Alligatoah –  Der Mann mit der Schönheitsmaske

Alligatoah – Der Mann mit der Schönheitsmaske

20. September 2018

Rapper, Schauspieler, Naturliebhaber: Lukas Strobel alias Alligatoah lässt sich in keine Schub­lade stecken und vereint sämtliche Ein­flüsse zu einem Gesamtkunstwerk. Dabei über­schreitet er gern die Grenzen und spricht als Sa­tiremeister The­m­en an, die ihn und viele seiner Zuhörer beschäftigen – in einem lock­erleichten musika­lischen Umfeld platziert, avanciert der 28-Jährige somit zu einem der besten Hip-Hopper Deutschlands. Während seine offiziellen Alben stets einem roten Faden folgen und bestimmte Oberthemen behandeln, hat Strobel vor zwölf Jahren mit „Schlaf­tab­letten, Rotwein“ eine Mixtape-Reihe ins Leb­en gerufen, um sich musikalisch auszu­pro­bieren – ganz ohne Konzept. Das Feedback der Fans scheint üb­erwiegend positiv aus­zufallen, immerhin steht nun der fünfte Teil in den Start­löchern:

Ich hatte mal wieder Lust darauf, eine Platte zu produzieren, die in alle möglichen Richt­un­gen geht – sowohl musikalisch, als auch von der Thematik her. So finden sich auf diesem Werk besonders viele Metal-Elemente wieder. Dieses Genre höre ich privat von klein auf am liebsten – man könnte sagen, ich habe es mit der Muttermilch aufgesogen. Bands wie Sys­tem Of A Down und Slipknot haben mich dur­ch meine Jugend begleitet, weshalb ich froh bin, dass ich für diesen Einfluss nun Ver­wendung finden konnte.“, erzählt Strobel im Inter­view mit OXMOX, „Ich habe mit der Pro­duktion direkt nach der Veröffentlichung von „Musik Ist Keine Lösung“ (2015) ange­fangen und ste­llte fest, dass mir das Songwriting nicht mehr so leicht von der Hand geht. Zum einen, weil ich zu vielen Dingen schon etwas gesagt habe und viele Reime schon verwendet habe, zum an­deren, weil der Anspruch, den ich an mich selbst habe, immer höher wird.“. Doch was lang währt, wird endlich gut. Die 16 Tracks sind fertig und kommen im typischen Alli­gatoah-Gewand daher: „Mein Hauptsteck­en­pferd ist es, ernste Themen in leichtverständ­liche Texte zu verpacken – diese hülle ich dann in ein fröhliches, musikalisches Kleid ein. Ich mag es, Gefühlswelten aufeinanderprallen zu lassen, um den Hörer zu irritieren.“.

Als kleine Überraschung veröffentlicht der Nie­dersachse mit „Fremde Zungen“­ zusätz­lich und erstmalig ein Coveralbum, auf dem er sich vor den Künstlern verneigt, die ihn sein Leben lang auf den Ohren begleitet haben (u. a. Sia, Slipknot): „Es schlummerten zwei Ideen in mir, die dazu führten, die Covers zu pro­duzieren. Zum einen wollte ich schon immer mal Songs im Wald aufnehmen, mit der wun­derschönen Geräuschkulisse, und zum anderen möchte ich den Leuten zeigen, was mich inspiriert hat., merkt Strobel an. „Am liebsten höre ich mir meine Version von „Duality“­ (Sli­pknot) an. Toller Track mit gleichmäßig stark­en Gesangs- und Rap-Parts. Zudem das einzige Lied, in dem ich bewusst die Wald­geräusche, wie Blätter­rascheln oder Baum­stamm­trom­meln ein­fließen ließ.“.

Die Natur trägt nicht nur auditiv einen Teil zu den Stücken bei, sondern auch visuell. „Alles, was meine Sinne wahrnehmen, ist Inspiration. Ich bin einst an einen Industrie-Wald vorbeigekommen. Als ich dort entlang­fuhr, sah ich, dass überwiegend Chaos vor­her­rschte. Doch dazwischen gab es einige Bäume, die geordnet in Reih und Glied stan­den. Diese Struktur – der Mix aus Chaos und Ordnung – habe ich als Bridge in „Raub­kopierer“ eingefügt, weil ich es lustig fand, die Wörter ebenso durcheinander fal­len zu lassen.“.

Die Frage, ob der Rapper solo sei, müssen wir übrigens verneinen. Denn seit 2009 mi­scht er mit einem Anteil von 25 % bei der Hip-Hop-Gruppe Trailerpark mit. Diese glänzt u. a. mit Vulgarität und FSK 18-Kon­zerten. Goldene Schallplatten und aus­ver­kaufte Touren zeigen, dass dieses Kon­zept hervorragend aufgeht. „Zwischen mei­ner Einzel- und Gruppen-Arbeit gibt es kaum Unterschiede. Da jeder Charakter seine Stro­phen selbst schreibt, findet dort ebenfalls zu 100 % Alligatoah statt.“.

Mal ist er ein Arzt, mal Beautyqueen und hin und wieder auch ein Terrorist. Alligatoah kann man als eine künstlerische Maske be­trachten, die stets gewechselt, doch nie abge­legt wird. „Ich verkörpere in meinen Texten immer das krasse Gegenteil von dem, was ich wirklich bin. So bin ich in Wahrheit ein sehr friedliebender Mensch, der am liebsten in der Natur abschaltet – der Protagonist meiner Tracks kann dahingegen gut und gern mal ein cholerischer Umwelt­verschmutzer sein.“, erklärt Strobel, „Ich hatte schon im­mer diesen schauspielerischen Ansatz in mei­­­­ner Musik und will das so auch weiter durchziehen. Es gibt genug Künstler, die stän­dig von sich selbst erzählen. Es wäre ziemlich einschläfernd, wenn ich von mein­em ruhigen und harmonischen Leben be­richt­en würde.“.

Am 03.02.19 wird der spannende Mix aus Musik und Schauspiel auf die Bühne der Sporthalle gebracht – die eingeschworene Band, die aus Gitarrist, Drummer, DJ, Kla­ri­nett­ist sowie BattleBoi Basti besteht, ist auch wieder am Start. „Das wird meine bis­her aufwendigste Show. Angefangen mit ein­er Bleistiftskizze, wie die Bühne aussehen soll, habe ich meiner Crew und den Bühnen­bildbauern schon schlaflose Nächte bereitet. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen … aber ich werde wieder einen Hut tragen!“, freut sich Strobel.

Mit unserer Hansestadt assoziiert der 28-Jährige übrigens ausschließlich Positives: „Als Kind war ich oft und gern im Stadtpark unterwegs – auf den grünen Wies­en habe ich viele schöne Stunden verbracht.“.

Justine Stock

[KS]
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