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Alles glauben, was man hört? – Einstürzende Neubauten

Kreativ ist vielleicht übertrieben

Der Frontmann der Einstürzenden Neubauten ist zwar längst Familienvater, hat sich aber dennoch etwas bewahrt von seiner wilden Zeit als Berliner Bürgerschreck. Je älter er wird, desto mehr klingt seine tiefe und zugleich liebliche Stimme nach Rio Reiser. Das neue Album „Alles in Allem“ wurde von einem weltweiten Supporter-Netzwerk finanziert. Darin erkunden die Einstürzenden Neubauten den Topos „Berlin“. Die Platte zum 40. Bandjubiläum enthält sehr gefühlvolle, aber nie kitschige Songs.

Ziehst du einen kreativen Nutzen aus der Zwangspause?

Blixa Bargeld: Kreativ ist vielleicht übertrieben. Heute gebe ich etliche Skype-Interviews und später koche ich oben in der Küche zusammen mit unseren Supportern Seared Broccoli und Potato Soup. Sehr schönes Rezept. Ich werde jetzt wahrscheinlich jeden Freitag mit den Supportern kochen. Ich bleibe zuhause, bis der Shutdown vorbei ist, weil ich zur Risikogruppe gehöre.

Die Supporter durften diesmal auch am kreativen Prozess teilnehmen. Auf welche Weise hast du das getan?

Bargeld: Ich habe speziell für die Neubauten ein Navigationssystem mit 600 Karten entwickelt. Darin tauchen alle Personen, bestimmte Instrumente, Gegenstände und Materialien auf. Das spielen wir öfter. Jeder nimmt sich ein paar Karten und interpretiert das Blatt dann. Auf dem Album „Jewels“ waren nur solche „Dave” genannten Stücke drauf. Und in dieser Phase haben wir insgesamt zwölf „Daves” aufgenommen. Ich hatte unter anderem die Karte „Anrufe”. Daraufhin habe ich zufällig ausgewählte Supporter angerufen und sie nach Worten und Begriffen gefragt, die sie interessant finden. Ich habe sie auch nach dem Letzten gefragt, was jemand zu ihnen oder jemand anders gesagt hat. Einer antwortete mir: “My collegue said: ‘My name is Goldie’. Someone said to her: ‘Ten Grand Goldie’. Aus diesen Fragmenten habe ich dann einen Text montiert.

Hat die Band in den vergangen 40 Jahren Rücklagen gebildet?

Bargeld: Nein. Zur Albumveröffentlichung hatten wir eine so genannte chaotische Generalprobe in Potsdam geplant. Die ist abgesagt worden. Der Tagesspiegel hat uns beschimpft, weil wir unseren Auftritt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt nicht sofort abgesagt hatten. Das dürfen wir gar nicht, uns muss abgesagt werden. Auch die geplante USA-Tour kann nicht stattfinden. Im Moment sind die Visa-Bearbeitungen ausgesetzt, wir haben aber schon die Flüge gebucht. Nicht rückzahlbar. Die Busse sind gebucht. Auch nicht rückzahlbar. Das sind über 20.000 Euro an Vorkosten. Dies ist unsere dritte US-Tour, die abgesagt werden muss. Das ist das größte einschneidende Ereignis in unserer Lebensspanne. Es ist unser Zweiter Weltkrieg.

In „Grazer Damm“ beschreiben Sie das Berlin Ihrer Kindheit. Verarbeiten Sie hier auch Erinnerungen Ihrer Eltern und Großeltern?

Bargeld: Nein, das sind alles meine eigenen Erinnerungen. Bei dem Selbstmord mit dem Gasherd war ich ungefähr acht. Als ich mit dem Bus aus dem Ferienlager zurückkam, fuhren wir an einem Haus vorbei, bei dem die Fassade weggesprengt war, weil sich da jemand mit Gas umgebracht hatte. Der Grazer Damm ist das letzte verbliebene Baudenkmal nationalsozialistischer Familienarchitektur. Ich habe da bis zum meinem 17. Lebensjahr gewohnt, meine Schwester wohnt immer noch da. Das Stück hat einen autobiografischen Kern, aber es steckt darin auch ein Traum. Aus meiner Mappe mit Traumprotokollen habe ich den Traum mit dem Grazer Damm gezogen und ihn mit Splittern angereichert. Viele Lösungen auf diesem Album stammen aus irgendwelchen „Träumchen“, wie es bei Freud heißt.

Die völlig neuen Materialien, mit denen du von Anfang an experimentierst, hast du oft auf Schrottplätzem gefunden. 

Bargeld: Wir haben jetzt versucht, einen Schrottplatz zu finden, um uns ein paar neue Gegenstände zu besorgen. Aber die lassen dich aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr auf den Platz. Einen haben wir schließlich am Telefon ausgemacht, der ließ uns dann aber nur an seine Schutthalde. Also habe ich über andere Materialien nachgedacht. Und dabei kam diese alte Idee mit den „Migrantenkoffern” wieder auf. Das sind diese rot und blau gemusterten Stofftaschen, die im Berliner Volksmund oft „Polenkoffer” genannt werden. Das Material muss man überlisten, damit dabei etwas herauskommt.

