MOLOTOW – Das rockigste Ambigramm der Stadt

26. April 2017

Ein Blick hinter die Kulissen

Der beliebte Musik-Club hat seit September 2014 seine neue Bleibe am Nobistor 14 ge­funden, jedes Wochenende können Besucher auf drei Ebenen (Karatekeller, Club, Sky­Bar) sowie im Garten zu rockigen Klängen tanzen oder einer Live-Band zujubeln. Zu­letzt feierten u. a. Mando Diao hier ihre Re­lease-Party zur neuen Platte „Good Times“ mit einem Geheim-Konzert und sorgten für ein rappelvolles Haus …

Die Geschichte des Molotows beginnt 1990: Andreas Schnoor und Gesine Judjahn gründeten den Laden im Keller der ehe­maligen Esso-Häusern am Spielbudenplatz mit der Vision, einen Ort für Musikliebhaber zu schaffen. Das Konzept ging auf. Aller­dings schmissen die beiden nach nur vier Jahren hin und der bis dato als DJ beschäf­tigte Andi Schmidt übernahm den Club als Pächter. Er führte das Projekt bis zur Eva­kuierung 2013 erfolgreich fort – Größen wie Die Toten Hosen, Billy Talent und Biffy Clyro reichten sich hier die Türklinke.

Am 14.12.2013 mussten die Räumlichkeiten dann akut evakuiert werden. Fenja, die kurz vorher als Praktikantin einstieg und seitdem fest zum Team gehört, erinnert sich: „An dem Abend spielten u. a. Madsen ein ausver­kauftes Konzert. Plötzlich stand die Polizei in der Tür und sagte uns, dass sich mehrere Bewohner der Esso-Häuser beklagt hätten, dass die Wände wackeln würden. Wir muss­ten vorerst unser Hab und Gut dort lassen und wurden von den Polizisten raus geführt – unser damaliger Barkeeper steckte noch schnell ein paar Sektflaschen ein …“, währ­end sie das erzählte, knallte die Tür und die Wand wackelte … „Etwa eine Woche später durften wir ein letztes Mal den Club betreten, um die letzten Sachen abzuholen – das wars dann.“. Daraufhin zog das Molotow als Zwischenlösung in das ehemalige Möbel-Brandes-Haus in der Holstenstraße.

Als die China-Lounge im Juni 2014 ihre Türen dauerhaft schloss, bot sich für das Team von Andi die Möglichkeit, wieder an den Kiez zu ziehen – so erstrahlte das Molo­tow am Nobistor 14 – pünktlich zum Ree­perbahn-Festival – im September 2014 im neuen Glanz: „Wir hatten nur einen Monat Zeit, um die komplette Location zu reno­vieren und mit unserer eigenen Handschrift zu versehen. Wir ackerten hier jeden Tag – sogar unsere Freunde, Eltern und Stamm­gäste packten mit an!“, freut sich die ausge­lernte Veranstaltungskauffrau, die ihren Job offensichtlich liebt. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der geräumige Hauptfloor bietet viel Fläche zum Tanzen und verfügt über eine große Bühne, auf der regelmäßig Bands aller Genres – überwiegend Rock – auftreten. Viele Musiker betreten die Stage gern spontan gegen Mitternacht, um mit dem Publikum bis 2 oder 3 Uhr nachts abzu­rocken. Wenn man ein Stockwerk höher geht, befindet sich dort die SkyBar, die ebenfalls über eine kleine Bühne verfügt und vor allem am Wochenende viele Acts begrüßt – dieser Raum kann ebenfalls für private Zwecke, wie etwa einen Geburtstag gemietet werden: Bis zu 150 Leute haben hier Platz zum feiern. Zwei Stockwerke tiefer befindet sich der Karatekeller, der mit u. a. einem chine­sischen Schild an den Vorgänger-Club erin­nert – hier kann man gemütlich auf den Le­dersofas sitzen oder auf der kleinen Fläche tanzen. Wenn der Frühling ein paar warme Temperaturen mitbringt, öffnet der liebevoll eingerichtete Garten seine Pforten. Aus­schließlich hier haben die Gäste die Möglich­keit zu Rauchen. Nachdem man ein paar coo­le Fotos in dem nostalgischen Fotoautomaten gemacht hat, können Besucher die alte Tür des Molotow bestaunen, die einst in den Esso-Häusern stand.

Alle Floors verfügen über Bars, an denen sich das Party-Volk mit leckeren Drinks und kühl­em Bier stärken kann. Astra, Jever, Beck‘s oder Ratsherrn gibt‘s für 2,20 € – seit Kur­zem finden sich etwa 18 Craft Beer-Variatio­nen auf der Karte wieder: „Wir haben alle Sorten getestet und uns dafür ordentlich die Kante gegeben!“, schmunzelt die sympa­thische 22-Jährige, während sie sich eine Zigarette dreht.

Zu den Spezialitäten des Hauses zählen der Molotow-Cocktail (Korn und Bitter Lemon) für 3,50, der Tripsi (Wodka Lime als Shot) für 1,50 € und der Mexikaner, der nach einem hauseigenen Geheimrezept zubereitet wird, für 1,50 €. „Frank Turner ist von un­serem Mexikaner so begeistert, dass er nach seinen Auftritten in Hamburg immer zu uns kommt, um diesen zu trinken. Meistens kauft er sich anschließend 4-5 Flaschen.“.

