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OXMOX Interview: CÄTHE – „Ich will was mit Flügeln!“

Wenn man möchte, dass die Leser einen Künstler so gut finden, wie man selbst, ist das Schreiben ungemein schwer – der Text ist einfach nie gut genug. So geht es uns bei der 32-jährigen Sängerin und Songschreiberin CÄTHE. Deshalb lassen wir eine der besten Sängerinnen Deutschlands einfach selbst über „Vagabund“ berichten, mit dem sie uns ab Anfang Oktober auf ihre musikalische Reise nimmt …

Du bist von Hamburg nach Berlin gezogen – wie unterscheiden sich beide Städte?

In Berlin passiert es schnell, dass ein Tag ga­nz anders endet, als er begonnen hat. Berlin ist laut und schnell, aber auch sehr grün und weitläufig. Oft trifft man auf Künstler, die ungewöhnliche und unsichere Lebensweisen vorziehen. Die Menschen probieren sich aus; nicht jeder ist diesem Dschungel gewachsen. Mit Anfang 20 wäre ich hier sicherlich eher verschluckt worden, als aufgeblüht. In Ham­burg sind die Menschen bodenständiger und halten eher an Freundschaften und Lebens­zielen fest. Deshalb bin ich froh in dieser Sta­dt erwachsen geworden zu sein. Hamburg hat mein hitziges Gemüt besänftigt, mir Halt und viel Liebe geschenkt. Zwar wurde mir nir­gends so häufig das Herz gebrochen, doch habe ich auch in keiner anderen Stadt so viele Freunde gefunden.

Du hast „Vagabund“ im Hamburger Ha­fenklang Studio aufgenommen …

Durch eine Freundin habe ich den Produzen­ten Stephan Gade kennengelernt. Wir haben ihn oft im Hafenklang Studio besucht und führten tolle Gespräche übers Leben und Mu­sikmachen – das gefiel mir. Mir geht`s um den unmittelbaren Austausch, ob man sich was zu sagen hat. Ich saß also bei Stephan auf der Couch, er machte Kaffee, ich schnappte mir eine Gitarre und sagte: „Hey, ich hab da so ein Lied … aber es ist noch ganz simpel …“ Ich habe ihm ziemlich nervös „Stille Demut“ vorgespielt und er sagte: „Jetzt habe ich dir gerade zum ersten Mal echt zugehört.“ Er spürte, dass etwas aus mir heraus wollte, ganz unverblümt und ohne Ef­fekthascherei. Manchmal bin ich nach einem langen Studiotag los, habe mich ans Wasser gesetzt und geheult. Nicht weil ich down war, sondern weil ich einfach losgelassen habe, weil der ganze Scheiß von mir abfiel.

Uns interessiert z. B. besonders die Geschi­chte hinter „Glaub Mir, Honey“ …

Die Story vom Song ist nicht neu und wird wahrscheinlich auch nie alt sein: Um einen Menschen zu werben, der das im Grunde gar nicht will. Sich willkürlich das Herz zu bre­chen oder brechen zu lassen, sollte verboten werden! Also ich für meinen Teil habe wirk­lich die Nase voll von scheinheiligen Moral­aposteln und neugierigen Hobbypsychologen.

Welche anderen neuen Songs haben be­sondere Geschichten?

Einige Zeilen sind aus lustigen Momenten entstanden: Bei „Yeah Yeah“ saß ich auf dem Land, draußen regnete es in Strömen und ich spielte die immer gleiche Phrase auf der Git­arre und sang öde „ … das bisschen Yeah Yeah …“ Ich habe mich selbst stark mit mir gelangweilt. Wie aus dem Nichts sang ich die Zeile zu Ende „ … tut gar nicht Weah We­ah!“. Erst war ich verdutzt, dann konnte ich nicht mehr aufhören zu lachen! Kann ich das so beibehalten, es genau so aussprechen: We­ah Weah? Ja, das kann ich! Ich war danach ziemlich gut drauf. „Unter Palmen“ hatte auch einen lustigen Moment. Wieder saß ich, etwas emphatisch mit der Gitarre bei Sonnen­schein, wünschte mir mehr Coolness in mei­nem Leben, mehr Contenance, mehr Selbst­wertgefühl. Schwupps war dieser Satz in meinem Kopf: „Unter Palmen schwört’s sich leicht …“, der – situationsbedingt – sehr thea­tralisch von mir dargeboten wurde. Wieder schoss ein Lachen aus mir, überrumpelte mich und belehrte mich eines Besseren!

