History Nr. 65: Papa Roach

History Nr. 65: Papa Roach

20. Februar 2019

Mit Hymnen, die Generationen geprägt haben und zum Hauptinventar einer jeden guten Party gehören, haben sich Papa Roach schon längst unsterblich gemacht. Doch auf dem Erfolg der Vergangenheit wollten sich die US-Jungs noch nie ausruhen – dass das musi­kalische Feuer nach wie vor in ihnen brod­elt, beweisen Jacoby Shaddix (42, Ges.), Je­rry Horton (43, Git.), Tobin Esperance (39, B.) und Tony Palermo (49, Dr.) einmal mehr auf ihrem 9. Werk „Who Do You Trust?“. Eine Frage, die sich die Gruppe im Laufe ihr­er Karriere immer wieder stellen musste …

Nachdem sich Shaddix, der ausschließlich mit seinem Spitznamen „Coby Dick“ ange­sprochen werden wollte, Horton, Will James (B. bis 1996) und Dave Buckner (Dr. bis 2008) bereits zu High School-Zeiten in Vaca­ville, Kalifornien kennengelernt haben, be­schlossen sie 1993 eine Band zu gründen. Die Vorbilder hießen Faith No More und Rage Against The Machine, weshalb sich der Stil der Jungs stark an u. a. diesen Gruppen orien­tierte. Somit passten sie perfekt in das zu die­ser Zeit aufstrebende Nu-Metal-Profil.

Um sich einen Namen zu machen, mussten sie sich erst einmal einen geben … Auf der Suche nach etwas Prägnantem und Eingän­gigem, dachte Shaddix an seinen Großvater, der mit Nachnamen Roatch hieß und von al­len mit „Papa“ angesprochen wurde. So ei­nigte man sich auf den Namen Papa Roach, der in der künftigen Musikwelt noch eine gr­oße Rolle spielen sollte. Diese Geschichte hat später leider noch einen bitteren Beigeschm­ack bekommen, da sich der Großvater 2006 das Leben nahm.

Mit der neuen Identität machte sich die Gru­ppe an die Arbeit, ihre erste EP zu kreieren. Diese erschien wenig später unter dem Nam­en „Potatoes For Christmas“. Die lokalen Radiostationen spielten die Tracks der bis da­to unbekannten Band rauf und runter, wes­halb die ersten kleinen Erfolge nicht lang auf sich warteten. So konnten sich Papa Roach z. B. Die Support-Gigs für die Deftones oder Fu Manchu sichern. Angestachelt von diesen Erlebnissen, wollten die Jungs keine Zeit ver­lieren und an weiteren Tracks arbeiten. Doch Will James schien nicht mit dem selben En­thusiasmus an die Sache ran zugehen, da er vorher lieber in einem Sommercamp der ört­lichen Kirche arbeiten wollte. So wurde er kurzerhand rausgeworfen und von Ex-Roadie Tobin Esperance ersetzt. Zusammen produ­zierten sie das Demo-Tape „Old Frieds Fr­om Young Years“ sowie die EP „Five Track Deep“. Mit der 1999 erschienenen EP „Let‘em Know“ machte die Gruppe im größ­erem Stil auf sich Aufmerksam, was ihnen ei­nen Deal bei einem Major Label (Dream­Works Records) verschaffte.

Zusammen mit dem Produzenten Jay Baum­gardner verschanzte sich das Quartett in ein­em Studio, um das Debüt-Album zu schreib­en und aufzunehmen. Dieses trägt den Namen „Infest“, erschien am 25.04.2000 und schlug ein, wie eine Bombe. Tracks wie „Last Resort“ oder „Broken Home“ sorgten für den internationalen Durchbruch und verschafften der Platte u. a. in den USA dreifach Platin. Nun wurden auch genreverwandte Bands auf den Übersteiger aufmerksam, sodass Papa Roach als Support für die Touren von u. a. Limp Bizkit und Rage Against The Ma­chine arrangiert wurden. Um keine Zeit zu verlieren, verschanzten sich die Akteure kurz darauf mit dem Produzenten Brendan O‘Brien wieder im Studio, um am 21.06. 2002 „Lovehatetragedy“ auf den Markt zu bringen. Auf diesem Werk zeigten sich die Musiker sehr experimentierfreudig und ließen u. a. den Punk mit einfließen. So distanzier­ten sie sich vom Nu-Metal – arbeiteten sogar mit den Black Eyed Peas zusammen („An­xiety“ auf „Elephunk“). Bei der breiten Mas­se kam das nur bedingt gut an, weshalb die Erwartungen nach dem starken Debüt nur teilweise erfüllt werden konnten. Um einen weiteren Schritt in Richtung „Seriosität“ zu machen, bestand Jacoby fortan darauf, wie­der mit seinem richtigen Namen, statt „Coby Dick“, angesprochen zu werden.

