DER LETZTE AN DER BAR

DER LETZTE AN DER BAR

1. März 2018

Gedanken am Tresen des Lebens

von Henning Wehland

 

#13  – Tanz um Dein Leben

„..das ist nur die halbe Wahrheit, wir haben noch fünf Minuten Zeit, das ist unsere letzte Chance, ich hoffe Ihr seid zum Tanzen be­reit…“ (aus dem Song „Tanz um Dein Leben “)

Mitte der 90er Jahre lernte ich meine jetzige Frau kennen. Es war die Zeit, als EDM noch Techno oder House hieß und die Loveparade in Berlin sich auf ihrem Zenit befand.

Wir hatten in Münster diverse – mittlerweile le­gendäre – Clubs. Die angesagtesten DJ´s aus der ganzen Welt gaben sich vor allem im DOCKLAND, im Hafen von Münster, die Klin­ke in die Hand.

Ich war damals noch viel ignoranter, was Mu­sik betraf. Fast alles, was nicht „handge­macht“­ war, konnte ich nur schwer nach­vollziehen. Auch die Partys, die teilweise bis in die Mor­gen­stunden – oder noch länger gingen – waren mir suspekt. Aber aus Liebe zu meiner Frau, bin ich doch öfter mal mitgegangen.

Das DOCKLAND war nicht sehr groß und spätestens ab Mitternacht kannte die Schlange vor dem Laden kein Ende. Trotzdem fiel es mir schwer, meine langsam aufkommende Bewun­derung für dieses Phänomen zu äußern und ich spielte den bockigen Rocker. Ich stellte mich an die Bar und trank ein paar Bier und guckte meiner Frau beim Tanzen zu.

An einem Abend überkam es mich dann doch. Ich nahm mir ein Herz und enterte den Tanz­boden. Anfangs noch sehr unbeholfen, weil ich versuchte meine Rock Moves der Housemusik anzupassen und immer mehr merkte ich, dass ich vor allem meine innere Blockade aufgeben musste, gegen diese Art von „Feiern“.

Für mich war es ein legendärer Abend, weil es wie ein kompletter Gegenentwurf aussah zu Pogotanzen, Stagediving und Rumschubsen.  Und die Tatsache, dass das Publikum ein Quer­schnitt durch die Gesellschaft war, hat bei mir das Eis gebrochen.

Rückblickend betrachtet, war das ein für mich sehr entscheidender Moment. Denn ich habe mich für etwas geöffnet, dem ich vorher mit großen Vorurteilen begegnete.

Auch war dieser Abend für mich entscheidend, mir meiner Definition von Crossover bewusst zu werden. Es ist für mich nicht lediglich eine Musikrichtung, sondern eine Einstellung.

Ich gehöre mit Sicherheit nicht zu den begabt­esten Tänzern, aber wenn ich auf meiner Bar stehe und die Musik mich packt, merke ich, wie bei mir Grenzen oder Blockaden im Kopf fal­len.

Ich wünschte, dass es allen Menschen in Deut­schland so gehen würde, denn ich glau­be, wenn wir zusammen tanzen würden, kön­nten wir die Grenzen in unseren Köpfen viel einfacher verlieren.

Speziell der Bundestag könnte mal eine ord­entlich Houseparty vertragen.

„..und ich fange gleich hier mit Dir an und erkläre Dir Gottes Plan, ich hol noch einmal ganz tief Luft und schreie so laut ich kann:“ Tanz, tanz, tanz um Dein Leb­en…“ (aus dem Song „Tanz um Dein Leben “)

 

[KS]
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