischen Posaunisten und Jazz-Musiker Chris Barber (90). Generell arbeitet das Trio öfters mit Blas-Musikern zusammen, da sie gern unterschiedliche Instrumente in ihre Songs einbringen. Manchmal an der Trompete zu hören ist der Ahrensburger Gunnar Kockjoy, unter anderem auch Mitglied bei Rudolf Rock & die Schocker.

Wie es dazu kam, weiß die Band selbst nicht mehr. Ein ebenso erfolgreicher Track des Albums ist „Wildwechsel“, eine Zusammenarbeit mit den Rappern Max Herre, Blumentopf, Spax, Das Bo und Ex-Mitglied Tobi Tobsen alias Matula,

Danach wurde es musikalisch eher ruhig um Fettes Brot. Für einige Zeit moderierten sie die Radiosendung „Forellentee“ auf Radio Fritz, bevor sie 1998 ein eher ungewöhnliches Comeback starteten; Nachdem die drei Rapper sich als große Fans der Drei ??? geäußert hatten, lebte das dazugehörige Hörspiel, welches eigentlich eingestellt worden war, wieder auf. Daraufhin durfte das Trio in „Folge 78: Im Bann des Voodoo“ sogar eine Sprechrolle übernehmen. Das im gleichen Jahr erschienene Album „Fettes Brot lässt grüßen“ ist eine Hommage an die Krimi-Buchreihe von Robert Arthur († 1969). Großen Erfolg feierte die Platte jedoch nicht; ein Grund dafür war, dass sich Fettes Brot dieses Mal eher an Pop orientierten, was einigen Fans missfiel.

Drei Jahre später meldete sich Fettes Brot mit ihrem 4. Studioalbum „Demotape“ zurück, welches sich 18 Wochen in den deutschen Charts hielt. Die CD beinhaltet zudem den Hit „Schwule Mädchen“, einer der bekanntesten Songs der HipHopper und wahrscheinlich auch der Titel mit dem bizarrsten Namen. Er soll auf Homophobie und Frauenfeindlichkeit in der Rapszene aufmerksam machen und machte den Standpunkt der Jungs gegenüber Diskriminierung klar.

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Es war nicht das letzte Mal, dass sich Fettes Brot politisch engagierten: Mit dem Track „Tanzverbot“ demonstrierten sie gemeinsam mit Bela B (58) von den Ärzten gegen den damaligen Hamburger Innensenator Ronald Schill (62), auch bekannt als „Richter Gnadenlos“. Den Spitznamen bekam er von der Presse aufgrund seiner durchgehend harten Vorgehensweise und seiner provokativen Art verpasst.

2005 veröffentlichten Fettes Brot ihr bisher erfolgreichstes Album „Am Wasser gebaut“ und lieferten damit ihre Erfolgssingle „Emanuela“. Es wurde der am meisten gedownloadete Titel des Jahres und gewann bei Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ den 2. Platz. Die Idee für das Lied kam Björn Beton, als er einen von ihm gemixten Beat aufpeppen wollte, den er zu langweilig fand. Nach und nach entstand dann die ungewöhnliche Melodie von „Emanuela“, die die Rapper in einem Interview selbst als „zirkusartig“ bezeichneten. Der leichte Mariachi-Touch kommt daher, da der Titel des Songs ursprünglich „Mit dem Fahrrad nach Venezuela“ heißen sollte. Der Text war laut Dokter Renz ein wenig von dem amerikanischen Musical „West Side Story“ inspiriert, da er von der Liebe eines Jungen zu einer Frau handelt, die „eine Nummer zu groß für ihn ist“.

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2007 sorgten die Rapper für Schlagzeilen, als sie unter dem Namen Bette Frost, ihrem damaligen MySpace-Pseudonym, incognito eine Clubtour starteten, um ihr neues Album „Strom und Drang“ vorzustellen, welches sie im darauffolgenden Jahr veröffentlichten. Die Platte beinhaltet den Hit „Bettina, zieh dir bitte etwas an“, welcher sofort auf Platz 3 der deutschen Charts aufstieg. Die Jungs machen sich in dem Song über die damals leicht bekleideten Quizshowmoderatorinnen im Privatfernsehen lustig. Spekulationen über die echte Bettina kamen natürlich dazu; angebliche Inspiration war Bettina Ballhaus, die ehemalige Moderatorin der Sendung „Sportquiz“ und Nacktmodell. Diese kündigte nach zahlreichen Schlagzeilen schließlich ihren Job. Fettes Brot verneint jegliche Anspielung auf die heute 42-jährige und diese ist ihnen nach eigener Aussage auch nicht böse. Sie sei sogar froh, dass der Song ihr die Augen über ihr Image geöffnet hat, egal, ob er wirklich von ihr handelt oder nicht.

