Der Poet unter den Musikern – BOB DYLAN

15. Mai 2017

History Nr. 59

Hippie-Ikone und Rockstar, Nobelpreisträger und Folksänger – Bob Dylan ist ein Chamä­le­on. Mehr als fünf Jahr­zehnte nach Karriere­be­gi­nn ist der bald 76-Jährige (feiert am 24. Mai Geburtstag) noch immer ein ungelüfte­tes Rät­sel

Bob Dylan wird als Robert Allen Zimmer­man im be­schaulichen Duluth, Minnesota ge­boren. Den Künstlernamen nimmt er an, kurz vor seinen ersten Auftritten im New Yorker In-Vier­tel Greenwich Village. Und hier fängt das Mutmaßen an: Stammt der Name von dem wa­li­sischen Schriftsteller Dylan Thomas, den Bob sehr schätzte? Oder ist er eine alternative Schreibweise von Dillon, einer Figur aus der Western-Fernsehserie „Rauchende Colts“? Ist ihm der Name vielleicht einfach so einge­fallen? Diese Erklärungsversuche kommen von Dylan selbst, der dafür bekannt ist, wider­sprüchliche Aussagen zur eigenen Person zu machen. Wel­che Variante auch stimmen mag: In NYC ma­cht er sich schnell einen Namen als großes Ta­lent der Folk-Musik und wird 1961 von Clive Da­vis für Columbia Records entdeckt. Sein De­bütalbum verkauft sich allerdings so schle­cht, dass Verantwortliche der Plattenfirma auf eine Vertragsauflösung drängen.

Zum Glück erkennt Country-Star Johnny Ca­sh das Potential des damals 20 Jahre jungen Dylan und überzeugt das Label, ihm eine zweite Chance zu geben – die nutzt er und veröffentlicht im darauffolgenden Jahr „The Freewheelin‘ Bob Dylan“. Mit dieser Platte gelingt ihm der Durchbruch. Lieder wie „Blo­wing In The Wind“, „Masters Of War“ und „A Hard Rain´s A-Gonna Fall” machen ihn zum Idol der Bürgerrechtsbewegung und zusam­men mit Joan Baez (heute 76) zum Helden des Folkrevivals. Am 28. August 1963 präsentiert Bob seine Protest-Songs im Rahmen des „Mar­ch On Washington“, wenige Minuten bevor Martin Luther King auf derselben Büh­ne seine bekannte Rede „I Have A Dre­am“ hält. 1964 kommen zwei weitere Dylan-Alben auf den Markt. Während „The Times They Are A-Changin‘“ überwiegend politi­sche Lieder enthält, ist „Another Side Of Bob Dylan“ persönlicher und locker­er. Im gleichen Jahr trifft der Songwriter erst­mals auf die Beat­les.

Vor allem John Lennon betonte immer wie­der den großen Einfluss, den Dylan – nach Chuck Berry – auf ihn und seine Musik hatte. Nicht nur musikalisch zeigt Robert Dylan, wie er seit 1962 offiziell heißt, den vier Jungs aus Li­verpool neue Wege: Er ist es auch angeb­lich, der Paul, Ringo, John und George mit Ma­ri­huana vertraut macht und so den psyche­deli­schen Rock der Fab Four möglich macht.

1965: Bob Dylan spielt E-Gitarre und veröf­fent­licht mit Subterranean Homesick Blu­es“ den wahrscheinlich ersten Rap-Song aller Zeiten. Bringing It All Back Home“, das fünfte Studioalbum, ist in zwei Hälften aufge­teilt – auf der ersten, elektrischen wird er von einer Band begleitet, auf der zweiten sind nur seine Stimme, Akus­tik­gitarre und Mundhar­mo­nika zu hören. Viele Vertreter der Folk­bran­che fas­sen seinen musi­ka­lischen Wandel zum kom­merziellen Rock als Verrat auf. Verehrung schlägt in Verachtung um. Am deutlichsten wird dies auf dem Newport Folk Festival: Nach einem bejubelten akus­ti­schen Set bri­n­gt Dylan seine Band auf die Bühne, spielt lau­ten Rock – und wird ausge­buht. Der Le­gende nach war Pete Seeger, Ur­vater der Folkmusik und eines der Idole Dylans, so entsetzt, dass er mit einer Axt die Strom­kabel durchtrennen wollte.

