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WARUM BACHELOR/MASTER KRANK MACHEN UND WAS WIR DAHER ÄNDERN MÜSSEN!

Zwischen Anwesenheitspflichten, Fristen und dem Prüfungsterror gegen Ende des Semesters scheint ein gestresster Studien-alltag zur Normalität für viele Studierende geworden zu sein. Zum Ausgleich wird am Wochenende und nach der Prüfungsphase umso heftiger gefeiert und der Körper zwingt einen gelegentlich zu kurzen Verschnauf-pausen, indem man erstmal krank wird. Immer mehr Studierende sagen, sie können sich krank sein nicht leisten und nehmen dagegen Medikamente.

Eine Untersuchung der hat ergeben, dass jede siebte StudentIn Anzeichen für Medikamentenmissbrauch zeige, dies betrifft u. a. Schlafmittel, Beta-Blocker gegen Prüfungsangst oder Ritalin zur Leistungs-steigerung. Zusätzlich ist von 2006 bis 2011 der mit Antidepressiva behandelte Anteil der Studierenden um mehr als 40 Prozent gestiegen. Laut einem Bericht der Techniker Krankenkasse von 2008 bekommen Studierende doppelt so häufig Antidepressiva verschrieben wie Erwerbstätige. An der Uni Hamburg meldet die Psychologische Beratung in ihrem Jahresbericht zu 2013 “dramatisch wachsende Anmeldezahlen”, wobei „depressive Verstimmung“ und Probleme im Studium fünf der sieben am häufigsten genannten Beratungsanlässe ausmachen.1

Dies ist keine hinzunehmende Normalität, mit der man eben klarkommen muss, sondern das Ergebnis eines Studiensystems, das im Zuge des Bologna-Prozesses unter dem Schlagwort „employability“ (Beschäftigungs-fähigkeit) auf die Befriedigung des Erwerbspersonenpotentials für die Wirtschaft ausgerichtet wurde. Studieninhalte sind an ökonomischer Verwertbarkeit orientiert und die bevormundende Verregelung („Allge-meine Berufsqualifizierende Kompetenzen“, Fristen, Anwesenheitspflicht, Credit Points, Pflichtkurse, studienbegleitende Prüfungen, Selektion beim Masterübergang) führte verstärkt dazu, dass Studierende genauso wie Lehrende vor allem zur Erfüllung von Anforderungen und zu Konformität erzogen werden. Hohe Leistungsanforderungen bei gleichzeitig geringer Gestaltungsmöglichkeit der Studieninhalte und -strukturen führen zu erhöhter Stressbelastung: „Danach inves-tierten Studierende in den neuen Studien-gängen in einer typischen Semesterwoche nur geringfügig mehr Zeit in das Studium als ihre KommilitonInnen in den traditionellen Studiengängen. Tiefergehende Analysen offenbarten jedoch, dass die Unterschiede in der Strukturiertheit, in den Möglichkeiten, das Studium zeitlich und inhaltlich interessengeleitet mitzugestalten, zu Disparitäten bei der Stresswahrnehmung zwischen Studierenden der neuen und der traditionellen Studiengänge führen. Erklärungsansätze hierfür bieten Stresstheorien, die auf den engen Zusammenhang zwischen Anforderungen und Entscheidungsfreiheit verweisen und lehren, dass größere Gestaltungsspielräume bei der Bewältigung gesetzter Anforderungen zu höherer Stress-toleranz führen.“2 So haben psychische Belastungen und Depressionen seit der Einführung des Bachelor-Master-Systems massiv zugenommen. Dazu kommen Faktoren, wie die finanzielle und soziale Situation der Studierenden, die Belastung durch Erwerbsarbeit parallel zum Studium und unsichere Berufsperspektiven. Es wird also deutlich, dass psychisches Leiden Ausdruck eines auf Leistungsdruck und Konkurrenz ausgelegten Systems ist und keine krankhafte Reaktion vermeintlicher „Leistungsversager“ mit individuellen Unzulänglichkeiten.

