Gedanken am Tresen des Lebens von Henning Wehland

13. März 2017

#1 – 1000 und EINE Umdrehung

„..das ist meine Geschichte und Ihre Entstehung, fast wie im Märchen nur mit 1000 und EINER Umdrehung!“ (aus dem Song „1001 Umdrehung“)

Die richtige Geschwindigkeit ist auch in meinem Leben wohl die höchste Kunst. Ich glaube es gibt keinen aus meiner Generation (Jahrgang 1971), der das Gefühl nicht kennt:

Mal verfolgt es Dich und man denkt, es geht nicht schnell genug. Nix klappt und man hat das Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergeht.

Dann fährt es Dir davon und Du kommst nicht mehr hinterher. Alles ist zu stressig und man wünscht sich nichts mehr als mal wieder richtig zur Ruhe zu kommen.

In der Mitte meines Lebens stelle ich fest, dass es für mich keinen Sinn macht, die Geschwindigkeit des Lebens zu finden. Vielmehr muss ich sie definieren.

Und das geht so:

Mein Leben begann sehr gut behütet in einem Vorort von Bonn. Wie ein großer Dampfer setzte es sich langsam in Bewegung. Mit sieben Jahren bin ich mit meiner Familie nach Münster gezogen. Das war ein erster Einschnitt, aber auch ein tolles Erlebnis. Neue Freunde, Musik, Skateboard fahren, Pubertät und ständig kamen neue Erlebnisse dazu. Je näher das Abitur rückte, desto unruhiger wurde ich. Ein Austauschjahr in den USA 88/89 brachte unglaubliche neue Erfahrungen und erweiterte meinen Horizont. Mit den H-Blockx machten wir uns auf hinter jeden Horizont zu schauen. Konzerte, Platten, Tourneen in der ganzen Welt. Teil einer Bewegung zu sein, die die Schubladen in der Musik aus den Schränken reißen und alles auf dem Boden verteilen wollte.

Aber ständig hatte ich das Gefühl, dass noch etwas auf mich wartet. Also fing ich an bei VIVA2 zu moderieren (1998), gründete ein Startup (2000) und zu allem Überfluss noch einen Nachtclub (2003). Zwischendurch kümmerte ich mich mit meiner Agentur um Musikberatung für Künstler und Unternehmen.

2006 stieg ich fest bei den Söhnen Mannheims ein und tanzte auf mehr Hochzeiten, als man für ein Leben gebrauchen kann. Mein Leben hatte die Höchstgeschwindigkeit erreicht.

Mein Umfeld und meine Familie haben mich nicht selten darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich endlich mal fokussieren sollte. Ich hätte einfach unglaublich viel auf dem Zettel, würde aber nichts „richtig“ machen.

Das kam meistens von Menschen, die mir immer so erwachsen vorkamen. Ich hingegen wartete immer noch auf den Moment, an dem ich erwachsen würde. Ich dachte immer: „Das ist ein bestimmter Tag, an dem verstehst Du wie das Leben funktioniert“.

Es dauerte aber noch sechs Jahre, in denen ich mit Höchstgeschwindigeit auf der Überholspur fuhr. Ich hatte einfach keine Zeit mal an- oder innezuhalten.

Das passierte dann an meinem 42. Geburtstag. Ich hatte ein Auszeit in Venice Beach in Kaliforniern genommen, mir eine 50 Jahre alte Gibson Gitarre gekauft und darauf gewartet, dass mir das Leben etwas erzählt. Und da war er dann, der Tag, an dem ich erwachsen wurde. Mit „The Voice Kids“ hatte ich gerade ein Format gefunden, dass mich inhaltlich und zugegeben auch finanziell mal zur Ruhe kommen ließ. Und diese Ruhe und der Mut zu mir selbst zu kommen, zeigten mir, dass ich aus den Erfahrungen und Erlebnissen ein Fundament bauen konnte. Jetzt galt es darauf etwas aufzubauen.

Bei mir soll es mal eine Bar werden. Der Tresen heißt erstmal jeden willkommen. Hier wird gelacht und geweint, gestritten und getröstet, gefeiert und nachgedacht. Meditiert und zugehört. Am Tresen des Lebens wird geprüft und aussortiert. Was ich für mein Leben gebrauchen kann stelle ich in die Bar. Was mich in meiner Geschwindigkeit aufhält, verstaue ich ordentlich in Kisten im Keller meiner Erinnerungen.

Gedanken auf Bierdeckeln festgehalten, werden zu Seiten in dem Buch meiner Erlebnisse. Hier geht keine Geschichte verloren.

Der Trick war für mich der, dass mein Leben eine Scheibe war, die sich immer schneller gedreht hat. Irgendwann drohte ich die Kontrolle zu verlieren. Ich bin rechtzeitig abgestiegen und habe aus der Scheibe einen Propeller gemacht. Ich kam zur Ruhe und kann mir mein Leben jetzt von oben betrachten. Erwachsen zu werden habe ich mir zwar anders vorgestellt und ab und zu springe ich auch wieder ins Leben und lass mich vom Leben verfolgen.

Ich bin glücklich und mein Leben ist nach wie vor wie ein Märchen. Nur mit 1000 und EINER Umdrehung!

Die erste Episode von Hennings “Der Letzte an der Bar” Youtube-Serie findet ihr übrigens hier.

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