Auch die Texte, die nun nicht mehr an Woody Gut­hrie oder Hank Williams sondern an Allen Ginsberg und Arthur Rimbaud erinnern, sorgen un­ter ei­nigen Fans für Empörung und Enttäu­schung. Doch Dylan lassen diese Re­ak­tio­nen kalt. Unbeirrt verfolgt er den neu einge­schlagenen Weg. Auf seiner Elec­tric-Tour (1965 bis 1966) begleitet ihn The Band: Robbie Ro­bert­­son (73, Ges., Git., Piano), Rick Danko (†, Ges., B. Kontrab., Geige), Levon Helm (†, Ges., Dr., Perc., Mandol.), Richard Ma­nu­el (†, Ges., Key., Piano, Perc.) und Garth Hudson (79, Orgel, Sax.) lernen sich kennen, als sie für Ronnie Hawkins (heute 82, Ges., Piano) in dessen damaliger Gruppe The Haw­ks spielen. Von 1970 bis 1975 veröf­fent­­licht Dylan fünf Al­ben mit The Band (siehe Diskografie).

Am 25. November 1976 feierte The Band unter dem Motto The Last Wal­tz ihr Abschiedskonzert in der Winter­la­nd Halle in San Francisco. Neben 200 Trut­hähnen, 150 kg Lachs und 200 kg Kür­bis – es war Thanksgiving – gab es ein klassi­sch­es Orchester, das Walzer spielte, so­wie profes­sio­nelle Tänzer. Zu den musikali­sch­en Bühnengästen gehörten Bob Dylan, Ringo Starr, Ronnie Hawkins, Dr. John, Neil Young, Joni Mitchell, Van Morrison und Neil Diamond. Die Musiker spielten fünf Stunden la­ng und jammten nach dem Konzert im Hotel weiter: „Das Beste wurde weder gefilmt noch aufgenom­men.“ Das vor­han­dene Material erschien 1978 als Film „The Band – The Last Wal­tz“ unter der Re­gie von Martin Scorsese.

1965 veröffentlicht Bob Dylan mit „High­way 61 Revisited“ sein wohl bekann­testes Album. Der Opener „Like A Rolling Sto­ne“ wurde, trotz der damals unge­wöhn­lichen Länge von sechs Minuten, zur Hit-Single. Auf der selben LP befinden sich mit „Ballad Of A Thin Man“ und dem elfmi­nütigem „De­so­lation Row“ zwei weitere Lieder, die zu den besten seiner Karriere zählen. Im selben Jahr starten die Byr­ds mit dem Dylan-Song „Mr. Tambourine Man“ durch – dabei ist ih­nen die Nummer ursprünglich viel zu lang­sam. Zusammen mit Bob arrangieren sie den Song neu und fügen eine eingängige Melodie, gespielt auf einer 12-saitigen E-Gitarre hinzu. Ein Riesen­er­folg! Ein Jahr später, 1966, schließt Bob Dylan mit dem Doppelalbum „Blonde On Blonde“ (eine der ersten Dop­pel-LPs über­haupt) seine elektrische Trilogie ab – in nur 14 Monaten hatte er drei der ein­flussreichs­ten Alben der 60er aufgenommen, das Gen­re Folk-Rock mitbegründet und die populä­re Musik für immer verändert.

Es fol­gt eine Europa-Tour, auf der er, ähnlich wie in Newport, nach einem akustischen Solo-Set mit seiner Begleitband auftritt. Immer wie­der kommt es zu Buh-Rufen des sich verra­ten fühlenden Publikums. Am 17. Mai dann der negative Höhepunkt: während der zwei­ten Hälfte eines Konzerts in Manchester ruft ein verärgerter Fan „Judas!“. Dylan, co­ol wie immer, antwortet mit „I don´t believe you. You´re a liar“, weist dann die Band an, „fucking loud“ zu spielen und bietet eine unverschämt provokante und fast punkige Version von „Like A Rolling Stone“. Dieser legendäre Abend ist auf dem Live-Album „The Bootleg Series Vol. 4“ verewigt und geht als einer der zentralen Momente seiner Karriere in die Geschichte ein. Die äußerst kreative und produktive Phase der Mittsech­ziger findet ein abruptes Ende als Dy­lan, kaum von der nervenaufreibenden Europa-Tour zurück, einen schweren Motorradun­fall er­leidet und sich mehrere Halswirbel bricht – zumindest behauptet er das, die wahren Um­stän­de des Unfalls wurden nie geklärt.

Es kursieren Gerüchte über den möglichen Tod des Songwriters, einige behaupten, er säße im Rollstuhl und könne nie wieder Git­arre spielen. Doch es besteht kein Grund zur Sorge – einein­halb Jahre nach dem Unglück veröffentlicht der zurückgezogen lebende Dylan das erste sei­ner vielen Comebacks: „John Wesley Har­di­ng“, Studioalbum Nummer acht. Mit ihm keh­rt der damals 25-Jährige zu seinen akusti­sch­en Wurzeln zu­rück, singt über amerikani­sche Volkshelden und Heilige. Das mysteriöse „All Along The Watchtower“ wird 1968 von Ji­mi Hendrix gecovert und zum Aushängeschild der Ro­ckmusik.

