Guerilla-Gardening - Gärtnern in der Stadt

Guerilla-Gardening – Gärtnern in der Stadt

15. Juni 2018

Wenn am Straßenrand plötzlich ein kleines Blu­menbeet erblüht, Verkehrsinseln über­raschend bunt und gepflegt erscheinen oder Brachflächen in neuem Glanz erstrahlen, dann sind die Verantwortlichen nicht selten An­hänger der Guerilla-Gardening Bewegung. Denn wer Guerilla-Gardening nachgeht, der pflanzt auf Brachflächen, am Straßenrand, auf Grünstreifen, auf Verkehrsinseln und so ziem­lich an jedem Ort, an dem es sich anbietet, Blu­men, Kräuter, Gemüse und Pflanzen aller Art an. Qualifiziert ist dabei jeder, der Lust hat – auch ohne jegliche Vorkenntnisse ist man immer willkommen mitzumachen. Das nötige Wissen ist schnell durch Beobachten und Er­fragen angeeignet und das Säen kann losgehen. Dafür verwenden die freiwilligen Gärtner häu­fig sogenannte Saatbomben – aus Erde, Lehm und Saat hergestellte Kugeln, die einfach auf die gewünschten Flächen fallen gelassen we­rd­en. Beliebt ist außerdem die Moosmilch. Das aus Buttermilch und Moos zusammen ge­mischte Wundermittel wird an Betonpfeilern und Wänden verteilt und mit etwas Glück wächst an den bestrichenen Stellen dann, im starken Kontrast zu dem grauen Beton, grünes Moos. Guerilla-Gardening ist ein weltweiter Trend, der vor allem in den letzten Jahren einen wahren Hype erlebt hat. Überall findet man Artikel, egal ob in der Zeitung, auf Facebook oder auf InstagramGuerilla-Gardening ist eine weit verbreitete Bewegung, die auf der ganzen Welt zahlreich Zuspruch findet. Doch Achtung! Nicht alle Aktionen der Guerilleros liegen im Rahmen des Gesetzes. Denn nicht selten sind die von ihnen bepflanzten Flächen Stadt- oder Privateigentum. Wer da etwas anpflanzt, begeht eine Sachbeschädigung, die in Deutschland mit einer Geldstrafe oder einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft wird. Doch nicht jeder, der Gardening betreibt, tut gleich etwas Illegales. In Hamburg gibt es sogenannte Beetpatenschaften, die es Bewoh­n­ern erlauben, Gärten anzulegen und bestehen zu lassen. Die zuständigen Bezirksämter haben den Trend zur Kenntnis genommen und haben schon einige Grünflächen für Gemein­schaftsgärten freigegeben. Die Betreiber und Mitglieder dieser Gärten ordnen sich jedoch eher als Urban-Gardener ein. Während Guerilleros sich nämlich keine Erlaubnis einholen, sind Urban-Gardener in dieser Hin­sicht sehr pflichtbewusst und handeln meist nur mit gültiger Genehmigung.

