Wer KAMELOT schon seit den späten Neunzigern begleitet, muss über die grundlegenden Qualitäten dieser Band kaum noch diskutieren. Spätestens mit „Siege Perilous“ (1998) und dem ein Jahr später veröffentlichten „The Fourth Legacy“ begann sich jene charakteristische Handschrift herauszukristallisieren, die KAMELOT anschließend immer weiter verfeinerten. Über die Jahre wurden die Arrangements größer, die Atmosphäre dunkler und der symphonische Anteil größer, ohne dass die in Florida beheimateten Amerikaner ihre Wurzeln im melodischen Progressiv Power Metal vollständig aufgegeben hätten.
Genau dieses Spannungsfeld ist bis heute entscheidend. KAMELOT funktionieren immer dann am besten, wenn drei Komponenten miteinander harmonieren: griffiges Metal-Songwriting mit starken Melodien, die typische melancholisch-düstere Atmosphäre und ein orchestraler Überbau, der gerne gewaltige Dimensionen annimmt. Gerät einer dieser Faktoren zu stark in den Vordergrund, droht die Musik entweder zu glatt, zu behäbig oder schlicht überladen zu wirken. Auf „Dark Asylum“ stimmt die Mischung erfreulich oft.
Dabei macht es die Band dem Hörer konzeptionell nicht gerade einfach. Die ehrmalige Anstalt ‚RavenHill‘ bildet den Mittelpunkt der Geschichte – ein Gebäude mit Vergangenheit als Kathedrale und psychiatrische Anstalt, das irgendwo zwischen realem Ort, Alptraum und psychologischem Sinnbild angesiedelt ist. Der Protagonist durchquert verschiedene Bereiche dieses Gemäuers, die wiederum unterschiedliche emotionale und geistige Zustände repräsentieren. Verzweiflung, Angst, Orientierungslosigkeit, Hoffnung und Euphorie werden dabei ebenso aufgegriffen wie die Suche nach Erlösung. Entsprechend deutlich sind die religiösen und spirituellen Untertöne. Auf dem Papier klingt das zunächst nach ziemlich schwerem Gepäck. Glücklicherweise haben KAMELOT nicht den Fehler gemacht, das Konzept über die Songs zu stellen.

„Dark Asylum“ bleibt in erster Linie ein Metal-Album. Und zwar ein ziemlich gutes.
Die orchestralen Elemente werden zwar massiv eingesetzt aber ohne Gitarren, Rhythmussektion und Gesang permanent unter sich zu begraben. Gerade in den stärkeren Momenten gelingt der Band jene Verbindung aus Härte und theatralischer Größe, die seit Jahren zu ihren wichtigsten Trademarks gehört. Chöre, Keyboards und symphonische Arrangements liefern nicht nur Hintergrunddekoration, sondern sind wesentliche Bestandteile der Kompositionen. Trotzdem besitzen die Songs genügend metalgerechtes Fundament, um nicht zum einfachen, verkappten Soundtrack zu werden.
Hinzu kommt die typische KAMELOT-Melancholie. Selbst dort, wo das Tempo angezogen wird, liegt häufig eine gewisse Schwere über den Melodien. Genau dieser Kontrast funktioniert aber bisher immer hervorragend, so auch – erfreulicherweise- auf Dark Asylum. Die Musik kann groß und beinahe triumphal klingen und gleichzeitig eine unterschwellige Düsternis transportieren. Das beherrschen nur wenige Bands dieser Stilrichtung ähnlich überzeugend.
Die verschiedenen Gastvokalisten passen ebenfalls sinnvoll ins Konzept. Statt lediglich für zusätzliche Namen im Booklet zu sorgen, übernehmen sie unterschiedliche Rollen innerhalb der Geschichte und erweitern dadurch das Klangbild, wie zum Beispiel Clémentine Delauney (Visions Of Atlantis) bei “Sanctuary” oder Avantasia–Mastermind Tobias Sammet in „One Last Masquerade“, wo er mit vollem Talent glänzen kann. Besonders beeindruckend ist auch Lea-Sophie Fischers (Eluveitie) Violinenspiel, das nicht besser mit dem fulminanten Gesang von Rannveig Sif Sigurðardóttir (u.a. Zusammenarbeiten mit Luca Turilli, Aina, After Forever) und Sólveig Sara Leupold harmonieren könnte. Diese vollständig auf isländisch gesungene Ballade stellt nicht nur ein Novum für Kamelot dar sondern auch einen atmosphärischen Höhepunkt des Albums.
Gerade bei einem derart stark auf Atmosphäre und Dramaturgie ausgerichteten Album ist dieser Einsatz der Gäste wesentlich effektiver, als sämtliche Perspektiven mit einer einzigen Stimme abzubilden. Entscheidend bleibt am Ende aber die Qualität der einzelnen Songs. Und hier hat „Dark Asylum“ einige echte Schwergewichte zu bieten.
Allen voran „Ashen World“. Als Opener erfüllt die Nummer praktisch sämtliche Anforderungen, die man an einen starken KAMELOT-Song stellen kann: prägnante Melodieführung, ordentlich Druck, große Arrangements und einen Refrain, der hängen bleibt, ohne nach billigem Kalkül zu klingen. Das Stück setzt die Messlatte früh verdammt hoch.
