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Neuer, deutscher, härter – Rammstein

Es waren einmal 3 Jungs aus dem Osten, die lebten 1994 in einer Wohngemeinschaft und dachten sich, da kann man doch mal zusammen ein Demo machen. Der eine kannte dann einen Korbmacher, der auch Gedichte schrieb. Ein Fünfter wollte auch mitmischen und dann gab‘s einen Keyboarder, der eigentlich gar nicht wollte und überredet werden musste. Demo wurde aufgenommen, ab zum Bandcontest, gewonnen – so oder so ähnlich war die Geburt von Rammstein.

Zunächst noch als Tempelprayers, dann Rammstein Flugschau nach der Ramstein Air Base in Rheinland Pfalz, das hatten sie mal irgendwo gehört und klang ganz cool. Das zusätzliche M steht für „geile Mukke“. Naja, die 6 Jungs wussten es damals einfach nicht besser und man kann den Bandnamen ja noch ändern – glaubten sie.

Beginnen wir am Anfang: 1963 erblickte Till Lindemann in Leipzig das Licht der Welt. Als Sohn eines Kinderbuchautoren und einer Journalistin war ihm das schreiberische Talent praktisch in die Wiege gelegt. Bis zur Musik dauerte es noch ein Weilchen. Zwischenzeitlich war Lindemann Leistungsschwimmer, nahm an der Jugend-Schwimm-EM teil und wurde auch für die Olympischen Spiele in Moskau berücksichtigt. Daran teilnehmen konnte er nicht, denn man fand „klassenfeindliches“ Material bei ihm. Nach dem Ende seiner Schwimmkarriere entschloss sich Lindemann zu einer solideren Berufswahl, absolvierte eine Lehre zum Bautischler und arbeitete handwerklich u. a. als Korbmacher in Schwerin. Mit 23 begann er dann seine Musikerkarriere als Drummer bei Erste Autonome Randalierer Schwerins oder kurz First Arsch.

Oliver Riedel (48), das jüngste, das größte (2m!) und wohl auch das zurückhaltendste Bandmitglied. Nach seiner Ausbildung zum Stuckateur spielte er Bass bei The Inchtabokatables. Zu dieser Zeit lebte er in einer Wohngemeinschaft mit einem gewissen Christoph „Doom“ Schneider und Richard Knuspe

Nach der Scheidung seiner Eltern zog Richard Zven Kruspe mit seiner Mutter zu seinem Stiefvater nach Schwerin. Das Verhältnis war ziemlich gespannt, so dass er nach seiner Schulzeit die Gelegenheit ergriff, eine Ausbildung zum Koch in Hagenow zu machen. Erstmal weg von Zuhause. In Hagenow war nicht so viel los, sodass Richard die meiste Zeit damit verbrachte, allein Gitarre zu spielen. Das Training sollte sich auszahlen.

Bereits als Kind spielte Christoph Schneider Klavier und Trompete, später sogar in einem Orchester. Mit 16 hatte er dann seine erste Band, entschied sich zunächst zu einer bodenständigeren Ausbildung als Funk- und Fernmeldemechaniker. Hier begegnete er das erste Mal Paul Landers. Mehr wurde nicht aus dieser Begegnung – erst mal. Ihr Wege sollten sich später wieder kreuzen.

1964 wurde in Ost-Berlin ein Junge namens Heiko Paul Hiersche geboren. Früh bekam er von seinen Eltern Klavierunterricht, wechselte zur Klarinette und kam schließlich zur Gitarre. Während seiner Ausbildung zum Funk- und Fernmeldemechaniker lernte er Christoph kennen. Im zarten Alter von 20 Jahren heiratete er seine Freundin und nahm ihren Nachnamen an – Landers. Dann verabschiedete er sich vom Heiko und nannte sich nur noch Paul Landers. Erste musikalische Erfolge erntete er mit Feeling B und brachte das erste offiziell veröffentlichte Punk-Album einer DDR-Band raus (Hea Hoa Hoa Hea Hea Hoa).

Und dann ist da noch Christian Lorenz genannt „Flake“ nach dem gleichnamigen Dorf aus „Wickie und die starken Männer“. Mit 14 das erste Mal auf der Bühne – es war nicht sooo der Hit. Dann 2 Jahre später als Keyboarder bei Feeling B durchstartend spielte er zusammen mit Paul. Später kam auch Christoph als Gast-Drummer dazu.

1994 laufen alle Fäden zusammen: Richard Kruspe, Oliver Riedel und Christoph Schneider lebten zusammen in einer Wohngemeinschaft in Ost-Berlin. Alle hatten bereits Banderfahrung und spielten in anderen Gruppen. Jetzt mussten sie nur noch auf die Idee kommen, sich musikalisch zusammenzutun. Diese 3 bildeten den Urschlamm, aus dem Rammstein hervorgehen sollte. Bei einem Konzert von Feeling B in Schwerin lernten Christoph und Paul einen Fan kennen, der texten konnte und darüber hinaus eine außergewöhnliche Stimme besaß: Till Lindemann.