Der elektrische Bob Dy­lan der Jahre 1965 und 1966 ist ver­schwun­den und wird nie wieder zurück­kehr­en. „Nashville Sky­line“ von 1969, ein reines Country-Al­bum, ist die vorerst letzte von Kritikern gefei­erte LP. Nach dem 1970 erschie­nenen „Self Portrait“, von Dylan selbst als „Witz“ be­zeichnet, fürch­ten viele das Kar­rie­reende des einstigen Wort­führ­ers einer gan­zen Genera­tion. Es erscheinen vier weitere Plat­ten, die weit unter den Stan­dards Dylans liegen. Der musikalischen Krise folgt eine fa­mi­liäre: Die Beziehung zu seiner Frau Sara Dy­lan, mit der er seit 1966 verhei­ratet ist und vier Kinder hat, beginnt zu zer­fallen.

Der Songwriter verarbeitet seine persön­lichen Probleme auf dem 1975 veröffentlichten Al­bum „Blood On The Tracks“. Es markiert das zweite Co­meback. Lieder wie „You´re A Big Girl Now“, „If You See Her, Say Hello“ und „Tangled Up In Blue” erzählen von seinem Verhältnis zu Sara – auch wenn Bob das in ei­nigen Inter­views leugnet. Zu alter Form zu­rück­gefunden, bricht er auf eine erfolgreiche Konzerttour auf, die „Rolling Thunder Re­vue“. Dabei wird er u. a. von seiner ehemaligen Liebhaber­in Joan Baez, der Sängerin Joni Mit­chell, dem Beat-Poeten Allen Ginsberg, Mick Ronson und Roger McGuinn (The Byrds) unterstützt.

Der Tross spielt in kleinen Clubs, oft werden die Kon­zerte nur wenige Tage vorher ange­kün­digt. Ein Jahr später, 1976, kommt mit „Desi­re“ das 17. Studioalbum in die Läden. Auf die­sem ist das Lied „Hurri­ca­ne“ zu finden, wel­ches vom Schicksal des afro­ame­rikanischen Boxers Rubin Carter erzählt. Aus rassistisch­en Gründen wurde dieser, ob­wohl unschuldig, des Mordes angeklagt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Dank des neun Minuten langen Protestsongs wurde ein breites Publikum auf diese Ungerechtigkeit aufmerk­sam und Car­ter schließlich freigelassen.

Na­ch­dem er sich 1977 von seiner Frau Sara ge­schieden hat, findet der als Jude geborene Dylan 1978 zum Christen­tum. Ausschlag­ge­bend dafür soll ein kleines sil­bernes Kreuz gewesen sein, das ein Zu­schau­er während eines Konzerts auf die Bühne warf. Seine neuen re­li­giösen Überzeu­gungen domi­nier­en die nächs­ten drei Alben, die sehr Gos­pel-lastig sind und dazu führen, dass einige Kri­tiker und Fans von einer erneu­ten künstleri­sch­en Krise sprechen.

Auch „Knocked Out Loaded“ und „Down In The Groove“, beide in den späten 80ern ver­öffent­licht, werden ver­ris­sen und als „entsetz­lich“ oder „Karriere­kil­ler“ bezeichnet. Als am 13. Juli 1985 das Bene­fiz­konzert Live Aid zu Gunsten Afrikas statt­findet, maßgeblich von Bob Geldof aus Anlass der damals akuten Hun­gersnot in Äthiopien or­ga­nisiert, tritt Mick Jagger solo ohne die eben­falls anwesenden Kei­th Richards und Ron Wo­­­od auf. Diese spielen zu dritt mit Bob Dy­lan im John F. Kennedy Stadium in Philadel­phia. Während „Blowin’ In The Wind“ reißt Bob eine Gitar­ren­saite. Keith reagiert schnell und händigt ihm sein Instrument aus. „That was the day I played air guitar for a billion people“, erinnert sich der Stones-Gitarrist.