Das Sozialreferat des AStA der Uni Hamburg plant dazu im Wintersemester eine Veranstaltungsreihe zum Thema Medikamentenmissbrauch, Stressbelastung und psychische Erkrankungen und wie wir gemeinsam aus dem gestressten Studienalltag ausbrechen können und ein humanes Studium verwirklichen können. An den Hochschulen muss es aus Sicht der Studierenden zentral darum gehen, die Leistungsideologie und das Konzept der unternehmerischen Hochschule zurückzudrängen und in diesem Sinne das Studium zu entrestriktionieren sowie mit sinnvollen Inhalten zu füllen. In der aktuellen Studienreform ist es auf studentische Initiative hin bereits gelungen, erste positive Schritte zur Entrestriktionierung zu gehen – z. B. die weitgehende Zurückdrängung von Fristen und Anwesenheitspflichten – was Zwang und Druck im Studium verringert. Es geht nun erweitert um eine Demokratisierung der Universitäten und ein interessengeleitetes Studium, das darauf gerichtet ist, sich mit gesellschaftlich relevanten Fragestellungen auseinanderzusetzen und die Verfügungs-möglichkeiten über die Lebens- und Studienbedingungen aller dadurch zu steigern, statt Arbeitskräfte für die Wirtschaft zu produzieren, die dann auch im Arbeitsleben zunehmend durch psychische Erkrankungen ausfallen. Gemeinsam gelingt dann auch eine wirkliche Bearbeitung des Problems von Stress und psychischer Belastung im Studium, die gegen die Individualisierung gesellschaftlicher Probleme gerichtet ist. Dies kann nur solidarisch gelingen; wer hingegen im Einzelkampf versucht, seine Unzu-friedenheit mit erhöhter Einsatzbereitschaft zu beantworten, brennt aus und passt sich nur der stetigen Überforderung an. Was ist also eine adäquate Antwort auf die kulturell vermittelte Leistungsideologie? Ist das gemeinsame Wirken dafür zusätzliche Belastung oder Befreiung?3 Dies wollen wir im Rahmen der Veranstaltungsreihe gemein-sam mit allen Interessierten diskutieren.

INTERVIEW MIT MARTIN SIEVERT

Was ist deine Aufgabe im AStA?

Seit Juni dieses Jahres bin ich Referent für Hochschulpolitik im AstA. Ich bin also für die studentische Einflussnahme in Politik und Universität verantwortlich. Bei Problem-stellungen oder Ungereimtheiten, beispiels-weise wenn es um die Finanzpolitik des Senates geht, versuchen wir die studentische Perspektive möglichst laut und mit Nach-druck zu vertreten. Immer mit dem Ziel, Ver-besserungen für die Studierenden zu erreichen.

In den Medien hat man in den letzten Wochen häufiger den Begriff „BaföG-Millionen“ gehört. Worum geht es dabei und was ist der Konflikt?

Die Bundesregierung hat beschlossen die Struktur des BAföG zu verändern: Zum einen wurde die Höhe der Unterstützung gesteigert, zum anderen übernimmt der Bund den finanziellen Anteil der Bundesländer. Bisher haben diese nämlich 35 Prozent der Aus-gaben selber bezahlt, nun fließen sie in die Landeshaushalte zurück. In Hamburg sind das 38 Millionen. Diese könnte man natürlich in die Hochschulen investieren, allerdings lässt der künftige Haushalt erkennen, dass das Geld in die Hamburgischen Schulen investiert wird. Das hat für viel Ärger gesorgt, denn die Hochschulen in Hamburg sollen in den kommenden Jahren aufgrund fehlender Haushaltsmittel weniger Geld bekommen.

Wie Positioniert sich der AStA in diesen Auseinandersetzungen?

Wir sind der Auffassung, dass dieses Geld zweckgebunden ausgegeben werden muss – also für Schulen und Hochschulen. Da der Anteil der BAföG-Gelder, der an Studierende geflossen wäre, 30,3 Millionen Euro beträgt, sind wir der Meinung, dass diese Summe den Hochschulen zusteht.

Präsident Lenzen sprach von „ Ruinen, die sich hier Universität nennen“. Wie steht der AStA zum Thema Unterfinanzierung der Hochschulen?

Es ist tatsächlich so, dass der Bauabteilung der Universität beinahe 640 Millionen Euro für Sanierungen an den Gebäuden fehlen. Für uns ist völlig unverständlich, dass der SPD-Senat den Hochschulen und der Wissenschaft keinerlei Priorität zuspricht. Hochschulen sind gesellschaftliche Akteure, sie beeinflussen die Entwicklung der Menschen und der Stadt. Der Politik scheint das egal zu sein. Alles was nicht von selbst mit der Wirtschaft zusammenarbeiten will, wird gekürzt. Eigentlich ganz simpel. Allerdings sind die Hoch-schulen nicht für die Interessen der Wirtschaft gebaut. Um von dieser wirklich unabhängig zu sein müssen die Hochschulen ausfinanziert sein. Drittmittelabhängigkeit sichert weder das Bestehen der Hochschulen in Hamburg noch die positive Entwicklung der Gesellschaft. Die ausreichende Finan-zierung der Hochschulen ist dafür aber essentiell.

