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GREEN DAY HISTORY: Punk neu verpackt

Anfang der 90er Jahre brach ein Punk-Revival der besonderen Art aus, wodurch das sich die Subgenre zunehmend im Mainstream verankerte. Mitunter stieg eine Band aus Berkeley/Kalifornien auf und setzte den Startschuss ihrer Karriere. Ob mit „Basket Case“, „Boulevard of Broken Dreams“ oder „21 Guns“ – Green Day haben sich in mehr als drei Jahrzehnten Musikgeschichte verewigt und im Olymp der Rock-Giganten unsterblich gemacht. Dabei ließen sie Genre-Grenzen verschwimmen, hangelten sich zwischen Rock und Pop hin und her und erfanden ihren unverkennbaren Sound. Im Februar brachten Armstrong, Dirnt und Cool (alle 47 Jahre) ihr 13. Studioalbum „Father of All Motherfuckers“ an den Start. Kurz bevor ihr Debüt „39/Smooth“ 30 Jahre alt wurde …

Alles begann mit der Freundschaft zwischen Billie Joe Armstrong und Michael Pritchard, die sich in der Schule kennenlernten. Beide stammen aus zerrüttetem Elternhaus und fanden Halt in der Musik.

Billie Joe wurde 1972 als jüngstes von sechs Kindern in Piedmont, östlich von San Francisco, geboren. Sein Vater Andrew Marciano Armstrong arbeitete als Fernfahrer und spielte nebenbei in einer Jazz-Band Schlagzeug – jenes Instrument, das auch Billie Joe als erstes lernte. So sehr es ihm gefiel, war er hin und weg, als er im Alter von elf Jahren eine Gitarre in die Hand gedrückt bekam. Die Fernandes Stratocaster E-Gitarre, die er aufgrund ihrer Kaugummi-blauen Farbe „Blue“ taufte, wurde von da an zu seinem treuen Wegbegleiter. Da das Instrument mit der Zeit ihre Macken bekam, ließ Armstrong das individuell bemalte und beklebte Stück später mehrmals detailgetreu nachbauen, sodass er heute immerhin Kopien des Originals mit auf die Bühne nehmen kann. Sein erstes Lied „Why do you want him?“ verfasste er mit 14 Jahren, als seine Mutter nach dem frühen Tod seines Vaters einen neuen Mann heiratete. Zu Billie Joes musikalischen Helden gehörten schon damals vor allem die Ramones, The Clash, Van Halen und die Beatles.

Michael Ryan Pritchard, bekannt als Mike Dirnt, wurde als Sohn einer stark drogenabhängigen Frau geboren, die ihn in eine Pflegefamilie abgab. Was zunächst ein sicherer Hafen bedeutete, bekam erste Risse, als seine Adoptiveltern sich scheiden ließen. Um dem zerstrittenen Elternhaus zu entkommen, zog der Teenie bei der Armstrong-Familie ein. Etwa zu dieser Zeit gründeten die beiden die Band The Sweet Children, in der Billie Joe Gitarre und Mike Bass spielte. Zuvor hatte Mike an einer Gitarre geübt die er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Dass diese nur mit der E- und der A-Saite bespannt war, hinderte offensichtlich am Spielen, war aber als angehender Bassist ein Anfang. Der Künstler-Name Dirnt leitet sich von dem Geräusch ab, das der Bass beim Spielen macht.

Wenig später stieß der drei Jahre ältere Schlagzeuger John Kiffmeyer alias Al Sobrante dazu, der bereits Band-Erfahrung hatte und daher wusste, wo man als junge Punk-Gruppe in Berkeley auftreten konnte. Gemeinsam spielten sich Billie Joe, Mike und John durch die kleinen Clubs und nutzten jede Gelegenheit, um Gigs zu spielen. Besonders ihre Shows im berühmt-berüchtigten Club Gilman verschafften der Nachwuchs-Band einiges an Erfahrung und Bekanntheit. Dieselbe Bühne bespielten in ihrer Anfangszeit auch The Offspring („Why don‘t you get a job“), Operation Ivy („All I know is that I don‘t know nothing“) und The Used („The Taste of Ink“)

An ihre erste LP wagten sich die Newcomer im Jahr 1990 mit „39/Smooth“. Nun, da die ganze Sache Hand und Fuß bekam, musste noch vor der Veröffentlichung ein Bandname her, mit dem sich das Trio präsentieren wollte. Dabei machten sie sich einen Ausdruck des lokalen Slangs zunutze, der einen langweiligen Tag beschreibt, den man damit verbringt, Gras zu rauchen. Und so wurde aus The Sweet Children: Green Day.

