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Black Sabbath: Vom Monster zum Mainstream

Vom Monster zum Mainstream

Vor 50 Jahren hat Ozzy Osbourne mit Black Sabbath dem Heavy Metal zum weltweiten Siegeszug verholfen. Sein Leben ist und bleibt ein Tanz auf dem Vulkan: Nach mehreren krankheitsbedingten Rückschlägen will er sich im November 2020 endgültig von seinem Publikum verabschieden

Ozzy Osbourne hat den Übergang vom Hardrock zum Heavy Metal entscheidend geprägt. Vor 50 Jahren legte der Sänger mit Black Sabbath den Grundstein für ein neues Genre – und wurde belächelt und verkannt. „Eine von vielen bösen englischen Gruppen, die eine Menge unverdauten Blues und schwere, tausendmal gehörte Gitarrenriffs in den Raum schmeißen“, urteilte das deutsche Magazin Sounds 1970 über das erste Heavy-Metal-Album in der Geschichte der Rockmusik. Der Horrorfilm „Black Sabbath“ mit Boris Karloff diente als Namensgeber für Band und Platte. Für den Rolling Stone klang die monotone Musik, die in der tristen Stahlarbeiterstadt Birmingham entstanden war, „genau wie Cream! Aber schlechter“.

Die Sichtweise auf die Band hat sich im Lauf der Zeit immens gewandelt. Für den Metal Hammer etwa haben die düsteren Riffs von Riff-Gott Tony Iommi bis heute nichts von ihrer magischen Anziehungskraft verloren.

In den vergangenen 50 Jahren hat kein anderer Rockstar so viele Krankheiten, Unfälle und Überdosen überlebt wie der stets in schwarz gekleidete Ozzy Osbourne. 2018 musste er seine Abschiedstournee wegen einer Lungenentzündung das erste Mal verschieben, dann stürzte er schwer in seinem Haus, musste operiert werden und abermals Konzerte absagen. Bei der OP wurden ihm alle Metallstäbe entfernt, die ihm einst nach einem schweren Motorradunfall in den geschundenen Körper gepflanzt wurden. Viel schlimmer jedoch: Er hat die Parkinson-Krankheit. Nichtsdestotrotz will der Sänger an seinen Tourplänen für November 2020 festhalten. Derzeit arbeitet er daheim in Kalifornien mit Fitness-Trainern, macht Pilates, lässt sich massieren und wird von Krankenschwestern betreut. Sein Sohn Jack verspricht: Ozzy Osbourne wird wieder zu seinem zynischen alten Ich. “Wenn im Fernsehen alles scheisse und im Haus alles kaputt ist, dann ist er in einem guten Zustand“.

Der Urgroßvater des Heavy Metal erblickt am 3. Dezember 1948 als John Michael Osbourne im englischen Städtchen Aston das Licht der Welt. Als Elfjähriger wird er von älteren Schülern sexuell gedemütigt und unsittlich begrapscht. Dass eine seiner drei Schwestern Zeuge dieser Vorfälle ist, macht für ihn alles noch schlimmer. Das Trauma verarbeitet er viele Jahre später mit Hilfe eines Therapeuten und in blutrünstigen Bühnenorgien.

Nach der Schulzeit jobbt der fanatische Beatles-Fan in einem Schlachthaus. Um dem Frust zu entkommen, gründet er die Bluesband Polka Tulk, die sich alsbald in Earth umbenennt. Der Bassist Geezer Butler, der Gitarrist Tommi Iommi, der Schlagzeuger Bill Ward und der Sänger John Osbourne, der von allen Ozzy genannt wird, spielen praktisch an jeder englischen Straßenecke und stranden im Hamburger Starclub. Dort brechen sie 1967/68 den Auftrittsrekord der Beatles als Hausband.

Geezer Butler, der ein großer Fan der Romane des britischen Autors Dennis Wheatley ist, die sich um Satanismus und schwarze Magie drehen, schlägt 1969 den Namen Black Sabbath vor. Die Band, die regelmäßig neben einem Horrorkino probt, hat schnell einen eigenen Stil entwickelt: Iommis schwere Gitarrenriffs verschmelzen mit Butlers düsteren Texten und Osbournes kehliger Raspelstimme zu einem okkulten Gemisch. Das Debütalbum „Black Sabbath“ erscheint am Freitag, dem 13. Februar 1970 und bringt Ozzy Osbourne umgerechnet 150 Euro ein. Daddy Osbourne kommentiert den Meilenstein des Heavy Metal mit den Worten: „John, bist du sicher, dass du nur Bier trinkst?“ Nichtsdestotrotz gießt er auf der Arbeit Kreuze aus Aluminium für den Filius und dessen Freunde. Seitdem wird Heavy Metal immer wieder mit religiösen Symbolen assoziiert. Im Frühjahr 1971 erobern die Briten mit der Single „Paranoid“ die deutschen Charts. „Das Böse zieht die Menschen magisch an, ebenso aber auch das Verrückte“, resümiert Osbourne.