Welche Künstler beeinflussen dich?

Ein Künstler hat für mich eine Message, die sich durch sein ganzes Schaffen zieht. Damit er mich berührt, muss ich nicht unbedingt die gleiche Lebensgeschichte teilen. Aber dazu sei gesagt: Ich will was mit Flügeln! Ich will mitfliegen, hinein in das Innere eines anderen Menschen. Flügel finde ich wichtig, ich habe keine Lust auf aussichtlose Hilfeschreie eines Egoisten, der einen auf Popstar macht. Ich brauche Hoffung, ich brauche Schönheit, ich brauche Kraft und Poesie. Ich habe z. B. das letzte Fiona Apple Album „The Idler Whe­el …“ durch Zufall gehört und war danach völlig verstört; aber auch unglaublich berührt. Musik durchflutet mich mit einem unsagbar­en Gefühl des Ganzseins, als werde ich end­lich erlöst von diesem funktionieren müssen in dieser anstrengenden Welt. Der Produzent Daniel Lanois hat mit „The Beauty Of Wi­nona“ eine Scheibe aufgenommen, die mich dazu veranlasst, zu malen. Ich möchte immer sofort selbst kreativ sein, wenn ich sie höre …

Welche Musiker begleiten dich aktuell?

Am Schlagzeug sitzt Reiner Hubert, genan­nt Kallas: Verschläft gern, obwohl er eigent­lich nie schläft. Florian Eilers, genannt Floz­ze, ist seit vielen Jahren ein enger Freund und Bassist. Er sorgt entweder für dreckige Witze oder absolute Ruhe – und groovt dabei unge­heuerlich. Jens Nickel ist die Gelassenheit in Person; wenn er seine Gitarre spielt, habe ich Gänsehautschübe! Nicolas Börger, genannt Neidschi, ist der Experimentierfreudige unter uns und bespielt alles, was Tasten hat. Er hat immer Hunger, auf jede Musik und auf jedes Käsebrot!

Worauf freust du dich bei deinem Heim­spiel am 8.11. im Mojo Club?

Ich freue mich auf das gemeinsame Entdeck­en, Aufdecken, Zudecken – Musik ist ja wie Zaubern. Sie schaufelt uns einen Freiraum, ganz mühelos, in dem wir unsere kleinen und großen Probleme vergessen können. Deshalb sollte man sich selbst und seinen Freunden immer mal wieder einen Konzertbesuch schenken. Das bringt so viel mehr, als sich ei­nen weiteren Ratgeber ins Regal zu stellen. Dabei sein und Gefühle zeigen. Das ist greif­bares Glück, Leute!

Was machst du, wenn du keine Musik ma­chst?

Das, was jeder andere Mensch auch tut: Ich möchte mein eigenes kleines Leben leben; gern mit viel persönlichem Unsinn gefüllt. Die glücklichen Momente will ich genießen und die eher schmerzhaften Erfahrungen bes­ser überstehen lernen. Ich versuche jeden Tag ein gewisses Maß an Ordnung aufrecht zu er­halten, damit ich darin ganz viel Chaos stiften kann!

Lieblingsessen:

In meinem Kühlschrank steht immer ein Glas rote Beete. Ich verzichte auf Fleisch und zie­he Sojaprodukte Milchprodukten vor.

Lieblingskleidungsstück:

Jeder Flohmarkt ist potenzielles Jagdrevier! Jedes Lieblingsstück ist ein Flohmarktfund. Mir bedeutet die Suche oft mehr, als das Ha­ben. Und ich schneide Etiketten grundsätzlich heraus!

Lieblingsreiseziel:

Hätte ich die Möglichkeit, würde ich durch die Mongolei pilgern. Noch informiere ich mich nur darüber; dabei wird es hoffentlich nicht bleiben. Seit letztem Jahr steht Süd­frankreich ganz weit oben auf meiner Liste. Die Provence ist ein Quell der Inspiration, es duftet überall herrlich nach Kräutern und die Sprache ist purer Singsang in meinen Ohren – ich glaube dort könnte ich irgendwann einmal sehr, sehr alt werden!

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