Kurz nach Release verkündete John Kiffmeyer, aus der Band austreten zu wollen, um für sein Studium nach New York zu ziehen. Bis dahin hatte Green Day er den Weg geebnet und war ein wesentlicher Faktor dafür, dass die Band schnell an Popularität gewann.

Sein Nachfolger wurde ein 18-jähriger Drummer, der mit seiner Band The Lookouts ebenfalls im Gilman auftrat. Frank Edwin Wright III aka Tré Cool trug eine Schwimmkappe auf dem Kopf und ein Tütü um die Hüften, als Billie Joe ihn zum ersten Mal auf der Bühne spielen sah. Dessen Künstlername lehnt sich an die französische Bezeichnung „Très cool“ an, was übersetzt „Sehr cool“ bedeutet. Als die Anzahl der Auftritte von The Lookouts spärlich wurde, bot sich Tré als neuer Schlagzeuger an. Die Dreier-Kombo ArmstrongDirntCool stand und sollte sich bis heute bewähren.

Bereits 91‘ kam mit „1,039/Smoothed Out Slappy Hours“ eine Weiterentwicklung ihres Debüts auf den Markt. Dabei handelt es sich um eine Compilation bestehend aus allen Songs von 39/Smooth plus neun Tracks, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Das erste selbst geschriebene Lied Billie JoesWhy do you want him?“ sowie die beliebte Cover-Version von Operation Ivy‘s „Knowledge“ sind inklusive. Die CD wurde mehr als 500.000 Mal verkauft und erspielte sich Goldstatus in den USA. Damit ist das Werk erfolgreicher, als sein Vorgänger.

I want to take you through a wasteland I like to call my home“ („Welcome to Paradise“)

Kaum zu stoppen in seinem musikalischen Schaffen, machte sich das Trio sofort an die Produktion neuer Musik. Erstmals mit Tré Cool an den Trommeln spielten Green Day 12 Lieder für das Album „Kerplunk!“ ein, das 1992 erschien. Wie der Name Dirnt, rührt auch dieser Titel aus der Lautmalerei her, wie sie in Comics verwendet wird, und ahmt das Geräusch eines zu Bruch gehenden Gegenstands nach. Das Album erreichte Goldstatus in Großbritannien, Platin in den USA und die Singles „2,000 Light Years Away“ und „Welcome to Paradise“ avancierten zu den bis dahin größten Hits der Band. Durch diese Erfolge wurde das Major-Label Reprise Records auf die Rock-Band aufmerksam und nahm sie unter Vertrag.

Are you locked up in a world that‘s been planned out for you?“ („She“)

Der Durchbruch gelang Green Day im Jahr 1994 mit „Dookie“, das in den USA und Kanada Diamant-Status erreichte und in sieben weiteren Ländern gold ging. Die drei Jungs aus Berkeley standen mit Songs, wie „Basket Case“, „She“ und „When I Come Around“ auf einmal im Licht der Öffentlichkeit. Die aufmüpfige Attitüde und Drogenkonsum gehörten genauso zum Image, wie die wilden Shows. Eines ihrer legendären Konzerte lieferten die Drei ´94 auf dem Woodstock Festival, bei dem sich Publikum und Band eine Schlammschlacht – im wahrsten Sinne des Wortes – lieferten. Ausgeartet war das Ganze, als Fans Matsch auf die Bühne schleuderten und Billie Joe diesen unbeeindruckt zurück in die Menge ẃarf, bis Mike seinen Bass auf dem Boden liegend spielte und Fans die Bühne stürmten. Der Clou: Das Bühnen-Outfit aus roter Krawatte und schwarzem Shirt sollte zehn Jahre später mit dem Release von „American Idiot“ zum GreenDay-Markenzeichen werden.

Kommerziell erfolgreicher Punk – geht das?Der rund 14-millionenfache Verkauf von „Dookie“ krempelte das Leben der Musiker in kürzester Zeit um und schnell zeigte sich, dass die Medaille zwei Seiten hatte. Dass Punk so großen Anklang im Mainstream erfuhr, empfanden viele Anhänger als eine Herabwürdigung des Underground-Genres, welches Kommerz und mediale Aufmerksamkeit ablehnt. Dazu kommt, dass „Dookie“ bei Reprise Records erschien, das zum Mega-Konzern Warner gehört, während die beiden Vorgänger „39/Smooth“ und „Kerplunk!“ noch via Lookout! Records – einem kleineren Label, das speziell Punk Bands betreute – erschienen.

