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Exklusiv-Interview Richard Kruspe

Ich musste aus dem

Rammstein-Kosmos ausbrechen

Richard Kruspe (54) prägt mit seinen wuchtigen Gitarrenriffs seit mehr als 25 Jahren den Sound von Rammstein. Bei seinem eigenen Projekt Emigrate arbeitet der Gitarrist, Sänger und Songschreiber ebenfalls mit Rammstein-Frontmann Till Lindemann zusammen.

Richard Kruspe: Ich hatte eine harte Zeit. Nach unserer Stadiontour bin ich in ein Loch gefallen. Wenn man bei Konzerten mit Rammstein jeden Tag zu hören bekommt, wie großartig man ist, entwickelt man eine Art Abhängigkeit. Daraus folgte, dass ich vor der Pandemie das erste Mal in meinem Leben keine Motivation hatte, überhaupt über Musik nachzudenken. Ich musste mich dann in die Vergangenheit bewegen, um mich wieder selbst zu finden. Und dabei stieß ich auf alte Songs, die ich schön fand. Für mich ein ganz wichtiger Prozess, um überhaupt wieder Musik zu machen.

So wie das Album „The Persistence Of Memory“ (Die Beständigkeit der Erinnerung) heißt auch ein Gemälde von Salvador Dalí. Ein Zufall?

Nein. Ich fand diesen Namen und dieses Bild so treffend für die Zeit, in der ich mich gerade bewegt hatte. Diese Dringlichkeit der Erinnerung brauchte ich, um das gleichnamige Album zu schreiben … Die Musik muss mich so berühren, dass ich Bilder in meinem Kopf habe. Die können auch abstrakt sein. Das passiert bei mir beim Schreiben und beim Mixen ganz extrem.

Welche Bilder hattest du bei dem düsteren „Blood Stained Wedding” (Blutbefleckte Hochzeit) im Kopf?

Ich hatte bei diesem Song Bilder aus dem Film „I Am The Legend“ im Kopf, in dem Will Smith alleine durch die Straßen New Yorks geht. „Ich bin der letzte Überlebende dieser Welt“. Ich schreibe oft intuitiv über Dinge, die ich sehe oder verarbeite. Es muss nicht immer tagespolitisch sein. Manchmal kommen diese Themen auch wieder zurück … Die komplette Isolation hatte ich persönlich schon vor der Pandemie. Als sie begann, war das Isoliertsein für mich also gar nichts Neues. Sich mit sich selber zu beschäftigen ist etwas, das einsam macht. Logischerweise hat das immer Texte oder Musik zur Folge.

Freeze My Mind“ ist einer der ersten Emigrate-Songs überhaupt, entstanden 2001.

Ja. Er entstand in einer Zeit, in der ich das Gefühl hatte, ich müsste aus dem Rammstein-Kosmos ausbrechen, um eine Balance zu kreieren. Damals brauchte ich Distanz, um mich selbst zu definieren und entwickelte den Wunsch nach etwas Eigenem. Ich will immer neue Wege gehen. Heute Morgen beim Duschen fragte ich mich, wann wohl die nächste musikalische Revolution kommt. Ich weiß nicht, ob das je passieren wird. Rockmusik war ja in den 60er und 70er Jahren der Sound der Revolution. Später kam die Rave-Techno-Elektro-Welle. Die Rebellion des Hip-Hops habe ich dann gar nicht mehr so richtig verstanden.

Emigrate ist ein Ausgleich zu deiner künstlerischen Arbeit mit Rammstein.

Ich brauchte diesen Ausgleich. Durch Rammstein habe ich gelernt, dass das große Ganze wichtiger ist als das eigene Ego. Auf der anderen Seite habe ich auch eine Vision. Die kann man in einer Demokratie nicht unbedingt durchsetzen. Das konnte ich nur in meiner eigenen Welt tun.

Till Lindemann gehört ebenfalls zur Emigrate-Familie. Bei dem Cover „Always On My Mind” hat er den Leadgesang übernommen. Ist Lindemann deine Muse, die dich immer wieder zu neuen Songs inspiriert?

Jein. Till ist logischerweise Teil meines Lebens. Die ursprüngliche Idee war, dass Till und ich als Emigrate etwas zusammen machen wollten. Damit hatte die Band verständlicherweise ein Problem. Die Elvis-Nummer hatte eigentlich nichts mit Till zu tun. Vor Jahren wollte unsere Plattenfirma ein Album mit Elvis-Songs machen. Ich fand Elvis´ Stimme unglaublich spannend und fing an, an dem Song „Always On My Mind“ zu arbeiten. Später habe ich dann überlegt, wer es noch singen könnte.