Dass Fettes Brot sich gern einen Spaß mit falschen Namen erlauben, ist mittlerweile bekannt: Die HipHop-Gruppe spielte über die Jahre schon unter zahlreichen Pseudonymen wie „Sven, Sven, Sven“, „Schreck Pistols“ oder „Brote Flora“. Am meisten Aufsehen erregte aber wohl ihr Projekt „D.O.C.H.!“. 2006 nahmen die Hamburger mit ihrem Plattenlabel eine Rap-Gruppe namens „D.O.C.H.!“ unter Vertrag; angebliche Mitglieder war die drei 17-jährigen Berliner Boy, Paolo und Typ. Bald darauf erschien die Single „Was in der Zeitung steht“, welche sich jedoch nach kurzer Zeit als B-Seite aus „Tage wie diese“ entpuppte, alles gerappt von Dokter Renz. „D.O.C.H.!“ trat sogar mit drei Schauspielern als Mitglieder bei MTV auf, wo sie standhaft behaupteten, Fettes Brot hätte ihnen das Lied geklaut und nicht umgekehrt. Nach einiger Zeit lösten die drei den Spaß dann schließlich auf.

Ende 2010 verkündeten Dokter Renz, Björn Beton und König Boris, eine Pause von Fettes Brot zu nehmen und sich anderen Projekten zu widmen. 2012 folgte die Wiedervereinigung, zunächst unter dem Namen „Schwule Mädchen Soundsystem“, mit dem sie beim Musik-Festival Rock am Ring/Rock am Park spielten. Ein Jahr brachten die Jungs ihr nächstes Album „3 is ne Party“ raus, 2015 kam „Teenager vom Mars“ hinterher. Zum Titel sagt Dokter Renz: „Wir sind zwar keine Teenager mehr, aber kommen von einem anderen Planeten und blicken daher mit einem Blick von außen auf die Erdlinge. Wir denken, wenn die noch ein wenig offener werden, dann kann durchaus noch was aus dem Erdlingen werden.“

Auch wenn Fettes Brot keine Teenager mehr sind, denken sie nicht daran, aufzuhören. 2019 bringen sie ihre Platte „Lovestory“ auf den Markt; jedes Lied handelt von einer anderen Liebesgeschichte. Wenn man das Trio nach ihrem Alter fragt, nehmen sie das gelassen. Nach eigener Aussage gehen sie immer noch gern gemeinsam auf St. Pauli feiern. Dort befindet sich auch ihr Studio „Studio Iglesias“, benannt nach dem spanischen Schnulzensänger Julio Iglesias (77), Vater von Popstar Enrique Iglesias (45). Laut König Boris braucht eine gute Party „eine bestimmte Mischung aus Leuten, Musik, Location und Faktor X“. Faktor X beschreibt der Rapper als „spezielle Magie in der Luft“. Wenn die HipHop-Stars auf Tour sind, achten sie laut Dokter Renz aber mittlerweile darauf, am Abend vor der Show nichts zu Verrücktes zu machen. In ihrem Tourbus befindet sich eine Bar namens „WhatsEck“, von jener aus sie dann „einfach ins Bett fallen können“.

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Und natürlich dreht sich bei dem Trio nicht alles nur um Fettes Brot:

Dokter Renz (46), bürgerlich Martin Vandreier, wurde in Hamburg geboren und wuchs in Halstenbek auf. Manchmal rappt er auch unter den Namen Speedy Konsalik, Rektor Donz oder Rechtsanwalt Dokter Renz. Die eigenwillige Schreibweise seines Künstlernamens erklärt er so: „Alles andere wäre nämlich Missbrauch eines akademischen Titels und strafbar“. Mittlerweile ist der FC St. Pauli Fan „glücklich verheiratet mit vielen Kindern“, mehr möchte er aber nicht verraten; Privatsphäre ist für ihn sehr wichtig.

König Boris (46), in Hamburg als Boris Lauterbach geboren, verbrachte seine Jugend in Schenefeld und ist auch unter den Namen Kay Bee BabyMister OrientLong Leg LauterbachRock’n’Roll CosengDer Typ, der den Müll nicht runterbringtSaufekanzler oder Der König tanzt bekannt. Über seinen Familienstatus ist nichts bekannt.

Björn Beton (47), früher auch bekannt als Schiffmeister, wurde als Björn Warns in Pinneberg geboren. Auch er bleibt wie seine Bandkollegen nicht nur bei einem Künstlernamen und nimmt gelegentlich auch die Titel Das Ding der Unmöglichkeit oder Flash Müller an. Ob er verheiratet ist, hält der Rapper geheim; über seine Rolle als Vater bei Elternabenden erzählt er: „Ich setze immer meine Brille auf, weil ich dann nämlich seriöser aussehe und die Lehrer mich als Vater ernster nehmen.“

Fettes Brot zeigen: Niemand ist zu alt für HipHop. Wir freuen uns, mehr von den Hamburger Rappern zu hören, denn die sind noch lange nicht zu stoppen.

JF

(Foto Copyright Jens Herrndorff)

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