„Godlike Alchemy“ schlägt stärker in die emotionale Richtung und lebt von seiner Atmosphäre sowie einem ausgezeichnet aufgebauten Spannungsbogen. Hier zeigen KAMELOT besonders eindrucksvoll, dass ihre Stärke eben nicht nur in Bombast und großen Refrains liegt. Die Band versteht es nach wie vor, Melancholie in Melodien zu übersetzen, ohne dabei in kitschige Gefilde abzurutschen.
„Kaleidoscope“ gehört dagegen zu den unmittelbarsten Nummern der Platte. Das höhere Tempo tut dem Album an dieser Stelle ausgesprochen gut und erinnert daran, dass unter sämtlichen orchestralen Schichten noch immer eine Power-Metal-Band steckt. Ein Song mit Zug, starken Hooks und genügend Energie, um auch auf der Bühne funktionieren zu können.
Wer „Dark Asylum“ zunächst testen möchte, sollte genau bei diesen drei Stücken anfangen.
Vor allem im vorderen Mittelteil wird aber deutlich, dass KAMELOT manchmal etwas zu sehr in ihren eigenen Arrangements aufgehen. Einige Passagen werden länger ausgespielt, als es musikalisch notwendig wäre. Das ist keineswegs schlecht komponiert, nimmt dem Album aber zeitweise den Zug. Gerade bei einer derart detailreichen Produktion wäre etwas mehr Straffung hilfreich gewesen. Nicht jede atmosphärische Idee braucht zwingend noch eine zusätzliche Wiederholung oder einen weiteren orchestralen Unterbau.
Das ist ein bekanntes Risiko dieser Art von Musik: Bombast funktioniert am besten, wenn ihm genügend Kontrast gegenübersteht. Wird permanent auf mehreren Ebenen arrangiert, verliert selbst das größte Orchester irgendwann seine Wirkung.
„Dark Asylum“ entgeht dieser Falle meistens – aber eben nicht immer.

Der zweite Kritikpunkt betrifft das Finale. Angesichts der konzeptionellen Anlage und des dramaturgischen Aufbaus wartet man eigentlich darauf, dass KAMELOT am Ende sämtliche Schleusen öffnen. Ein letzter großer Refrain, orchestraler Ausnahmezustand, vielleicht noch einmal die verschiedenen Stimmen zusammenführen – irgendetwas, das Ravenhill mit einem gewaltigen Schlussbild verlässt oder sogar vielleicht mit einem Riesenknall einstürzen lässt. Leider kommt dieser Moment nicht.
Statt eines monumentalen Höhepunkts klingt das Album vergleichsweise unspektakulär aus. Man kann das zwar als bewusste dramaturgische Entscheidung verteidigen. Vielleicht soll ja die Geschichte gerade keine eindeutige Auflösung bekommen. Aus rein musikalischer Sicht fehlt dadurch allerdings ein letzter Wirkungstreffer. Nach allem, was zuvor aufgebaut wurde, hätte ein kompromissloses Finale „Dark Asylum“ noch einmal auf eine andere Ebene heben können. Das ist schade, weil die Platte ansonsten erstaunlich wenig Angriffsfläche bietet.
Vor allem langjährige KAMELOT-Hörer dürften sich schnell zurechtfinden. Die Band versucht nicht, ihre Vergangenheit zu kopieren, verleugnet sie aber ebenso wenig. Wer die Entwicklung von „Siege Perilous“ und „The Fourth Legacy“ über die großen Alben der folgenden Jahre verfolgt hat, erkennt viele bekannte Bestandteile wieder. Sie werden lediglich mit der Erfahrung einer Band umgesetzt, die ihren eigenen Stil inzwischen bis ins kleinste Detail kennt. Genau darin liegt gleichzeitig Stärke und Gefahr von KAMELOT. Eine Band mit einer derart klar definierten musikalischen Identität läuft immerwieder Mal Gefahr zum Gefangenen der eigenen Ästhetik zu werden. „Dark Asylum“ zeigt jedoch dankeswerterweise, dass diese Gefahr – wie bisher immer – umschifft werden konnte. Was andere Bands an dem selben Punkt eben nicht schaffen. Die Amerikaner jedoch, bewegen sich weiterhin überzeugend innerhalb ihres selbst geschaffenen Rahmens und finden genügend Variationen, um nicht wie ihre eigene Tribute-Band zu klingen.
Natürlich gibt es größere Chöre. Natürlich gibt es orchestrale Steigerungen. Natürlich gibt es melancholische Passagen, dramatische Gesangslinien und jene typisch dunkle Eleganz, die man bereits nach wenigen Takten als KAMELOT identifizieren kann.
Aber genau deshalb hört man diese Band schließlich, oder?
„Dark Asylum“ erfindet KAMELOT nicht neu und muss das auch gar nicht. Stattdessen liefert die Band ein aufwendig komponiertes, hervorragend inszeniertes und über weite Strecken starkes Symphonic-Power-Metal-Album, dessen beste Songs problemlos neben etabliertem Material bestehen können. Die kleineren Längen im Mittelteil und ein Finale, dem der letzte große Knall fehlt, kosten letztlich die Spitzenwertung.
Und wie bei den besseren Veröffentlichungen der Amerikaner gilt auch diesmal: Ein Durchlauf reicht nicht. Hinter den offensichtlichen Hooks stecken genügend Details, Arrangements und kleine melodische Ideen, um „Dark Asylum“ über längere Zeit interessant zu halten.
Wertung: 8,5/10
Anspieltipps: „Ashen World“, „Sanctuary“, „Beneath the Moon (Tunglið)“, „Godlike Alchemy“, „Kaleidoscope“
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