Darüber, wie sich alte Freunde von den nun berühmten Musikern abwandten, handelt der Song „86“, der 1995 auf Insomniac erschien:

Did you lose something the last time you where here? I hope you find it now, it‘s buried deep with your identity“ („86“)

Der Vorwurf ihre Identität verraten zu haben, als sie größere Clubs spielten und Anklang bei der breiten Masse fanden, hält sich bis heute. Mitte der 90er Jahre entwickelte sich um Bands wie Green Day, Sum 41 und Good Charlotte die Bezeichnung „Pop-Punk“, um deren Musik von ursprünglichem Punk abzugrenzen. Meist schwingt dabei ein abwertender Beigeschmack mit, wenn der Begriff an sich nicht sogar als Widerspruch empfunden wird.

It’s something unpredictable, but in the end it’s right“ („Good Riddance (Time of your Life)“)

1997 markierte „Nimrod“ durch den Einsatz von Mundharmonika („Walking Alone“) und Blasinstrumenten („King for a day“) einen Stil-Wechsel vom Punk zum Pop-Sound. Als weltweiter Hit entpuppte sich die Akustik-Gitarren-Ballade „Good Riddance (Time of your Life)“, durch die Green Day wieder auf sich aufmerksam machen konnte. Bisherige Fans waren zum Teil weniger angetan von dem Genre-Experiment: die Platte verpasste es, mit „nur“ sechs Millionen Verkäufen an den Mega-Erfolg von „Dookie“ anzuknüpfen.

Question everything or shut up and be a victim of authority“ („Warning“)

Den weniger harten Musikstil vertritt auch „Warning“, das kommenden Oktober seinen 20. Geburtstag feiert. Diesmal wollte sich die Band mehr Spielraum lassen und rückte die Zusammenarbeit mit Produzent Rob Cavallo in den Hintergrund. Trotz rund 500.000 verkaufter Exemplare versprach das Album im Vergleich zu ihren Vorgängern nur mittelmäßigen Erfolg.

Was dann folgte war kreative Funkstille. Es wollten keine originellen Ideen mehr aufkommen. Was gab es noch zu sagen, was nicht schon unzählig besungen wurde und was wollten die Fans überhaupt noch hören? Gefangen in solchen oder so ähnlichen Gedanken, herrschte miese Stimmung zwischen den Band-Mitgliedern. Sollte „Dookie“ ihr einziger großer Erfolg bleiben? Es kam anders.

2003 begann die Produktion neuer Musik und nein, es handelte sich noch nicht um das legendäre „American Idiot“. Geplant war eine Platte mit dem Titel „Cigarettes and Valentines“. Kurz vor der Fertigstellung verschwand das gesamte Material und warf die Band damit ein ganzes Stück nach hinten. Der erste Reflex hätte sein können, die gesamten Songs nochmal neu aufzunehmen, doch Green Day nahm den Vorfall als Wink des Schicksals und nutzte diesen, um sich einmal zu besinnen und komplett neue Lieder einzuspielen.

Den Anstoß gab der Protest-Song „American Idiot“, der als erster Track fertiggestellt wurde und die Richtung aufzeigte, in die sich das Konzept-Album bewegen sollte. Die Botschaft hinter dem Song: Hör auf, dich von Politik und Medien manipulieren zu lassen. Damit war die Idee des Protagonisten, des „American Idiots“, geboren und musste nur noch weitergesponnen werden. Wer ist dieser Mensch und was macht ihn zu diesem? Die Antwort:

I‘m the son of rage and love, the Jesus of Suburbia“

Diese beiden Zeilen haben mich aufgeregt und gleichzeitig in Grund und Boden verängstigt“, so erzählt Billie Joe Armstrong in der Live-DVD „Bullet in A Bible“.

Eben diese Zeilen zeichneten die Grundlage der gesamten Storyline: Der junge Jimmy, genannt „Jesus of Suburbia“, entflieht seinem Zuhause und streift sein altes Ich ab, um sich auf die Suche nach seiner Identität zu begeben. Auf dem Weg entwickelt er sein Alter-Ego „St. Jimmy“, begegnet seiner Liebe „Whatsername“ und stellt sich seinen Dämonen. Das Meisterwerk stellt seine musikalische Komplexität in fünf einzelnen Songs dar, die zu einem neun-minütigen Werk zusammengefasst wurden. Die zeitlose Punk-Rock-Oper ist seither die Hymne der Band und verkörpert das Lebensgefühl junger Generationen. „Es handelt von all dem emotionalem Gepäck, das du mit dir trägst, für das du ein Ventil hast“, interpretiert Armstrong.