Und dann kamst du auf Till Lindemann?

Das war erst im letzten Moment. Till hat eine sehr spezielle Stimme und sagte sofort zu. Ich habe dann selber noch dazu gesungen, was sehr emotional ist … Es ist spannend, das, was musikalisch in dir steckt, in ein Cover einzubringen.

Ist ein gutes Cover so arbeitsintensiv wie ein gänzlich neuer Song?

Auf jeden Fall. Manchmal sogar noch arbeitsintensiver. Als Rammstein „Stripped“ von Depeche Mode coverten, war das für uns schwieriger, als einen neuen Song zu schreiben. Weil man sich immer in einer Balance zwischen dem Original und seiner eigenen Trademark bewegt.

Freust du dich besonders, wenn auch die Originalkünstler an deinen Neufassungen Gefallen finden?

Im Fall von Elvis ist das schwierig. Das letzte Rammstein-Cover stammt von Balbina. (Anm.: „Sonne“) Das fand ich echt gut. Ich habe es auf Radio Eins gehört, wo es rauf und runter gespielt wurde. Auch auf dem neuen „Black Album“ sind ein paar extrem gute Metallica-Cover enthalten.

Hast du in deinem Archiv noch Emigrate-Songs aus der Anfangszeit mit Till Lindemann gefunden?

Nein. Der Grundbaustein war damals der Song „Don’t Die Before I Do“. Den haben wir später auch mit Rammstein und Sharleen Spiteri für das Album „Rosenrot“ aufgenommen. Danach habe ich Emigrate allein weiterbetrieben. Und das neue Album schließt eine Ära ab. Ich würde mich gern mal in eine komplett andere Richtung bewegen. Ich spiele gern Klavier und elektronische Instrumente, weil für mich auf der Gitarre nichts mehr Neues passiert.

Bei Emigrate hast du auch mit Lemmy Kilmister von Motörhead gearbeitet. War das spannend?

Na logisch! Die Idee war, gerade mit Menschen, die ich verehre, etwas zu machen. Mit Lemmy war es ein ganz spezieller Moment kurz vor seinem Tod. Obwohl er schon sehr krank war, hat er mitgemacht. Gerade wenn man wie ich im Osten groß geworden ist und bestimmte Musiker idealisiert hat, fühlt man sich in solch einem Moment, als kämen Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen.

Wie lief damals die Zusammenarbeit mit Lemmy ab?

Ich habe ihm den Song geschickt und er hat drauf gesungen. Lemmy war ein Urgestein.

Ende der 80er beantragten Till Lindemann und du mit eurer damaligen Band First Arsch eine Spielerlaubnis, um in der DDR öffentlich auftreten zu dürfen. 

Das war die Zeit der Rebellion, wo sich auf einmal Punkbands zusammentaten. In Schwerin kam der Punk relativ spät an. Wer im Osten Musik machen wollte, brauchte ein Studium. Dass man einfach eine Gitarre in die Hand nimmt und drauflosspielt – mit diesem Gedanken musste man sich erst einmal anfreunden. Bei First Arsch haben wir drauflosgedroschen und Emotionen rausgelassen. Till am Schlagzeug und ich an der Gitarre sind ohne zu proben auf die Bühne gegangen. Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt Musik war, aber das Publikum fand es super geil. Weil es einfach anders war. Eine Befreiung von Staat und Gesellschaft.

Worüber wurde damals gesungen?

Es gab bei First Arsch keine Texte. Unser Bassist hat einfach Laute herausgestoßen. Es war eine super spannende Zeit. Ich war vier Jahre auf dem Konservatorium, wo ich Jazzgitarre gelernt habe. Und ich brauchte weitere vier Jahre, um das alles wieder zu vergessen. Musik, die intuitiv passiert, ist nicht an einem Reißbrett zu machen. Im Nachhinein benutze ich natürlich auch Teile der klassischen Musik, um Dinge zu verstehen. Aber für diese Art von Emotionen braucht man kein Studium.

2022 gehen Rammstein auf Europa-Tour.

Man tut ja immer gerne Dinge, die man lange nicht getan hat. In der Pandemie habe ich am meisten vermisst, selbst auf Konzerte zu gehen.

Rammstein live in Hamburg:

14. + 15.06.2022 im Volksparkstadion

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