Im Herbst sind Haushaltsverhandlungen des Senats und im Frühjahr Bürgerschaftswahlen, was plant der AStA vor diesem Hintergrund?

Der AStA wird die Vorgänge akribisch begleiten und aufarbeiten. Das Wichtigste wird sein, dass die mediale Öffentlichkeit für diese Probleme vorhanden bleibt. Öffentlichkeit generiert Druck auf die Politik. Druck auf eine derart desolate Regierung könnte positive Auswirkungen haben. Wir erarbeiten derzeit einen Aktionsplan für den kommen-den „Heißen Herbst“. Besonders in Bezug auf den kommenden Wahlkampf wird der AStA die Interessen der Studierenden mit lauter Stimme vertreten.

Was würdest du machen, wenn du Wissenschaftssenator wärst?

Die Interessen der Hochschulen und der Wissenschaft achten und durchsetzen. Zu-allererst ausfinanzierte Hochschulen, ein neues Hochschulgesetz und die Wahrung der Hochschulautonomie, auch durch eine gemeinsam mit allen Universitätsmitgliedern entwickelte Strategie für die positive Entwicklung der Universitäten. Eine sinnvolle und nachvollziehbare Politik eben.

Was braucht es um eine Universität der Nachhaltigkeit zu werden? Über die Strategieentwicklung der Hamburger Hoch-schulen wurde in den letzten Monaten viel debattiert. Zuletzt forderten die Hochschulen einen partnerschaftlichen Dia-log mit der Behörde für Wissenschaft und Forschung und beispielsweise. einen neuen Versuch einer “produktive[n] Auseinandersetzung über strategische Wissenschaftsentwicklung in der Stadt” (Stellungnahme des Akademischen Senats der Uni Hamburg, 4.9.14). Die Universität Hamburg verschreibt sich in ihrem Leitbild einer ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltigen Entwicklung. Aber was heißt das und wie kann das umgesetzt werden? Außerdem ist der Campus Lebensraum vieler Universitätsmitglieder – diese hinterlassen ih-re ökologischen Fußabdrücke. Für eine kritische Reflektion über den Anspruch der Universität Hamburg als „Universität der Nachhaltigkeit“ ist es notwendig, dass bekannt wird, welche Ressourcen in welchem Umfang verbraucht werden. Dafür ist eine regelmäßige Berichterstattung und somit Datenerhebung essentiell. Dazu gehört auch, dass innerhalb der Universität Hamburg umweltschonendes Verhalten gefördert wird und Kriterien entwickelt werden, was Nachhaltigkeit in der Universitätsverwaltung bedeutet. Es ist sinnvoll diese immer wieder kritisch zu hinterfragen und weiterzu-ent-wickeln, so kann beispielsweise durch Restmüllreduzierung, Mülltrennung oder Ein-sparen von Energie Geld frei werden.

Die Reduzierung des ökologischen Fußab-druckes der Universität Hamburg entspricht nicht nur ihrer Verantwortung als gesell-schaftliche Akteurin, sondern spart auch noch langfristig Geld. Unabhängig davon müssen Bund und Länder endlich begreifen, dass eine Ausfinanzierung der Hochschulen unum-gänglich ist. Die nachhaltige Entwicklung der Universität Hamburg wurde in einem Bottom-Up-Prozess von Studierenden ange-stoßen. Studierende sind an vielen Hoch-schulen in einer Schlüsselrolle zur Verän-derung durch ihr kritisches Denken und neue Ideen. Dafür braucht es aber eine neue Kultur der gegenseitigen Wertschätzung an Uni-versitäten. Es braucht außerdem ein Studium mit mehr Selbstbestimmung, einem deut-lichen Abbau des studienbedingten Stresses und mehr Freiräumen für studentisches Engagement. Auch infrastrukturelle Unter-stützungen sind nötig. Die Universität Hamburg hat noch einen weiten Weg der nachhaltigen Entwicklung vor sich, für die eine breite Beteiligung unerlässlich ist. Organisiert euch, bringt euch ein, gestaltet mit. Gemeinsam können wir die Universitäten und damit die Gesellschaft in diesem Sinne verändern.

Der AStA ist Teil der Verfassten Studierendenschaft und wird einmal jährlich vom Studierendenparlament gewählt. Im Semesterbeitrag ist ein Teil für die Verfasste Studierendenschaft vorgesehen, dieses Geld wird vom AStA verwaltet. Der AStA ist Interessenvertretung der Studierendenschaft und vertritt die Studierenden in der Universität, der Öffentlichkeit und gegenüber der Politik und unterstützt sie bei Problemen im Studienalltag.

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