DER LETZTE AN DER BAR

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1. Februar 2018

Gedanken am Tresen des Lebens

von Henning Wehland

 

#12  – Frei

 … es ist soweit, ich bin bereit, das ist die Botschaft für den Chef der Musikpolizei, ich reiß´ alle Fenster auf, damit Du hörst, was ich schrei, ich bin Rocker, Rapper, Hippie, ich bin FREI…“ (aus dem Song „Frei “)

 

 1996 war eigentlich ein bemerkenswertes Jahr. Mit den H-Blockx haben wir ernten können, was wir die Jahre davor gesät hatten. Im Guten, wie auch im Schlechten.

Ostern 1996 hatten wir einen legendären Auf­tritt in der Grugahalle in Essen. Wir waren Co-Headliner mit The Offspring und es spielten noch Mike Ness, Evan Dando und Tocotronic.

Für mich war das natürlich der Wahnsinn. Zwei Jahre vorher haben wir noch in Jugendzentren gespielt und plötzlich gehörten wir irgendwie „dazu“.

Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Men­schen, die sowohl die Lemonheads (Sänger: Evan Dando), als auch Social Distorion (Sänger: Mike Ness) gut findet. Deshalb mus­ste ich auch schmunzeln, dass der Drummer von Mike Ness´Soloband auf seiner Bassdrum „bring me the head of Evan Dando“ stehen hatte.

Ich mag es, wenn Leute ihr Herz auf der Zunge tragen, auch wenn ich nicht der gleichen Mein­ung sein muss. Ich finde wichtig, dass Men­schen klar formulieren können, was sie denken. „Bring me the head of Evan Dando“ war eine sehr klare Formulierung.

Ich habe den Auftritt (Mike Ness) gefeiert. Natürlich nur, weil ich die Band verehre und den Sänger umso mehr.

Während der Show merkte ich, dass die Jungs von Tocotronic mit ihrer Entourage an mir vorbeiliefen und immer mit dem Finger auf mich zeigten und sich kaputtlachten.

Ich habe das am Anfang gar nicht kapiert. Bis mir klar wurde, dass diese Leute unsere Musik und uns nicht mochten. Kritik mag ich nicht, aber ich kann mit ihr umgehen, wenn ich mit meinem Kritiker darüber reden kann. Aber diese Art von „Kritik“ fand ich eher hinter­hältig. Um nicht zu sagen kindisch.

Als ich die Hamburger Jungs darauf ansprach, gab es nichts, womit sie ihr pubertäres Ver­halten erklären konnten. Im Gegenteil: sie lachten nur und sind mir aus dem Weg ge­gangen. Ein Mitglied aus unserer Band machte sich dann die Mühe, herauszufinden, was es mit diesem Verhalten auf sich hätte. Er kon­frontierte sie in ihrem Backstageraum mit der Frage, was ihr Problem mit H-Blockx sei. Die einzige Antwort war: “Ihr (H-Blockx) habt DEN Hardcore kaputt gemacht“.

Damit war wohl gemeint, dass wir im neuen Zeitalter von Musikfernsehen und Musikver­marktung kommerziell zu erfolgreich für unser Talent waren.

Als ich den Text zu dem Song „Frei“­ geschrieben habe, wurde mir bewusst, was mir an der Band und die Art, WIE sie ihre Haltung zum Ausdruck bringen missfällt.

Es geht mir nicht darum, dass es Menschen gibt, die das, was ich tue, nicht mögen oder nicht verstehen. Vielmehr finde ich wichtig, darüber zu sprechen, was mir an meinen Mit­menschen nicht gefällt und umgekehrt. Ich erwarte vor allem von meinem schärfsten Kri­tiker, dass er/sie mir die Möglichkeit gibt, auf Kritik zu reagieren.

Ich weiß zu schätzen, was Tocotronic für die deutsche Musikszene geleistet hat. Und „JA, ich gebe es zu, sie sind eine Band, für die ich großen Respekt habe“.

Dieser Respekt sollte aber auf Gegen­seitig­keit beruhen, finde ich. Freiheit bedeutet für mich deshalb an erster Stelle, mich auch selber in Frage stellen zu können, bevor ich andere in Frage stelle.

Meine Erkenntnis ist: Wenn ich mein Herz auf der Zunge trage, dann muss ich auch be­reit sein mich zu erklären. Dann muss ich auch erwarten können, dass ich Gehör be­komme. Und ich muss in der Lage sein in diesem Diskurs Argumente zu verstehen und zu verkraften. Aber einen Blick in die Augen hat jeder verdient. Und das gilt für mich nicht nur in der Musik.

 

„…Tocotronic hat Hardcore zerstört, seit­dem die Dorfprominenz jeden Scheiß gerne hört…“ (aus dem Song „Frei “)

 

[KS]
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