Als Hip-Hop-Fans waren die Jungs 2003 Teil von Eminems „Anger Management“-Tour. Mit dem neuen Input ging es kurz darauf wie­der ins Studio, um zusammen mit Howard Benson das neue „Getting Away With Mur­der“ (31.08.2004) zu produzieren. Während einige Songs (z. B. der Titeltrack) drückend und hart nach vorne schreiten, ließ man hier noch mehr neue musikalische Einflüsse zu. Bei „Scars“ zeigt sich Shaddix von seiner verletzlichen Seite. Generell handeln die Tex­te oftmals von sehr persönlichen Themen … „Jacoby trägt sein Herz auf der Zunge. Und ich denke, es hilft ihm enorm, sein Inneres mit der Musik nach außen zu kehren. Und es gibt ihm ein gutes Gefühl, wenn er weiß, dass er unsere Zuhörer, die vielleicht in einer ähn­lichen Lage stecken, damit erreichen kann.“, verrät Jerry Horton im Interview mit OXMOX.

Nachdem die Kritik zum aktuellen Werk ab­geklungen war, zogen sich Papa Roach an einen ruhigen, fast schon paranormalen Ort zurück … Nämlich in das Paramour Man­sion. Die Villa gehörte einst der Öl-Erbin Daisy Canfield, die 1933 bei einem Autoun­fall ums Leben kam. Zusammen mit Howard Benson wurde dort „The Paramour Ses­sions“ kreiert. Das Album erschien am 12.09.06 und war das erste, das keine Aus­zeichnung für Plattenkäufe gewonnen hat. Das mag schon gruselig genug klingen, doch es geht noch schlimmer … Denn den Arbeits-Prozess in der Villa kommentiert Shaddix wie folgt: „Ich wurde zwischenzeitlich von surrealen Wesen heimgesucht, hatte körper­losen Sex mit den Geistern des alten Holly­wood, habe gelernt, Gespenster zu sehen. Dazu kommt, dass ich jetzt weiß, wie es sich anfühlt, wenn dein Körper von einem Geist durchquert wird. Am Ende der Sessions war uns klar, dass wir verdammt noch mal ab­hauen müssen, sonst wären wir noch kom­plett verrückt geworden.“.

So schlimm schien es dann aber doch nicht gewesen zu sein, denn auch die folgende Platte „Metamorphis“, die am 24.03.2009 erschien, wurde dort zusammen mit Jay Bau­mgardner produziert. Wenn auch mit einem Wechsel im Line-Up. Denn 2007 nahm sich Drummer Dave Buckner zwangsweise eine Auszeit, um sein Drogenproblem in den Griff zu kriegen. Nur ein Jahr später verließ er die Band dann vollständig, um sich selbst in eine Entzugsklinik einweisen zu können. Damit war das Kapitel Buckner leider noch nicht beendet, denn kurz darauf verklagte er u. a. Papa Roach wegen angeblich nicht gezahlter Tantiemen. Zudem forderte er, dass sich die Band sowie sämtliche, dazugehörige Firmen auflösen. Ob die Anklage vollständig abge­wiesen werden konnte, ist nicht bekannt. Of­fensichtlich kam Buckner mit seinem Wu­nsch der Trennung nicht sonderlich weit.

Also musizierten die Kalifornier fröhlich weiter und konnten mit Tony Palermo einen adäquaten Ersatz an den Drums finden. Das erste Produkt mit dem neuen Line-Up heißt „The Connection“ und erblickte am 28.09.2012 das Licht der Welt. Die dazu­gehörige Tournee musste abgeblasen werden, da Shaddix lange mit einer Hautkrankheit zu kämpfen hatte. Doch wenn es nach dem Sän­ger geht, kam ihm diese Tour-Auszeit so­wieso ganz recht, da das rumreisen früher od­er später sehr auf die Psyche geht. „Du musst lernen, deinen Kopf Zuhause zu lassen und die Gedanken auszuschalten. Sonst zermürbt dich dieser Alltag, der überwiegend im Bus stattfindet.“, erläutert der 42-Jährige, „am meisten vermisst du deine Liebsten – des­wegen ist es wichtig, so viel Kontakt, wie mö­glich zu ihnen zu haben.“. In diesem Falle spricht Shaddix wohl von seiner Ehefrau Kelly und deren drei Kindern. Wenig später wurde die Tour dann aber doch – stellenweise mit Stone Sour im Gepäck – nachgeholt.