Wer auf der Suche nach leicht bekömmlicher und fröhlicher Musik ist, der sollte von diesem Album lieber die Finger lassen, denn dort warten so einige Exemplare, die sich markante Themen auf einen. So steht „Holiday“ als Gegenschlag zur aggressiven Bush-Regierung und die bis heute erfolgreichste Single der Band „Boulevard of Broken Dreams“ verkörpert das Gefühl von Leere und Einsamkeit. In der korrekten Reihenfolge abgespielt, ergeben alle Songs eine zusammenhängende Geschichte, doch auch für sich funktionieren die Kompositionen stabil.

Nachdem wir es aufgenommen hatten, wussten wir, dass wir etwas geschaffen haben, das alles übertrifft, was wir bisher gemacht haben“, lässt Mike Dirnt die Album-Fertigstellung Revue passieren (aus „Bullet in A Bible“).

I think I’m losing what’s left of my mind
to the 20th century deadline“
(„21st Century Breakdown“)

Mit dem steigenden Erfolgskurs wuchs der Trubel um die Kalifornier und auch die Erwartungen an das neue Material. Was hätte da besser gepasst, als ein Stück in drei Akten? Sei es so: aus „Heroes and Cons“, „Charlatans and Saints“ und „Horseshoes and Handgrenades“ bastelten die Jungs 2009 das heiß erwartete „21st Century Breakdown“. Das bewährte Storytelling-Konzept des Vorgängers sollte fortgesetzt werden – mit dem Unterschied, dass die Singles keine feste Reihenfolge haben. Erzählt wird von Christian und Gloria, die sich den Herausforderungen ihrer Zeit stellen. In dem Zuge übt Green Day außerdem erstmals heftige Kritik an der Kirche in Form von „East Jesus Nowhere“ („A fire burns today of blasphemy and genocide“). Der internationale Erfolg des Albums bestätigte die Band an der Spitze des Rock und auch in Deutschland stürmte das Album direkt auf Platz 1 der Charts.

Oh love, won‘t you rain on me tonight“ („Oh Love“)

Es schien, als müssten Green Day ihre Glückssträhne weiter nutzen – und zwar für ein Mega-Projekt in Form von drei Alben, die 2012 jeweils nur wenige Wochen nacheinander veröffentlicht werden sollten. „¡Uno!“, „¡Dos!“ und „¡Tré!“ gelten als Kontrast-Programm zu den sonst ziemlich ernsten Songs und kommen simpler und lustiger daher. Gesundheitlich zeichnete sich bei Billie Joe zusehends der jahrelange Alkohol- und Drogen-Konsum ab, sodass er nach einem völlig eskalierten Konzert in Las Vegas eine Entgiftungskur vollzog.

2015 wurde Green Day mit der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame eine große Ehre zu Teil. Damit zogen sie gleich mit ihren großen Ikonen, wie den Ramones oder The Clash.

I wanna be a celebrity murder“ („Bang Bang“)

Das Werk „Revolution Radio“ entstand 2016 unter einer ganz neuen Maxime, die Billie Joe Ende 2015 twitterte: „Meine Mission für 2016? Die Bezeichnung ‚Pop-Punk‘ für immer zu zerstören“. Im Folgejahr präsentierten sie das solide Rock-Album, das u. a. mit der Single „Bang Bang“, in dem ein Attentäter heroisiert wird, den Nerv der Zeit trifft.

Am 7. Februar geht die Reise mit „Father of All Motherfuckers“ weiter. Der Titel ist so provokant wie nie zuvor, die Vorveröffentlichungen „Father of All“ und „Fire, Ready, Aim“ geben einen Vorgeschmack auf einen neuen Stil. Green Day ist und bleibt eben eine wandelbare Band, die sich bis heute immer wieder neu erfindet. Gleichzeitig prägten die Musiker eine immer währende Konstanz: Seit 1994 arbeiten sie mit Produzenten Rob Cavallo zusammen, bestehen lange aus derselben Formation und Billie Joe bleibt seiner Gitarre aus Kindertagen nach wie vor treu. Eine Band, die im Rock Zuhause ist, gerne in andere Genres vorstößt und es liebt, es nicht immer allen Recht zu machen.

Am 03. Juni treten Green Day gemeinsam mit Weezer in Berlin sowie auf dem Rock am Ring und Rock im Park auf (05.-07.06.).

(Beitragsbild Credits: WMG)

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