Aber warum genau betreiben Menschen Guerilla-Gardening? Die Geschichte des Guerilla-, bzw. Urban-Gardening lässt sich bis auf das New York der Siebziger zurückführen. Dort entstanden schon damals Community Gardens, Gärten, die von den jeweiligen Blocks und Wohnsiedlungen in Takt gehalten wurden. Schon damals war einer der häufigsten Gründe für ihre Gardening Aktionen, dass vielen Großstadtbewohnern die Metropolen schlicht weg zu grau wurden. Sie wollten mehr Farbe, mehr Leben, mehr Freude in das triste Ambiente der Stadt bringen. Mit ihren Projekten erreichten einige der dama­ligen Guerilleros, dass es zu einer enormen Wertsteigerung der Grundstücke kam, da diese aufgrund ihrer ansehnlichen Veränderungen attraktiver für mögliche Käufer und Mieter wurden. Viele Projekte lassen sich auch auf einen Wunsch nach biologisch angebautem Gemüse und Obst, das bedenkenlos gegessen werden kann, zurückführen. Die Bevöl­kerung will sich gesünder ernähren und wer Wert auf chemisch nicht behandeltes Essen legt, der baut dann doch am liebsten selber an. Doch nicht nur wegen der Ernte an sich, auch aus einem Wunsch nach mehr Gemein­schaftssinn heraus, werden Gärten gegründet. Zusammen anbauen, zusammen ernten, zusam­men etwas verändern und die Stadt schöner machen. Die Gemeinschaft der Guerilleros erinnert schon fast an eine kleine Familie und bietet die Möglichkeit neue Leute kennenzulernen, die dasselbe Ziel verfolgen, wie man selbst – die Natur zurück in die Städte holen und dabei Men­schen zusammenbringen. Aber auch viele Umweltaktivisten starten Urban– oder Gue­rilla-Gardening-Projekte. Sie wollen bes­sere Luft in den Großstädten haben, mehr Lebensraum für Insekten schaffen, ein größ­eres Bewusstsein für die Umwelt bei den Bewohnern wecken. Einige sehen die ille­gale Form des Gardening, bei der man sich vorher keine Genehmigung holt, sondern einfach drauf lospflanzt, auch als eine Art von Protest an. Sie vertreten den Standpunkt, dass die Menschen rücksichtslos die Natur zerstören und dass die Städte „zurücker­obert“ werden müssen. Das sorgt nicht selten für Ärger, da sich Anhänger dieses Zweiges des Guerilla-Gardening oft provo­kative Stellen zum Pflanzen aussuchen. Mög­lichst auffällig und skurril – sonst sieht es ja keiner. Auch aus politischem Protest werden oftmals Saatbomben verteilt. So kommt es zum Beispiel vor, das Guerilleros auf Feldern von gentechnisch-behandelten Pflanzen, natürliche Pflanzen säen. Nicht selten landen solche Aktionen in den Schlag­zeilen. Doch genau das ist es, was die verant­wortlichen Guerilleros erreichen wollen. Je mehr Aufmerksamkeit, desto besser. Sie haben schließlich ein Ziel vor Augen, sie wollen der Welt zeigen, dass Nachhaltigkeit wichtig ist und uns alle angeht. Ihr (meist) friedlicher Protest begeistert Menschen auf der ganzen Welt und verbreitet sich stetig in den verschiedensten Ländern. In Jahr 2000 trat London den Trend Guerilla-Gardening in Europa los. Getreu ihrem Motto: „Reclaim The Streets!“ (z. Dt. „Erobert die Straßen zurück!“) und „Widerstand ist frucht­bar“ bepflanzten die Anhänger des Garde­ning eine Verkehrsinsel vor den Londoner Houses of Parliament. Die zuständigen Gue­rilleros waren dabei Kritiker der Globa­lisierung und wollten mit ihrem Unter­nehmen Aufmerksamkeit auf das The­ma lenken, wobei sie, unter anderem, einer Winston Churchill Statue einen grünen Irokesenhaarschnitt verpassten, indem sie Gras auf seinem Kopf wachsen ließen. Auch aus London stammend, ist einer der wohl bekanntesten Guerilleros Richard Rey­nolds. Der Brite schrieb schon ein Buch über seine Erfahrungen und sein Wissen über Guillero-Gardening. Er ist davon überzeugt, dass man sich keine Genehmigungen ein­holen muss, um auf öffentlichen Flächen zu gärtnern. Er selbst ist seit 2004 mit Leib und Seele Guillero und wird inzwischen sogar für seine Gärtnerarbeiten vor seinem Wohn­haus bezahlt. In Deutschland begann alles mit dem Prinzessinengarten in Berlin.-Kreuzberg. Die ehemalige Brachfläche ist heute eine grüne Oase, in der 500 verschiedene Gemüse- und Kräutersorten angebaut und ge­erntet werden. Auch hier lag nicht nur der pure Nutzen im Vordergrund. Die Macher wollten einen Ort der Ruhe für die Bewohner schaffen und hofften, dass sich Menschen hier eine Auszeit nehmen und den Garten als eine Art von Zufluchtsort nutzen würden. Die Grünen äußerten ebenfalls ihre Meinung zu dem Thema und gaben erst vor Kurzem bekannt, dass sie Urban-Gardening in Berlin „ver­wurzeln“ möchten. Auch in Hamburg hat sich das Prinzip der Städtevergrünung durchgesetzt. Überall scheinen sich die liebevoll angelegten Gärten verbreitet zu haben. So gibt es in Barmbek zum Beispiel den FuhlsGarden, der in Zusammenarbeit mit einer Kita aus der Nähe am Leben erhalten wird. Fast jeden Sonntag treffen sich hier, um 15:00 Uhr, die Hobby-Gärtner und säen und ernten ihre Pflanzen. Zusätzlich finden hier auch Kochabende und Gartenfeste statt, auf denen dann das gemein­sam Angebaute genüsslich verkostet werden kann. Dann gibt es noch das Gartendeck auf St.Pauli, das neben Gemüse und Kräutern auch ein Bienenvolk ihr eigen nennt. Ihre Gewächse pflanzen die begeisterten Gardener in Plastik­kisten und auch hier, auf dem Dach einer Tief­garage, genießen die Teilzeit-Gärtner ihre Erträge bei Kochsessions. Der wohl bekan­nteste Gemeinschaftsgarten Hamburgs ist von November bis April in Betrieb. Im Hamburger Karoviertel versprüht die Keimzelle mit Gemüse- und Blumenbeeten gute Laune und in Altona kann jeden Samstagabend das Urban Gardening besucht werden. Es gibt noch zahl­reiche andere Parade-Beispiele an öffentlichen, genehmigten Urban-Gardeing Orten, so unter anderem das Kick´n´Plant in der Hafencity, den Münzgarten Hamburg am Klostertor, den Venusgarten Hamburg in der Neustadt, das Wurzelwerk Hamburg in Eimsbüttel, den Beet-Club in Altona, den Nutzgarten in Dulsberg, den Interkulturellen Garten in Billstedt, den MeiNa in Meiendorf, den Inter­kulturellen Permakulturgarten in Altona und noch viele mehr, die nur darauf warten, entdeckt zu werden!

Wer sich gerne darüber informieren würde, wel­che Pflanzen-, Kräuter- und Ge­mü­se­arten sich für welche Umgebung eignen, der sollte am 17.Juni dem Kräutertag in Horstedt einen Besuch abstatten. Von 11:00-18:00 Uhr können hier, in der Gärtnerei Rühlemann‘s, über 800 Sorten an Pflanzen mit dazugehörigem Saatgut bestaunt werden. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit eine Tour durch das Gewächshaus zu genießen, leckere Food-Stände abzu­klappern oder, mit etwas Glück, sogar eines von 50 Kochbüchern „Weltkräuterküche“ von dem Gärtnerei-Chef Daniel Rühlemann und Sternekoch Wolfgang Pade aus Verden zu gewinnen.


				
[KS]
X