Von 1988 bis 1990 übernehmen die Traveling Wilburys, eine Supergroup bestehend aus Nel­son Wilbury (†, George Harrison, Git, Ges.), Otis Wilbury (69, Jeff Lynne, Git., B., Key., Ges.), Lucky Wilbury (Bob Dylan, Git., Mu­nd­harm. Ges.), Charlie T. Jnr. (66, Tom Petty, Git., B., Ges.) und Lefty Wilbury (†, Roy Or­bison, Git., Ges.). Resultat der Zusammen­ar­beit sind zwei Studioalben („Traveling Will­bu­rys Vol. 1“ 1988, „Traveling Wilburys Vol. 3“ 1990) und Singles vom Schlage „Han­d­le With Care“. Erst 1989 kann Elston Gunnn, wie er sich in frühen Tagen auch nannte, mit „Oh Mercy“ an die Qualität seiner erfolg­reichs­ten Platten an­knüp­fen.

Time Out Of Mind“ gewinnt 1997 den Grammy für das bes­te Album des Jahres, die 32. Studioveröf­fentlichung „Mo­dern Ti­mes“ steht 2006 in acht Ländern ganz oben in den Charts. Die letzten drei LPs, „Shadows In The Night“, „Fallen Angels“ und das Ende Mä­rz 2017 ver­öffentlichte „Triplicate“, ent­hal­­ten keine von Dylan selbst geschrie­ben­en Songs, sondern aus­schließlich Coverversionen von Klassikern aus dem „Great American So­ngbook“.

Seit 1988 be­findet sich Bob mit seiner Band auf der „Never Ending To­ur“ und spielt durch­schnitt­lich ca. 100 Konzer­te pro Jahr. Wenn er nicht auf den Bühnen der Welt unterwegs ist, be­schäf­tigt sich Dylan mit anderen Künsten: Sei­ne Aquarelle, Zeichnun­gen und selbstge­schweiß­ten Gartentore wurden u. a. in London ausgestellt. Am 11. April 2017 gastierte der Meis­ter in der aus­ver­kauften Hamburger Barc­laycard Arena. Zwei Stunden lang präsen­tier­te er Klas­siker („To Ramona“, „Tang­led Up In Blue“) und Coverversionen von Sinatra-Son­gs oder amerikanische Stand­ards, begleitet von Tony Garnier (B.), Donnie Herron (Pedal Ste­el, Banjo, Mandol.), Stu Kimball (Git.), George Receli (Dr.) und Charlie Sexton (Git.).

Dylan ist aufgrund seines Werkes und Wir­kens so wichtig, wie kaum ein Zweiter für die Musik des 20. Jahrhunderts. Mit mehr als 120 Million­en verkauften Tonträgern gehört er zu den er­folg­­reichsten Musikern über­haupt: 42 Gram­­mys, Oscar, Pulit­zer-Preis, Golden Globe und die Presidenti­al Medal of Free­dom sind nur einige Preise. Im Oktober 2016, als ihm der Nobel­preis für Literatur ver­lieh­en wurde, war Dylans Reaktion? Erstmal gar keine. Vom Künstler unkommentiert hält sich übrigens auch seit Jahren das haarsträu­ben­de Gerücht, Dylan hätte sein Geld in Kriegs­anleihen ange­le­gt … Eines ist klar: Bob Dylan gilt zu Recht – neben Chu­ck Ber­ry – als der Poet unter den Musikern!

Lucas Pietrapiana & KMS

 

Diskografie (Studioalben *mit The Band):

1962 – Bob Dylan

1963 – The Freewheelin’ Bob Dylan

1964 – The Times They Are A-Changin’

1964 – Another Side Of Bob Dylan

1965 – Bringing It All Back Home

1965 – Highway 61 Revisited

1966 – Blonde On Blonde

1967 – John Wesley Harding

1969 – Nashville Skyline

1970 – Self Portrait*

1970 – New Morning

1972 – Tribute To Woody Guthrie*

1973 – Pat Garrett & Billy The Kid

1973 – Dylan

1974 – Planet Waves*

1974 – Before The Flood*

1975 – Blood On The Tracks

1975 – The Basement Tapes*

1976 – Desire

1978 – Street Legal

1978 – Masterpieces*

1979 – Slow Train Coming

1980 – Saved

1981 – Shot Of Love

1983 – Infidels

1983 – Electric Lunch*

1985 – Empire Burlesque

1985 – Biograph*

1986 – Knocked Out Loaded

1988 – Down In The Groove

1989 – Oh Mercy

1990 – Under The Red Sky

1991 – Bootleg Series Vols. 1-3*

1992 – Good As I Been To You

1993 – World Gone Wrong

1997 – Time Out Of Mind

1998 – The Bootleg Series Vol. 4: Live 1966*

2001 – Love And Theft

2001 – Live 1961-2000*

2006 – Modern Times

2009 – Together Trough Life

2009 – Christmas In The Heart

2012 – Tempest

2015 – Shadows In The Night

2016 – Fallen Angels

2017 – Triplicate

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