Uriah Heep – Rockende Stehaufmännchen

Uriah Heep – Rockende Stehaufmännchen

8. November 2018

Sie gelten als einer der ersten Vertreter des Hardrocks und prägten die Musikwelt mit Ev­ergreens wie „Lady In Black“. Benannt nach einer Romanfigur aus Charles Dick­ens‘­ „Da­vid Copperfield“, feiern Uriah Heep nächstes Jahr ihr beachtliches 50-jähriges Jubi­läum. Dass die Briten Bernie Shaw (62, Ges.), Dav­ey Rimmer (49, B.), Russell Gilbrook (54, Dr.), Phil Lanzon (68, Key.) und das einzige Gründungsmitglied Mick Box (71, Git.) nach wie vor rocken können, beweisen sie eindruck­svoll auf dem 25. Studioalbum „Living The Dream“.

Auf der Karriereleiter hatte das Quintett seit jeher viele Hürden zu meistern. Mit dem kom­merziellen, internationalen Erfolg zog sich auch ein ständiger Mitgliederwechsel wie ein roter Faden durch die Bandgeschichte – die Übeltäter heißen Streit, Sucht, Tod.

Es war einmal:

1969 entschieden sich David Byron († 1985, Ges.), Paul Newton (70, B.) und Mick Box dazu, einen neuen musikalischen Weg einzu­schlagen, nachdem sie bereits gemeinsam unter dem Namen Spice spielten. Byron etablierte den Keyboard-Sound, der bis heute noch einen großen Teil zum melodischen Gesamt­kunst­werk beiträgt. Daraufhin verpflichtete Newton den Keyboarder Ken Hensley (73, vorher The Gods), der wenig später den Drummer Lee Kerslake (71, vorher The Gods) an Land zog. Und Newton verpasste der Gruppe den Namen Uriah Heep für das Debüt „Very eavy … very umble“ – die Single „Gypsy“ landete hier­zulande in den Top 30. Ein Jahr später erschien mit „Salisbury“ die zweite Platte, auf der der Mega-Hit „Lady In Black“ – gesungen von Hensley – vorzufinden ist. Vom Erfolg beflü­gelt, folgte im selben Jahr mit „Look At Your­self“ das dritte Werk – bei „July Morning“­ spielte Manfred Mann den Synthesizer ein. Auch die darauffolgenden Alben fanden groß­en Anklang und sorgten letztlich für den inter­nationalen Durchbruch – der Heep-Hardrock lief inzwischen auf europäischen, ameri­kan­ischen und japanischen Plattentellern rauf und runter.

Nachdem Paul Newton bereits 1971 wieder hinschmiss, wurde dieser umgehend von Gary Thain ersetzt – wenn man so will, könnte dies sein Todesurteil gewesen sein … Am 15.09.74 spielten Uriah Heep einen gefeierten Gig in Dallas. Während des Konzertes erlitt Thain ein­en so starken Stromschlag, dass er daraufhin an Herzrhythmusstörungen litt. Diese schwä­chte den Bassisten so sehr, dass die Band sich von ihm trennen musste. Am 08.12.75 fanden Polizisten den leblosen Körper Gary Thains in seiner Wohnung. Ob der Herzfehler letztlich schuld war, kann nicht gesagt werden, da Thain jahrelang heroinsüchtig war. Als neuer Mann am Vier-Saiter wurde John Wetton († 2017, u. a. King Crimson) engagiert, der spä­ter Mitbegründer der Supergroup Asia war. In dieser Konstellation gelang der Grup­pe 1975 mit „Return To Fantasy“ das kom­merziell erfolgreichste Album. Ein Jahr spä­ter verließ Wetton die Band und wurde dur­ch Trevor Bolder († 2013) ersetzt, der zuvor in David Bowies Begleitband (The Spiders From Mars) aktiv war. Während die Posi­tion des Bassisten vorerst endlich geklärt werden kon­nte, wackelte plötzlich der Thron von Da­vid Byron … Der Sänger hatte seinen anhaltenden, exzessiven Alkoholkonsum nicht im Griff, sodass ihn die Krankheit selbst auf der Bühne heimsuchte. Schwache Auf­tritte und Publikumsbeschimpfungen war­en die Folge. Das Ganze gipfelte in internen Streitereien, sodass sich die Gruppe im Sep­tember 76 letztlich von Byron trennte. Die­ser hat seine Sucht nie bekämpfen kön­nen, weshalb er 1985 an den Folgen starb.

Zum Glück hatte Uriah Heep bisher immer das Talent, die Line Up-Lücken schnell schl­ießen zu können. So hieß der nächste Mann am Mikrofon John Lawton (72). Zu­sammen produzierte er mit der Gruppe zwi­schen 1977 & 78 drei Studioalben sowie mit „Live In Europe 1979“ ein Live-Album. Letzteres wurde allerdings erst sieben Jahre später veröffentlich, da Lawton zwischen­zeitlich wieder von Ken Hensley aufgrund von Str­eit­ereien entlassen wurde. Als Nach­folger wurde John Sloman (61) bekannt­gegeben. Das passte Hensley wiederum nicht, wes­halb er Uriah Heep 1980 verließ.

