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HAMBURGER DES MONATS: Christian Großeholz

Mission auf zwei Rädern

Wir bereiten gespendete Fahrräder für bedürftige Menschen in Hamburg auf“, fasst der gelernte Mechaniker Christian Großeholz die Tätigkeit des Vereins WestWind e. V. zusammen. Unser Hamburger des Monats und sein Team aus Flüchtlingen haben bereits rund 1.500 Drahtesel gefixt und einer Menge einkommensschwacher Menschen ihre Mobilität zurückgegeben. Mit seinem wohltätigen Engagement bringt Christian demnach Integration, Bedürftigen-Hilfe und Umweltschutz unter einen Hut – bzw. auf zwei Räder.

Wie ist das Projekt auf die Beine gekommen?

Gegründet haben Carmen Wilckens und ich den Verein 2015, weil damals viele Geflüchtete in abgelegenen Hallen untergebracht wurden und keine Möglichkeit hatten, in die Stadt zu kommen. Und dann haben wir gedacht, wir machen mal ein paar Fahrräder fertig, damit die Leute ein bisschen mobiler werden. Ich bin Fahrradmechaniker und mache das seit 30 Jahren, Carmen ist in der Verwaltung sehr gut und arbeitet in einer Schienenlogistik-Firma. Zwei Jahre haben wir die Fahrräder ausschließlich für die Geflüchteten gemacht und irgendwann haben wir die Werkstatt für alle geöffnet. Eine ganze Weile haben wir die Räder kostenlos weitergegeben. Mittlerweile – auch weil wir eine gewisse Wertschätzung wollen – nehmen wir für Erwachsenenräder 30 € und für Kinderfahrräder 15 € und das ist ja immer noch ein Witz, wenn man bedenkt, dass es komplett aufbereitete Räder sind.

werkstatt - HAMBURGER DES MONATS: Christian Großeholz

Wer genau arbeitet in der Werkstatt?

Im Prinzip geht es durch alle Altersklassen. Herkunfts-Schwerpunkte sind die typischen Fluchtländer, wie Syrien und Palästina. Wir haben einen Bundesfreiwilligendienstler, der aus Uganda kommt und für ein Jahr in Deutschland ist. Aktuell ist bei uns in der Werkstatt aufgrund des Lockdowns nur noch einer da. Das ist ein Ingenieur aus Syrien.

Weißt du, was deine Mitarbeiter durchgemacht haben?

Eine harte Geschichte, die ich gehört habe, war von einem Menschen, der übers Meer gekommen ist und das Boot, in dem er saß, gekentert ist. Eine Flucht ist normalerweise ziemlich heftig. Als zweites Projekt machen wir auch noch Flüchtlingshilfe in Griechenland. Ich leite den Hamburger Hilfskonvoi und war im Herbst vor Ort und habe mir das Camp dort angeguckt. Wenn man diese Bilder vor Augen hat, muss man gar nicht erst darüber nachdenken, ob die Menschen traumatisiert sind – das sind sie auf jeden Fall, weil die Verhältnisse katastrophal sind. Wir wollen den Menschen hier ganz viel Normalität geben. Bei uns ist die Atmosphäre sehr locker und freundschaftlich.

Was lernen die Menschen bei euch?

Letztendlich ist es mehr als die Befähigung, Fahrräder zu reparieren, es ist die Hilfe zur Selbsthilfe und eigenes Empowerment. Natürlich unterstützen wir auch den Spracherwerb und da sehen wir ganz tolle Erfolge. Gerade bei unserem Mitarbeiter, dem Ingenieur: Der ist 2018 nach Deutschland gekommen und sprach ganz wenig deutsch und mittlerweile spricht er fließend deutsch. Das kommt einerseits durch seinen Fleiß und Ehrgeiz und auch weil er täglichen in der Anwendung der Sprache ist – das hilft wahnsinnig.

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Die bekommen bei dir außerdem eine wichtige Aufgabe …

Ja, sie werden hier gebraucht und ganz vielen ist auch wichtig, dass sie etwas zurückgeben können. Die sind sehr dankbar, dass sie in Deutschland sein dürfen und hier eine Chance bekommen und möchten am gesellschaftlichen Gelingen teilhaben.

Und andersherum: Was lernst du von den Flüchtlingen?

Einen deutlich lockereren Umgang mit fremden Kulturen. Das ist für mich zur Normalität geworden. Früher war das etwas Besonderes, wenn man mit Menschen aus anderen Nationen in direkten Kontakt gekommen ist. Auf persönlicher Ebene war das schon eine neue Erfahrung. Ich fühle mich dadurch etwas weltoffener.

Was erfüllt dich am meisten an deiner Arbeit?

Einmal die Übergabe der Fahrräder und wenn sich Leute wirklich freuen – gerade bei Kindern ist das total schön. Zwischenzeitlich haben wir auch ältere Leute, die mit einem sehr geringen Einkommen leben müssen oder Rentner, die sich nicht trauen, Hartz 4 zu beantragen und da ist die Begeisterung extrem groß, wenn die ihre Mobilität wiederbekommen. Und es ist auch schön, zu erleben, dass Leute ihre Sprachen verbessern und die Begeisterung, wenn jemand alleine sein erstes Fahrrad fertiggestellt hat.

Was ist für dich die größte Herausforderung?

Leute abzuholen, die neu bei uns angekommen sind und zu gucken, welche Aufgaben sie gut bewältigen können und welche Fähigkeiten sie haben. Man könnte denken, Fahrräder reparieren kann jeder, aber das ist bei Weitem nicht so. Manche haben eine Begabung und bei anderen stellen wir fest „Das ist es schon mal nicht!“ (lacht).

Wie sind die Reaktionen auf WestWind?

Es wird immer sehr wohlwollend aufgenommen. Erstaunlicherweise gab es nie Anfeindungen, damit hatten wir anfangs gerechnet.

Wie wird das Projekt finanziert?

Wir bekommen eine Unterstützung, die leider Ende Juni ausläuft. Wie es weitergeht, wissen wir nicht genau. Aus eigener Kraft werden wir bis Ende des Jahres noch arbeiten können und dann müssen wir weiterschauen. Sonst machen wir ungefähr 400 Räder im Jahr fertig und das wird sich wahrscheinlich halbieren. Wir wollen Leute aufs Rad bringen und an der Verkehrswende teilhaben – das ist der zweite Aspekt neben der Flüchtlingshilfe.


So könnt ihr WestWind unterstützen:

Geld-Spenden: Westwind Hamburg e.V.
IBAN: DE54 4306 0967 2030 5282 00
BIC: GENODEM1GLS

Spenden von Rädern, Werkzeug und Fahrradteilen: Neuer Kamp 31, 20359 Hamburg: Samstags, im Sommer 16-19 Uhr / im Winter 15-18 Uhr

Weitere Infos auf der Facebook-Seite: facebook.com/westwindhamburg


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