Neben unzähligen Kiez-Besuchern, haben sich auch viele Bands als große Fans des Clu­bs geoutet. Kein Wunder, für die Musiker wird hier großartig gesorgt! Der geräumige Backstage-Bereich, der in einem warmen Rot-Ton erscheint, verfügt mit vielen schwar­zen Ledersofas über gemütliche Sitzbereiche – eine große Küche, dessen Decke mit Pla­katen verschönert wurde, sorgt für das leib­liche Wohl. Falls vor bzw. nach den Auf­tritten Langeweile aufkommen sollte, steht eine Orgel bereit, auf der neue Kompo­sitionen geklimpert werden können. Für Ad­renalin sorgt eine PlayStation 4 inkl. FIFA – der dazugehörige Fernseher wurde mit einer durchsichtigen Plastikscheibe umhüllt – nicht, dass vor lauter Wut ein Controller oder eine Bierflasche im Screen landet … Darüber hinaus sind genügend Toiletten, die mit Glitzer verziert wurden, sowie Duschen vor­handen. Viele liebevolle Details sowie Bilder sorgen für eine gemütliche Atmosphäre. Wenn die Wünsche der Bands nicht zu ab­gedreht sind, gestaltet sich das Miteinander sehr entspannt. „Wir hatten einst Musiker hier, die sich neben Wasser und Bier ein un­terschriebenes Portrait von George Clooney gewünscht haben. Wir haben uns daraus einen Spaß gemacht und ein Bild von ihm ausgedrückt, selbst unterzeichnet und im Backstage an die Wand gehängt – die Jungs haben vielleicht Augen gemacht!“, schmun­zelt Fenja.

Da man sich hier so ausgezeichnet um die Gruppen kümmert, kommen diese früher oder später immer ins Molotow zurück: „Alle paar Wochen melden sich Bands wie Catfish and the Bottlemen oder Mumford & Sons bei mir, um mir zu sagen, dass sie nach ihren Auftritten noch auf ein paar Getränke vor­beischauen wollen – dann stellen sie sich an die Bar und schauen dem Treiben zu oder mischen selbst mit – die Gäste freuen sich und fragen vorsichtig nach Fotos.“, erklärt die Promoterin. „Am coolsten feiern übrigens Two Door Cinema Club – die haben sich mächtig voll laufen lassen … Während ich nach dem ganzen Alkohol im Koma liegen würde, reichen die Jungs einem noch nett die Hand und stellen sich höflich vor!“. Und auch nach durchzechten Party-Nächten wird man die Bands nur mit Mühe los: „Francobollo haben hier ein Set gespielt und wollten am nächsten Morgen ihre Sachen holen. Letztendlich hingen wir noch vier Stunden im Backstage rum, weil wir so viel gequatscht haben. Als wir Hunger bekommen haben, hat einer der Jungs Burger und Milch­shakes gekauft.“.

Am Wochenende öffnen sich die Party-Pfor­ten gegen 23 Uhr – wer die 5 € Eintritt zahlt und mindestens 18 Jahre alt ist, darf rein. Generell sieht es die Türpolitik nicht vor, Menschen aufgrund ihres Aussehens oder der Herkunft auszuschließen. „Bis auf Sexisten oder Nazis ist hier jeder Willkommen – auch Flüchtlinge! Anzugträger stoßen hier mit Punkern an und Dr. Martens tanzen neben High Heels. Unser Türsteher-Chef Finn leis­tet ganze Arbeit. Innerhalb von Sekunden trif­ft er die richtige Entscheidung, ob er jeman­den durchlässt oder nicht – generell gab es hier noch nie Stress!“, freut sich Fenja. Nachdem der letzte feierwütige Gast im Morgengrauen die Tanzfläche verlässt, wird diese grob gesäubert, damit das Team um 8 Uhr morgens Feierabend machen kann. Dabei fanden sich schon die skurrilsten Dinge wie­der: „Von BH‘s über Schuhe bis hin zu Strumpfhosen oder Jacken, landete schon Einiges in unserer Fundgrube …“.

Das aktuelle Team besteht aus dem Inhaber Andi Schmidt, Mario (41), der für das Booking zuständig ist, den Brüdern Nils (29, Produktion) und Sören (24, Einkauf), Alex­andra, die ebenfalls für den Einkauf und die Pflege des Clubs zuständig ist und Fenja, die sich um die Promotion sowie die Social Me­dia-Kanäle kümmert. Jeden Morgen treffen sich die Jungs und Mädels in der Küche am Tisch und frühstücken zusammen – gemein­sam lassen sie vergangenen Tage Revue pas­sieren und planen die kommenden Veranstal­tungen durch. „Über die Jahre sind wir zu einer großen Familie zusammengewachsen.“.

Auch wenn das Molotow am Nobistor einen tollen Standort hat, so steht der Plan, dass der Club 2021 wieder an den Spielbudenplatz zu­rückkehrt. Dort soll schon bald ein neues Gebäude entstehen!

Und nun erfahren OXMOX-Leser, was ein Ambigramm ist: Wenn man vor dem Laden einen Kopfstand macht, so kann man immer noch einwandfrei das Wort „Molotow“ lesen.

Justine Stock

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