Bis 1986 wurde kein geeigneter Sänger ge­funden, bis schließlich Bernie Shaw ver­pflichtet wurde. Mit ihm am Mikrofon und Phil Lanzon an den Tasten, wurde endlich eine Formation gefunden, die über 20 Jahre lang bestehen blieb. 1987 veröffentlichten sie mit „Live In Moscow“ ihr erstes ge­meinsames Werk: „Diese Platte ist was ganz Besonderes! Denn sie dokumentiert den denkwürdigsten Auftritt, den ich je erleben durfte. Wir waren die erste westliche Rock­band, die offiziell in der Sowjetunion (Rus­sland) auftreten durfte. Ich denke, das war der beste Moment meiner Karriere!“, verriet Mick Box im exklusiven Interview mit OXMOX.

1995 gab es ein erstes Wiedersehen mit John Lawton, der den an seinen Stimm­bändern erkrankten Shaw während einer Tournee in Südafrika, Österreich und Deut­sch­land ver­trat. 1998 erschien mit „Sonic Origami“ das für längere Zeit letzte Studio­album. Am 07.12.01 fanden Uriah Heep mit den ehemaligen Mitgliedern John Lawton und Ken Hensley für einen einmaligen Auf­tritt in London wieder zusammen. Dieser wur­de auditiv festgehalten und in Form von „The Magicians Birthday Party“ auf den Markt gebracht.

2007 bröckelte das Line-Up ein weiteres Mal auseinander. Denn das einstige Gründungs­mitglied Lee Kerslake musste den Drums seiner Gesundheit wegen Lebewohl sagen. Im März 2007 übernahm schließlich Russell Gil­brook die Sticks. 2008 gab’s nach zehn Jahren Studioabstinenz Neuigkeiten: Mit dem pas­senden Namen „Wake The Sleeper“­ erschien die 21. Platte, die Fan-Herzen höh­erschlagen ließ. Doch 2013 schlug das Schick­sal wieder zu – dieses Mal traf es den Bassisten Trevor Bolder: Dieser unterzog sich einer Op­er­ation, auf die eine mehrmonatige Genesungs­pause fol­gte. In dieser Zeit wurde er von John Jowitt (57) und Davey Rimmer vertreten. Mit dem Ziel vor Augen, am 14.06.13 beim Down­load Festival wieder auftreten zu können, schon­te Bolder sich, so gut es ging. Allerdings sollte er sein Ziel nie erreichen … Denn am 21.05.13 erlag er seinem Krebsleiden im Alter von 62 Jahren. So wurde Rimmer fest ins Line-Up integriert. Bis heute wurde an dieser Formation nichts mehr geändert.

Im August dieses Jahrs hat das Quintett mit „Living The Dream“ ihr 25. Werk auf den Markt gebracht: „Wir haben uns ab dem 01.01.18 für 19 Tage im Studio eingesperrt und intensiv an dieser Scheibe gearbeitet – Unter­stützung haben wir vom Produzenten Jay Ruston bekommen, der auch schon mit Stone Sour zusammenarbeitete.“, erklärt Mick Box, „Ich bin mit dem Ergebnis mehr als zufrieden! „Grazed By Heaven“ ist mein Lieblingstrack, da dieser als starker Opener fungiert.“. Die Frage, ob der Albumtitel sein Leben wieder­spiegele, bejaht Mick ganz klar: „Ich lebe meinen Traum seit fast 50 Jahren. Ich war mit ZZ Top und Kiss auf Tournee, habe sehr viel von der Welt gesehen – und mache zudem ganz passable Musik … (lacht).“

 

Mit unserer Hansestadt verbinden sie nur Positives: „Unsere ersten beiden Deutschland-Gigs hat­ten wir ja in Hamburg, außerdem war Deut­schland das erste Land, in dem wir außerhalb von Großbritannien berühmt wurden. Wir kommen immer wieder gern her.“, freut sich Mick, „Wenn wir hier sind, genehmigen wir uns im Hooters einen Drink – manchmal treten wir dort auch spontan auf! Wenn es sich um Lederwaren handelt, eignet sich die Reep­erbahn hervorragen zum Shoppen … (lacht)“.

Um sich vom Musikerstress zu erholen, zieht sich Gründungsmitglied Mick Box am liebsten in sein Haus in North London zurück, in wel­chem er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn lebt. Dabei hört er sich meist „Truth“ – sein Lieblingsalbum – von Jeff Beck an.

Justine Stock

 

[KS]
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