Kurz darauf stand die Veröffentlichung von „F.E.A.R.“ (23.01.15) an, das die Elektro-Experimente der Vorgänger noch weiter aus­führt und gekonnt mit eingängigen, harten Riffs gepaart wurde. In Deutschland landete das Werk somit in den Top 10 der Charts … Etwa zwei Jahre später – am 19.05.17 – kam mit „Crooked Teeth“ schon das nächste Al­bum auf den Markt, das bei den Fans auf­grund der stilistischen Ähnlichkeit zu den Anfangszeiten sehr gut ankam. Besonders die Single „Help“ fand großen Anklang … „Der Track klingt wie ein fröhlicher Rocksong, der zum Mitgröhlen anregt. Der Text dahinter ist jedoch bitterernst. Das haben wir bewusst so konzipiert, da das die Art von Musik ist, die wir am liebsten machen.“, verrät Horton.

Die neu errungene Kreativität mag wohl auf die Drogen-Abstinenz Shaddix‘ zurückzu­führen sein. Inzwischen ist er seit sechs Jahr­en clean, doch der Weg dahin war sehr schw­er. „Ich habe 13 Jahre lang versucht, den Drogen und dem Alkohol zu entkommen, do­ch am Ende haben die Rauschmittel immer gesiegt.“, gibt der Frontmann zu, „Irgendwa­nn habe ich mir Auftritte von uns angeschaut, bei denen ich offensichtlich völlig benebelt war. Ich habe mich selbst nicht mehr erkannt – da wurde es Zeit für mich, aufzuwachen.“. Glücklicherweise hat der Sänger den Kampf gewonnen und erkannt, dass es nur von Vor­teil ist, wenn er klar im Kopf ist.

Nachdem die geplante Tour mit Of Mice And Men im Sommer 2017 aufgrund gesundheit­licher Probleme von deren Frontmann Austin Carlile abgesagt werden musste, entschloss sich das Quartett dazu, keine Zeit zu verlieren und bereits die nächste Platte in Angriff zu nehmen. „Seltsamerweise entstanden unsere bisherigen Alben bislang ausschließlich im Winter“, lacht Shaddix. „Irgendwie habe ich immer davon geträumt, mal eine CD am Strand zu komponieren, also haben wir uns ein paar Instrumente geschnappt, ins Auto geladen und sind Richtung Meer gefahren.“. Seit dem 18.01. steht „Who Do You Trust?“ in den CD-Regalen und es wird deutlich: die neuen Einflüsse scheinen sich sehr positiv auf die Produktion ausgewirkt haben, denn die Scheibe strotzt nur so vor Vielfalt. Ange­fangen mit dem derben Opener „The End­ing“, über das rhythmisch Hip-Hop-lastige „Who Do You Trust“, bis hin 83-sekündigen Punkrock-Schätzchen „I Suffer Well“ … „Das war das Lied mit dem größten Spaß­faktor“, freut sich der Sänger. „Ich bin mit dem Mikro in der Hand quer durchs Studio getobt, habe wie ein Schwein geschwitzt und voll die Kontrolle verloren. Die Aufnahme ist ein One-Take.“.

Bei all den musikalischen Highlights, sollten sich die Zuhörer die Zeit nehmen, um vor al­lem auf die Texte zu achten. Denn diese spie­geln einmal mehr das Innere des Frontman­nes wieder … „Textlich erzähle ich weiterhin von meinem Kampf mit mir selbst. Und der ist alles andere als einfach. Das Thema ,Ver­trauen‘ zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. Wem kann ich vertrauen? Mir? Meinem Partner? Den Stimmen in meinem Kopf? Unserer Regierung? Ich mag den Tit­el, weil er den Hörer in diese Fragen mit ein­bezieht.“. So kann diese Platte durchaus als Gesamtkunstwerk bezeichnet werden und so­llte selbst jene Fans abholen, die sich mit Ver­änderungen und Variabilität schwer tun. „Wir experimentieren mit unserem Stil schon seit unserem zweiten Album herum. Dabei nehm­en wir uns Queen oder Muse als Vorbild, die das ebenfalls konsequent durchgezogen hab­en. Natürlich mögen wir nicht alles, was die­se Bands produziert haben aber das gehört eben dazu.“, erläutert Horton. „Wenn wir uns nicht immer mal wieder neu erfinden würden, wären wir längst nicht mehr relevant und wahrscheinlich würde es uns dann auch gar nicht mehr geben.“.

Um im Gespräch zu bleiben, gönnen sich Papa Roach sehr selten Ruhepausen – sie wollen ständig in Wallung bleiben. Deshalb geht es nun, kurz nach der Veröffentlichung, wieder auf Tour. Im Sommer verschlägt es die Jungs für einzelne Festivals nach Europa – eine ausgiebige Hallentour soll ebenfalls folgen. Und Fans können gespannt sein: „Auf der kommenden Tournee werden wir produk­tionstechnisch einen Schritt nach vorne ma­chen und den Fans die größte Show bieten, die wir je gefahren haben.“, freut sich Shad­dix.

Justine Stock

[KS]
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