Wie hast du das geschafft?

Bargeld: Andrew und Jochen haben mit Sticks auf je zwei mit Lumpen gefüllten Taschen gespielt. Und Alex hatte die so genannte Solo-Tasche. Sie ist gefüllt mit Behältern, die verschiedene kleine Gegenstände beinhalten. Wie eine Riesenmaracas. Da sind Dosen mit Schrauben, Münzen oder Erbsen drin. Dieses Solo war unser Aha-Erlebnis. Und dann habe ich Ghayath Almadhouns gefragt, ob ich die Titelzeile seines Gedichtbands „Ein Raubtier namens Mittelmeer“ benutzen darf. Meine Vorgabe war, ein Stück von unserem Album „Perpetuum Mobile“ fortzuschreiben. Daraus wurde dann die Zeile „Wälzt die Wogen ungeheuer ein gefräßiges Ungetüm”. Die Legitimation, dass ich Wogen wälzen kann, habe ich übrigens bei Friedrich Nietzsche gefunden.

Was genau fasziniert dich an Rosa Luxemburg?

Bargeld: Vielleicht meine ich ja gar nicht Rosa Luxemburg, sondern Rosa von Praunheim. Ich kenne sogar drei Rosas. Ich kannte Rosa Luxemburg ja nicht wirklich, trotzdem rede ich davon, dass ich mit ihr am Landwehrkanal gesessen habe – oder mit einer anderen Rosa. Am Rosa-Luxemburg-Platz hat Hans Haacke die Straßen und Wege mit Messingplatten geprägt, die Rosa-Luxemburg-Zitate enthalten. Das ist sehr schön.

Hat sich die Band seit Ihrer Gründung am 1. April 1980 sehr verändert?

Bargeld: Die Bandversion 3.0 existiert jetzt länger als alle anderen Versionen, aber natürlich war die Arbeitsweise mit Gudrun und Beate 1980 eine andere als die mit Mufti und Mark oder mit Alex, Andrew und mir. Aber auch mit Jochen Arbeit und Rudolf Moser arbeiten wir noch auf eine relativ altmodische Weise. Wir gehen mit einem Toningenieur in ein Tonstudio und wickeln unsere Ideen ganz klassisch in verschiedenen Takes ab. Wir könnten gar nicht zu einer Plattenfirma gehen und ein Budget bekommen, um ein Album aufzunehmen. Dazu arbeiten wir viel zu altmodisch. Bei „Lament” konnten wir das alles nur durchziehen, weil wir Geld für eine Performance in Belgien und Geld von einer Plattenfirma bekommen haben. Und jetzt haben wir uns 100 Tage im Studio im Zeitraum eines Jahres gegeben, um zu sehen, was alles dabei rauskommt.

Früher bist du mit der Band in Autobahnbrücken aufgetreten. Habt ihr dies getan, weil der Sound an solchen Ort so speziell ist?

Bargeld: Der Begriff „Sound“ wird überbewertet. Context is, what makes it. Sonst würde ich auch nicht Taschen spielen. Ich hatte lange bevor der Begriff „Weltmusik” aufkam, ein gewisses Faible für nicht kategorisierbare Schallplatten und Label. Die hießen “Geräusche für den Amateur“ oder “Zugfahrt von Wien nach Istanbul”. Die letzten ethnologischen Schallplatten. Ein Album von einem französischen Label enthielt Musik von äthiopischen Wüstennomaden. Was mich daran so faszinierte, war die Authentizität: Diese Musiker machten etwas mit dem was, was ihr persönliche Umgebung darstellte. Das Umfeld liefert erst die Instrumente. Ich habe dann überlegt, was ist mein urbanes Umfeld. Was wäre meine ethnische Musik? Was sind die Freiräume, mit denen ich etwas anfangen kann?

Die Berliner Autobahnbrücke, wo die erste Single („Für den Untergang“) entstanden ist?

Bargeld: Diesen Ort kannte ich aus meiner Schulzeit – den Hohlraum einer Autobahnauffahrt in Friedenau, in den man sich reinquetschen konnte. Dass der dann auch noch eine ganz besondere Akustik hatte, haben wir gerne in Kauf genommen. Wir sind da mit ein paar Gegenständen reingekrochen und haben darin gespielt. Ich hatte ein kleines Grundig Bajazzo Radio dabei, mit dem ich meine Gitarre verstärken konnte. Wir waren in diesem Hohlraum nur einen einzigen Tag, aber werden immer wieder mit Stücken aus dieser Session konfrontiert, weil sie plötzlich in irgendwelchen Filmen eingebaut werden. Das Ding ist aber niemals veröffentlicht worden! Alles, was es davon gibt, sind Cassetten oder Bootlegs. Die Regisserin des Berlinale-Gewinnerfilms „Touch me not“ hat mich mit einem Stück aus dieser Session konfrontiert. Da musste ich erstmal rätseln.

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