Als Flake der ersten Probe dieses neuen Projekts zuhörte, war er entsetzt: 5 Kerle, die nur Krach machten. Ach Herrjemine. Da wollte Flake auf gar keinen Fall mitmachen und musste mit „Engel“-szungen überredet werden. Schließlich bequemte er sich.

Und so schließt sich der Kreis: Richard, Oliver, Christoph, Till, Paul und Flake hatten zusammengefunden und erschufen Rammstein und damit ihren ganz eigenen Stil. „Tanzmetal“ nennen sie ihn selbst. Eine Art martialischer, rockiger Marschmusik – nur eben für Metalheads.

Rammstein beschränkt sich nicht nur auf Musik. So bestechen ihre Konzerte durch ausgefeilte Showeinlagen, meisterhaft komponiert wie Theaterstücke. Das Publikum weiß nie, was es zu erwarten hat, nur dass es phänomenal wird. Zu jeder Rammstein-Bühnenshow gehören die perfekt choreografierten Pyroeffekte. So stockt den Beobachtern der Atem, wenn sie sehen wie sich Till Lindemann bei „Rammstein“ selbst in Brand steckt – nur geschützt durch einen Asbestanzug. Eine hochexplosive Mischung aus Begeisterung und Furcht erfüllt die ausverkauften Arenen weltweit. Die Mitglieder sind Meister der Selbstinszenierung und lieben es, mit dem Feuer zu spielen.

Vor 25 Jahren brachten Rammstein ihr Debütalbum „Herzeleid“ heraus. Damals noch wenig beachtet, braucht ihr aktuelles Werk nicht mal mehr einen Titel oder den Namen der Band oder ein besonders raffiniertes Cover. Ein einfaches Streichholz genügt. Denn Rammstein ist bekannt.

Rammstein ist mehr als nur eine Band. Mal mit dem Skalpell, mal mit der Axt testen sie ihre Grenzen und gehen gerne mal darüber oder auch weiter hinaus. So nutzten sie 1998 für ihr Video „Stripped“ Filmmaterial der NS-Propagandaregisseurin Leni Riefenstahl. Vielleicht haben sie den Skandal unterschätzt, vielleicht auch voll einkalkuliert. Mit „Links 2, 3, 4“ ließen sie sich erst mal 3 Jahre Zeit, bis sie eindeutig Stellung bezogen. Übrigens wurde das „Stripped“-Video nochmal bei YouTube gepostet, kurz vor Erscheinen des aktuellen Albums. Zufälligerweise passt die Kokettierung mit rechter Symbolik auch diesmal wieder recht gut zur neusten Singleauskopplung „Deutschland“. Darf man das? „Man“ vielleicht nicht, aber Rammstein auf jeden Fall. Provokation, um der Provokation willen. Oder etwa nicht? Rammstein sind Wegbereiter. Als die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ihr Album „Liebe ist für alle da“ indizierte, wehrte sich die Band – und bekam Recht! Nicht nur, dass die Indizierung grob rechtswidrig war, außerdem erstritten die Künstler einen Anspruch auf Schadenersatz! Ein Sieg für Rammstein und für die Kunstfreiheit in Deutschland.

Anna Brauer

Diskografie

1995 Herzeleid

1997 Sehnsucht

1999 Live aus Berlin

2001 Mutter

2004 Reise, Reise

2005 Rosenrot

2006 Völkerball

2009 Liebe ist für alle da

2011 Made in Germany 1995-2011

2019 unbetitelt

EUROPE STADIUM TOUR 2020

25.05.2020 Klagenfurt, Wörthersee Stadion
29.&30.05.2020 Leipzig, Red Bull Arena Leipzig
02.&03.06.2020 Stuttgart, Mercedes-Benz Arena
06.&07.06.2020 Zürich, Stadion Letzigrund
10.06.2020 Ostende, Park De Nieuwe Koers
14.06.2020 Cardiff, Principality Stadium
17.06.2020 Belfast, Boucher Road Playing Fields
20.06.2020 Coventry, Ricoh Arena
24.06.2020 Nijmegen, Goffertpark
27.&28.06.2020 Düsseldorf, Merkur Spiel-Arena
01.&02.07.2020 Hamburg, Volksparkstadion
04.&05.07.2020 Berlin, Olympiastadion
09.&10.07.2020 Décines, Groupama Stadium
13.07.2020 Turin, Stadio Olimpico Grande Torino
17.07.2020 Warschau, PGE Narodowy
21.07.2020 Tallinn, Song Festival Grounds
26.&27.07.2020 Trondheim, Granåsen
31.07.2020 Göteborg, Ullevi Stadium
04.08.2020 Aarhus, Ceres Park

Beitragsbild: Credit-Jes-Larsen

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