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Ende der 1970er Jahre lernt der geschiedene Ozzy Sharon Arden kennen, seine große Liebe und Managerin. Bis dahin gelingen Black Sabbath mit „Iron Man“, „Sabbath Bloody Sabbath“ und „Am I Going Insane (Radio)“ weitere Hits. An deren Entstehung vermag sich der drogenaffine Sänger heute kaum mehr zu erinnern. „Ich habe diese Form von Musik nicht bewusst erfunden”, gesteht er dem Verfasser diese Zeilen im Interview. “Keine Ahnung, wie mir die Melodie zu ‚Black Sabbath’ damals eingefallen ist. Das war wahrscheinlich meiner Leidenschaft für die Beatles und zeitgenössischen Bluesbands wie John Mayall, Fleetwood Mac und Savoy Brown geschuldet.“ Andererseits hat sich sein erster Kokain-Rausch unauslöschlich in sein Hirn eingebrannt: „Ich hatte das Gefühl, darauf mein ganzes Leben gewartet zu haben. Diesem Kick jagt man fortwährend nach. Er lässt sich aber nicht wiederholen.“

Aus Angst, eines Tages in einem Sarg von der Bühne getragen zu werden, trennt sich der „Madman des Rock’n’Roll“ 1979 von Black Sabbath. Seine Solokarriere mit dem begnadeten Heavy-Metal-Gitarristen Randy Rhoades im Rücken startet fulminant. Als bis dahin einziger Künstler hält Osbourne mit vier verschiedenen Alben gleichzeitig Einzug in die US-Billboard-Charts.

Jenseits des Rampenlichts liest sich sein Leben wie eine Folge von apokalyptischen Ereignissen. Als Hobbypilot Rhoades in einem Leichtflugzeug den Bandbus zu umsegeln versucht, passiert ein tragischer Unfall, der ihn das Leben kostet – während Ozzy selbst mit dem Schrecken davon kommt. Im Glauben, es handele sich lediglich um ein Spielzeug, beißt der Bühnenberserker am 20. Januar 1982 in Des Moines im Cognac-Rausch einer betäubten Fledermaus den Kopf ab. Die anschließenden Tollwutimpfungen sind eine Tortur: „Es fühlte sich an, als injizierte man mir Golfbälle in den Hintern“.

Die Beziehung zwischen Sharon und Ozzy überlebt alle Höhen und Tiefen. Unter ihrer Obhut entwickelt er sich vom Musiker zum Markenzeichen. Seine Shows, die er ab 1997 sporadisch auch wieder mit Black Sabbath bestreitet, bieten einen hohen Unterhaltungswert, selbst wenn seine markante Stimme hin und wieder zu kippen droht. 2001 fädelt Sharon einen spektakulären Deal mit MTV ein: ‚The Osbournes’ mausert sich zur bis dahin erfolgreichsten Doku-Soap des Senders und beschert der schrecklich-schrägen Familie nicht nur einen unglaublichen Popularitätsschub, sondern auch schwerwiegende Probleme: Sohn Jack und Tochter Kelly kämpfen bald mit eigener Drogenabhängigkeit. “Ich hasse es, in der Glotze aufzutreten“, gesteht der Alte Jahre später. „Weder als Ozzy noch als verdammter Wetterfrosch. Aber manchmal lässt es sich einfach nicht vermeiden.“

2005 diagnostizieren Ärzte bei ihm eine Nervenkrankheit, ähnlich dem Parkinson-Syndrom. Seitdem muss er täglich Medikamente gegen seine Zitter-Anfälle schlucken. “Ich habe immer vermutet, es sei der Alkohol und der Stoff. Nun finde ich heraus, dass alles von der Familie stammt. Viele meiner Kollegen und Freunde sind an Drogen- und Alkoholmissbrauch gestorben. Ich hingegen wache morgens immer wieder auf. Als ich 22 war, sagte ich zu einem Freund, dass ich bestimmt mit 40 tot sein werde. Damit konnte ich leben, bis ich 39 ½ war. Ich möchte jedenfalls noch ein bisschen hier bleiben. Bislang ist mir noch niemand begegnet, der zurückkam und sagte: „Hey, Ozzy, es ist wirklich cool auf der anderen Seite!“

Das Jahr 2013 steht im Zeichen von Black Sabbaths Abschied. „Mein Ziel war, zu den Ursprüngen der Band zurückzukehren“, sagt Starproduzent Rick Rubin, der bei dem finalen Album „13“ die Regler bediente. Schon mit dem epischen Eröffnungssong „End Of The Beginning“ wird der Hörer mit einem Paukenschlag zurück ins Jahr 1970 gebeamt. Schleifende und knirschende Gitarrenklänge und ein schwerfälliger, taumelnder Rhythmus sorgen für eine gruselige Stimmung, wie nur Black Sabbath es hinbekommen. Der perfekte Soundtrack für apathische Zustände.

2020 will Ozzy Osbourne auch seine Solokarriere beenden. Der wahrscheinlich einzige Schwermetaller, der jemals einem Navigationsgerät seine Stimme lieh, sagt über sich selbst: “Ich bin kein ernster verdammter Sänger, ich bin einfach ein Frontmann, der versucht, Stimmung zu machen”.

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Olaf Neumann

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